Zugegeben, das erste Wort in der Artikelüberschrift wirkt vielleicht, als ob ich den Text auf dem Smartphone geschrieben und die Autokorrektur zugeschlagen hätte. Aber weder die Autokorrektur noch ein Tippfehler sind für „gitgud“ verantwortlich. Tatsächlich ist es ein Synonyme aus der Gaming-Szene für „get good“, übersetzt also „werde besser“. Das wird vor allem bei kompetitiven Online-Games gegenüber Neulingen und den Spielern verwendet, die vielleicht nicht gerade die Besten im Team sind.

Für mich verbinde ich gitgud vor allem mit denjenigen Games, die man der Sparte soulslike zuordnen kann. Denn diese Art Spiel, die meiner persönlichen Ansicht nach aufgrund der ausschlaggebenden Spielmechaniken auch als Genre benannt werden könnte, hat mein Zockerherz im Nu erobert. Wenn auch eigentlich erst mit ein paar Jahren Verzögerung. Was mich zu diesem Masochismus bewogen hat und warum ich davon keine Minute bereue und ob ich mich selbst als „gitgud“ ansehe, möchte ich in den folgenden Zeilen vertiefen.

Und so beginnt es…

Welcher Gamer kennt es nicht. Dieses schöne Gefühl, wenn mal wieder ein Abspann über den, wahlweise Fernseher oder Bildschirm, flackert, man die eine oder andere Szene im Kopf nochmal durchgeht und ein Spiel endgültig abgeschlossen ist. Zumindest bei mir kommt wenige Momente später auch die Frage: und jetzt? Habe ich noch was hier, das mich aktuell begeistern und fesseln könnte? Kaufe ich mir etwas Neues?

HIER BIN ICH!!!!! Ja, dieser Schrei kommt vom „Pile of Shame“, also dem Stapel Spiele, die man sich irgendwann mal geholt aber nie durch- und oft auch noch nicht einmal angespielt hat. Es ist August. Wir schreiben das Jahr 2016. Der Abspann flackert über den Bildschirm, auch wenn ich heute keine Ahnung mehr habe, welcher Titel es war. Aber dann begann alsbald die Suche nach dem nächsten Titel, der mich herausfordert, durchgespielt zu werden. In diesem sehr warmen August, an einem Wochenende, in einer extrem aufgeheizten Dachgeschosswohnung in NRW beginnt das Grübeln und die Suche. Zumindest, wenn nicht gerade wieder zwei Hobbits von draußen versuchen, einen komischen Ring durch eines der alle samt offen stehenden Fenster hereinzuwerfen.

Rausgehen und das schöne Wetter genießen? Leider allergiebedingt aktuell keine Option. Offene Fenster sind im Grunde schon ein großes Problem. Was nun? Bewusst wechsle ich die Perspektive und meine Position: von der Couch und der Konsole hin zum PC und zu meinem Katalog in Steam. Nö, nichts dabei. Also öffne ich YouTube und vertreibe mir mit ein paar Videos die Zeit, auf der Suche nach Inspiration. Tatsächlich werde ich bei den Kollegen von IGN fündig. Hier gibt es, wohl schon seit März, eine Videoreihe mit dem Namen „Prepare to try“, wo es sich drei Redakteure zur Aufgabe gemacht haben die Frage zu klären, ob ein Dark Souls Newbie den ersten Teil der Reihe durchspielen kann, bevor Teil drei veröffentlicht wird. Auch wenn das Video eigentlich schon vom März 2016 ist, gefällt mir auf Anhieb der Humor der drei Redakteure, auch wenn ich Dark Souls auf dem PC irgendwann mal bei einem Sale mitgenommen und nach 1,5 Stunden wieder abgebrochen habe.

Diese drei Jungs, der Humor und vor allem das Daniel Krupa, der Mittlere der drei, permanent Storyhintergründe erklärt, wecken dann irgendwie mein Interesse. Dark Souls. Das ist doch dieses ultra schwere Hardcore Rollenspiel was ich abgebrochen und als optisch grottenhässlich und ansonsten so unfair empfunden habe. Ehe ich mich versehe bin ich schon bei der dritten Folge meines künftigen Samstagmorgencartoons und lade parallel Dark Souls Prepare to Die in Steam herunter. So beginnt meine lange Reise durch viele soulslike Titel.

Soulslike ist nun was genau?

Auch wenn der Übergang vielleicht fließend ist, geht es vor allem um einige Kernmechaniken. Dazu gehört, dass besiegte Gegner (außer Bosse!) nach dem Bildschirmtod gemeinsam mit dem eigenen Spielcharakter wieder auferstehen. Erfahrungspunkte, in der Dark Souls Reihe Seelen genannt, gibt es für jeden erledigten Feind. Geht der eigene Charakter zu Boden, liegen an genau dieser Stelle nun aber auch erstmal alle Seelen, die man bisher mit sich rumgeschleppt und nicht für Stufenaufstiege oder Ausrüstung ausgegeben hat. Schafft man es ohne weiteres Ableben an diese Stelle zurück, kann man die verlorenen Seelen wieder aufsammeln. Schafft man es nicht, sprich stirbt man auf dem Weg, sind sie für immer verloren. Da es aber keine Speichermöglichkeit für die Seelen gibt und man nach jedem Stufenaufstieg mehr Seelen für den nächsten Stufenaufstieg braucht, wird man immer von dieser besonderen Angst begleitet, den Blick immer auf die Seelenanzeige untern rechts gerichtet.

Nur noch ein Heiltrank übrig, genug Seelen in der Tasche für zwei Levelaufstiege und immer noch keine Abkürzung zum letzten Leuchtfeuer in Sicht. Und auch noch kein neues Leuchtfeuer, dass dann einen Rücksetzpunkt tiefer im Level darstellt. Gehe ich weiter? Riskiere ich draufzugehen und am Ende all die schon besiegten Gegner erneut besiegen zu müssen, wenn ich hinter der nächsten Ecke umgehauen werde? Wo dieser Gang hier wohl hinführt? Soll ich vielleicht doch besser zurück zum letzten Leuchtfeuer gehen und aufleveln? Diese Kombination aus Erkunden, aufleveln und an der eigenen Risikobereitschaft feilen, macht einen besonderen Reiz aus. Auf der anderen Seite ist grundsätzlich jeder „Standardgegner“ in der Lage, den eigenen Kämpfer auf die Bretter zu schicken. Ein durchrushen, weil man meint, man wäre „overpowered“ (kurz: op), funktioniert hier nicht. Naja, außer man hat nichts zu verlieren und startet bewusst einen durchaus legitimen „Selbstmordlauf“ (Suicide-Run), bei dem man nur versucht, ohne zu kämpfen, soweit wie möglich zu kommen und sich die Gegend anzusehen.

Jede Konfrontation erfordert Respekt vor dem Gegner, das im Auge halten der Umgebung und Lesen lernen der Bewegungen und Angriffe all der Dinge, die einem die Spielwelt aggressiv entgegenwirft. Dabei bieten die Dark Souls Titel und auch Bloodborne (alle diese Spiele stammen von FROM SOFTWARE) keine herkömmliche Speicherfunktion. Es gibt keine Schnellspeicherfunktion und aufgrund der besonderen Online-Mechaniken der Souls-Reihe auch keine Möglichkeit, das Spiel zu pausieren. Gespeichert wird im Grunde permanent, so dass sich nichts rückgängig machen lässt.

Spielen parallel zu einem Lets‘ Play?

Mit dem Wissen und den Tipps aus den ersten drei Episoden von Prepare to Try starte ich nun also meine eigene Reise durch die Welt von Dark Souls und ich habe mir fest in den Kopf gesetzt, diesen Titel durchzuspielen. Und es war ein verdammt langer, harter, anstrengender und trotzdem immer wieder lohnenswerter Kampf durch ein Spiel, dass auf der einen Seite jeden Fehler hart bestraft und auf der anderen Seite mit so vielen Kleinigkeiten so viel richtig macht. Denn ich kann mich nicht erinnern, wann ich mich das letzte Mal so sehr gefreut habe, wenn ich in einem Spiel wieder ein Stück weitergekommen bin. Und gerade die Freude über einen besiegten Boss, Freude über das Freischalten einer Abkürzung zum letzten Checkpoint, also dem Leuchtfeuer und ein bisher unbekanntes Gebiet zu entdecken, motivieren ungemein.

So habe ich mich parallel zum Lets Play durch meinen ersten soulslike Titel gekämpft. Und ja, im Grunde ist das doch irgendwie so, als hätte ich gecheatet, oder? Auf der anderen Seite hätte ich ohne diese und andere Videos und das tiefe Einlesen durch zahlreiche Wikis zum Verstehen vieler Mechaniken des Spiels, nie den Einstieg gefunden oder gar das Ende erreicht. Und wenn es etwas gibt, was Dark Souls nicht tut, dann ist es viel erklären. Der Umgang mit der Ausrüstung und der Stufenaufstieg entspricht im Grunde bekannten Rollenspielmechaniken. Aber wie Schadensarten funktionieren, was für Abkürzungen es wie wo auf welche Art zu entdecken gibt und was überhaupt alles tatsächlich möglich ist, erfährt man im Grunde nur durch extrem viel ausprobieren, lesen und den Austausch mit anderen Spielern. Aber genau das, diese Einarbeitungsmöglichkeiten, haben mich bei der Stange bzw. (auch am PC Pflicht!) beim Gamepad gehalten. Inkl. DLC habe ich fast 120 Stunden Lebenszeit in meinen ersten Dark Souls Durchlauf gesteckt. Und ich war oft genug kurz davor, mein Vorhaben abzubrechen.

Wer zu spät bekommt, der kämpft alleine gegen Ornstein und Smough!

Unter Einhaltung der richtigen Voraussetzungen kann man in Dark Souls an bestimmten Stellen NPCs als Helfer beschwören und auch andere Spieler in das eigene Spiel als Unterstützung rufen. Auch dieses System habe ich verwendet, schließlich bietet es das Spiel ja nun Mal an. Wobei man, vor allem in Dark Souls 1, schon mal auf andere Spieler trifft, die, und das kann ich nur vermuten, schon das eine oder andere New Game+ gespielt haben und dementsprechend extrem stark sind. Das hat in den fordernden aber eigentlich niemals unfairen Bosskämpfen auch mal einen schalen Beigeschmack mit sich gebracht: wenn ein Boss, an dem ich zuvor schon unzählige Mal alleine als auch in KI-Begleitung gescheitert bin, in unter zwei Minuten mit menschlicher Hilfe zu Boden geht, nimmt es einem doch das Gefühl eines ehrlichen Sieges.

Auf der anderen Seite steckte ich in Anor Londo im Kampf gegen Ornstein und Smough, fast sechs Wochen lang alleine fest. Es gab einen aus meiner Sicht nutzlosen NPC als Unterstützung aber keine Menschen. Und warum? Weil 2016 Dark Souls auf dem PC einfach schon fünf Jahre alt war, Grinden einem keinen Vorteil verschafft und dieser Bosskampf einfach ein extremes Hindernis für mich war. Ja, war. Nach sechs Wochen habe ich es mit einem anderen Spieler und dem NPC endlich geschafft, den Kampf, bei dem man es mit zwei Bossen gleichzeitig zu tun bekommt, erfolgreich zu beenden. Dieser Spieler war nicht op und ich war glücklich wie noch nie zuvor in diesem Spiel. Anschließend bin ich noch zum nächsten Leuchtfeuer, aufleveln und dann habe ich den PC ausgeschaltet und meinen Sieg auf der Couch mit einem Film und einer Pizza vom Lieferservice gefeiert.

Wenn ich es kann, dann kann das jeder!

Heute, während ich diesen Artikel hier verfasse, habe ich ein paar mehr Titel erfolgreich beendet. Nach Dark Souls 1 kam Dark Souls 3 dran. Anschließend Lords of the Fallen, die DLCs zu Dark Souls 3 und dann?

Dann kam Bloodborne mitsamt DLC dran. Dicht gefolgt von The Surge. Bei Lords of the Fallen und The Surge, zu letzterem erscheint bald die Fortsetzung, gab es keinen Online-Modus und keine NPC-Unterstützung. Die Rückkehr Ende 2018 zu The Surge im „A Walk in the Park“ DLC hat meine Vorfreude auf The Surge 2 übrigens immens gesteigert. Auch Nioh habe ich erfolgreich durchstehen können.

Seit dem bin ich eine Art selbsternannter Botschafter für soulslike Titel und versuche immer und überall die Gamer unter uns, die es bisher nicht versucht haben, sich doch diesen Titeln mal zu nähern. Und nicht nur das, sondern sich mental so drauf einzuschwören, dass man, wenn man ohnehin auf actionlastige Rollenspiele steht, bei denen man sich reinfuchsen muss, das eigene Mantra lautet nicht aufzugeben. Du kommst nicht weiter und willst einen Tipp? Na dann gitgud! Get good! Werde gut! Mach es wie Barney aus How I met Your Mother: „wenn ich schlecht drauf bin, höre ich auf schlecht drauf zu sein und bin einfach super drauf!“

Übrigens soll das auf keinen Fall heißen, dass ich mich jetzt besser sehe als andere Spieler. Christoph hat im Artikel über Entschleunigung als Gamer meiner Ansicht nach nachvollziehbar beschrieben, wieso es nicht immer schwer oder anspruchsvoll sein muss. Ich freue mich einfach nur, wenn die Spieler, die eigentlich Herausforderungen suchen, sich diesen Herausforderungsschwergewichten stellen und dadurch die Chance bekommen genauso viel Spaß damit zu haben, wie ich ihn haben durfte. Ich bin eigentlich niemand, der Spiele mehrfach durchspielt. Das war früher als Kind/Teenager noch anders. Da musste man mit dem Spiel, was man sich vom Taschengeld und Zeitungen austragen kaufen konnte, einfach lange auskommen. Finanziell war das gar nicht anders möglich. Da hat man Spiele auch öfter durchgespielt. Ja, Gothic 2, du bist gemeint!

Trotzdem konnte ich nicht die Finger von Dark Souls Remastered auf der PS4 lassen und habe hier wieder unzählige Stunden versenkt. Ornstein und Smough habe ich dieses Mal ganz alleine erledigt, voller Stolz, und ich musste dann auch jede noch so schwierige Trophäe freispielen und konnte es mit Begeisterung platinieren. Die Jungs von Prepare to Try haben sich übrigens Ende 2018 von IGN verabschiedet und ihren eigenen YouTube Kanal mit dem Namen RKG (Rory Krupa Gav) gestartet und das sehr erfolgreich. Ihr erstes Projekt: Dark Souls 2! Und ich bin seit der ersten Folge mit dabei. Dieses Mal konnte ich mich aber nicht mehr zurückhalten und nicht nur soweit spielen, wie die Jungs in den veröffentlichen Episoden bisher gespielt haben. Tatsächlich sind sie mit Episode 8 im eisernen Schloss und ich habe das Spiel schon durch. Denn ich habe mir dieses Mal selber eine Frage gestellt: Kann ein Nerd Dark Souls 2 durchspielen, bevor Sekiro, der neueste Titel aus dem Hause FROM SOFTWARE, veröffentlicht wird?

Ja, kann bzw. konnte er. Und ich kann nicht erwarten Sekiro, nun wo Dark Souls 2 beendet ist, zu starten. Dann wartet im Sommer auch noch The Surge 2 auf Fans von soulslike Titeln und es gibt mittlerweile einen Haufen Indie-Titel, die ebenfalls dem soulslike Prinzip Folgen. Einen Blick wert sind für die Interessierten unter euch vielleicht Hollow Knight, Salt and Sanctuary, DarkMaus und Titan Souls. Und wer weiß, vielleicht wird mein nächstes Projekt ja doch, auch Dark Souls 2 auf Platin zu spielen.

Doch habe ich das geforderte Ziel, „gitgud“ erreicht? In gewissen Teil bestimmt, immerhin habe ich auch reine Singleplayer-Titel nach der soulslike Machart erfolgreich beendet. Auf der anderen Seite habe ich bei Dark Souls 2 einige Male ganz schön was einstecken müssen. Aber Hauptsache ist, ich hatte und habe weiterhin Spaß. Darum geht es bei unserem Hobby doch, oder? Schließlich will ich weder ein Speedrunner werden, noch Dark Souls mit Donkey Konga Bongo-Controllern oder Gitarren-Controllern durchspielen.

Also, trau Dich! Und gib nicht auf!