Far Cry 4 hat den kleinen, rüpelhaften Bruder Far Cry Primal. Genauso hat Far Cry 5 nun eine kleine Schwester bekommen. Statt aber in eine ferne Vergangenheit zu reisen, geht es mit Far Cry New Dawn nach den Ereignissen vom fünften Teil weiter. Ob der postapokalyptische Nachfolger etwas kann, erzähle ich euch im Test.

Nach mir die Sintflut

Achtung Spoiler welcher vermutlich durch die Werbung keiner mehr ist. Am Ende vom fünften Teil explodiert eine Atombombe in Hope County und hinterlässt nichts. Die Menschen die sich in Bunker retten konnten, kehren nach 6 Jahren in ihren Packerverstecken wieder zurück auf die Oberfläche und fangen an, das von der Natur übernommene Land wieder zu bevölkern. Aber auch Far Cry New Dawn hält sich an die Regeln des Wahnsinns. Und wiederholt abermals die Formel der Reihe. So gibt es auch in diesem Teil die typische Gruppierung, welche von einem Fanatiker angeführt wird. Naja eigentlich sind es diesmal sogar zwei, denn die Zwillinge Mickey und Lou führen die Highwayman an und unterdrücken Hope County mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln. Carmina, eine Zivilistin, sucht außerhalb von Hope County nach Hilfe und stößt auf die Truppe um Thomas Rush. Ein Problemlöser und Stratege, welcher schon anderen Gruppen geholfen hat, und dem auch unser Charakter hörig ist, ein namenloser und stummer Protagonist, welcher nur auf den Titel Captain hört und zu dem wir im Laufe des Spiels keine Beziehung oder überhaupt ein emotionales Interesse aufbauen. Micky und Lou heißen uns natürlich in Hope County gebührend willkommen, indem sie unseren Zug sprengen und Thomas Rush erst einmal als Geisel nehmen. Der Captain kann fliehen und stößt in der Basis Prosperity zwar auf nicht ganz hilflose Zivilisten, diese benötigen aber dennoch die Hilfe von Thomas Rush und seiner Truppe. Wir machen es uns zur Aufgabe, mit Prosperity der Bevölkerung eine sichere Zuflucht zu bieten, Thomas Rush zu befreien und den Highwayman das Handwerk zu legen.

Die Story wird im Allgemeinen durch Hauptmissionen vorangetrieben. An bestimmten Punkten starten wir neue Kapitel, welche aber an sich keine Auswirkungen auf die Umgebung haben. Zu Beginn eines neuen Kapitels gibt es unabhängig von unserem Protagonisten immer mal wieder kleinere Zwischensequenzen, mit denen wir ein wenig den Hintergrund verschiedenen Charaktere erfahren. Insgesamt wird die Story durch die Hauptmissionen linear erzählt ohne große Umwege oder Schnörkel. Der Schuss Wahnsinn war auch schon in Far Cry 5 im Humor zu entdecken. Leider steht Far Cry New Dawn gerade dem Postapokalyptischen in vielen Punkten nach.

Eine Priese Mad Max

In Hope County ist nach der großen Explosion nichts mehr, wie es mal war. Gerade Technik ist eines der höchsten Güter in dieser Welt. Aber allen voran Ethanol. Warum? Das weiß ich nicht genau, hier kann ich nur Thesen aufstellen, die ich bisher aber nicht untermauern kann. Vielleicht weil sich damit Stromaggregate betreiben lassen? Oder sind die Rednecks so hart gesottene Trinker, dass sie vor nichts zurückschrecken? Insgesamt versprüht der Ethanolwahn einen Hauch Mad Max-Feeling in dieser Welt. Mit Ethanol sichern wir Prosperity ab, wodurch wir Dinge freischalten wie bessere Werkbanken, neue Expeditionen, Heilkräuter in der Basis oder mehr Schatzkarten. Sprit ist aber nicht das einzige, was wir benötigen. Bauteile und Unmengen an Panzertape werden für Waffen- oder Fahrzeugbau benötigten. Schließlich wissen wir doch alle: Panzertape hält die Welt zusammen und hat es nicht gehalten, war es nicht genug Panzertape. Mit allem was wir in der Welt tun sammeln wir fleißig Materialien und Vorteilspunkte. Zweitgenannte können wiederum für Fähigkeiten ausgegeben werden, um beispielsweise mehr Waffen tragen zu können oder länger zu laufen. Alles was wir in Hope County tun gibt uns im Endeffekt all die Güter, die wir benötigen. Und die Aktivitäten sind zahlreich: Stützpunkte der Highwaymen einnehmen, Tankwagen oder Gefangenentransporte abfangen, Tiere jagen, Expeditionen machen, Packerverstecke aufdecken oder die Welt allgemein erkunden. Gerade die Stützpunkte sind nicht ganz unwichtig, ermöglichen sie uns das Schnelle Reisen über weitere Distanzen. Zwar ist Hope County bei weitem nicht mehr so groß wie im direkten Vorgänger, dafür erweisen sich die Fahrten zwischen A und B durch das Fehlen von Flugzeugen aber dennoch als Zäh. Da hilft der gut funktionierende Autopilot in Fahrzeugen zwar, es ist der Immersion aber nicht wirklich dienlich, wenn ich mich während der Fahrt zurücklehne und meine Nachrichten auf dem Handy checke.

Das Craftingsystem ist, wie auch Missionen und Gegner, in vier verschiedene Stufen separiert. Durch den Ausbau unseres Hauptquartiers Prosperity schalten wir nach und nach die dringend benötigten besseren Waffen frei um den ansteigenden Kugelschwämmen in Form von Gegnern mehr entgegensetzen zu können. Problematisch sehe ich hier aber die Ingame Monetarisierung. Die Entwickler geben uns zwar zu Beginn die Auswahl zwischen drei verschiedenen Schwierigkeitsgraden und lassen uns sogar im laufenden Spiel den Schwierigkeitsgrad zu jeder Zeit über die Optionen anpassen, dennoch ist es auch möglich, stärkere Waffen mit Echtgeld direkt zu Beginn freizuschalten. Dass es sich lohnt eine solche Monetarisierung überhaupt in ein Singleplayer Spiel einzubauen, lässt mich etwas stutzen. Hat man den Drang zur Komplettierung eines Spiels, wird diese Funktion vollständig Obsolet. Möchte man allerdings wirklich alle Waffen freischalten, kommt man ohne riesigen Zeitaufwand wohl nicht umher auch hier noch Geld zu investieren.

Ein Eimer voll Farbe

Far Cry New Dawn ist vor allem eines: Bunt und das an allen Ecken. Nach der atomaren Katastrophe strahlt Hope County förmlich von neonfarbener Fauna. Gerade Pink ist bei den Highwayman wirklich im Kommen. Technik wird häufig durch das bereits leicht abgeblätterte aber immer noch überaus kräftige Gelb inszeniert. Selten habe ich bisher einen so Farbenfrohen Shooter erleben dürfen. Insgesamt ist aber alles gut auf einander abgestimmt und Spieler des Vorgängers werden besonderen Spaß haben, das von der Natur übernommene Hope County zu erkunden und bekannte Ortschaften wieder zu erkennen. Gerade bei den Tieren hätte ich mir aber dennoch ein wenig mehr Abwandlung gewünscht. Oft wirkt es hier lediglich wie ein anderer Skin. Auch das Waffendesign wird dem Szenario zwar absolut gerecht und die etwas kruden Designs der ein oder anderen Waffe überzeugen, es fehlt mir insgesamt aber doch etwas an Liebe zum Detail. Lediglich der Sägeblattwerfer mit unterschiedlichen Munitionstypen ist in dem Falloutszenario ein Alleinstellungsmerkmal. Pfeil und Bogen, Scharfschützengewehre, LMG’s, Maschinenpistolen, Flammenwerfer oder Raketenwerfer sind „Far Cry“-typisch mit an Bord.

Far Cry glänzt aber nach wie vor im Bereich der Umwelteffekte. Technisch findet man hier keine Neuheiten aber das was Far Cry konnte findet sich weiterhin in Bestform im Spiel. Sich ausbreitende Feuer, knallige Explosionen in hektischen Situationen stehen im Kontrast zu den malerischen Sonnenuntergängen und klaren Sternenhimmel, welche sich sonst nur weit außerhalb von Städten erleben lassen und uns auch einfach mal die Umgebung genießen lassen. Vogelzwitschern, ein heulender Wolf im Wald oder ein vorbeilaufender Hirsch erfüllen die Welt auch mit Leben. Dröhnende Motoren und knallende Schießprügel zerstören die Idylle der Natur. Die Synchronisierung der Charaktere ist solide und die Texte nicht immer ganz ernst zu nehmen aber gutgeschrieben. Akustisch macht Far Cry New Dawn nichts falsch aber auch nichts wirklich herausragend gut.

Fazit

Wer neue Far Cry Kost nach Far Cry 5 benötigt, kann hier zuschlagen. Um es mit den Worten eines Kollegen zum Far Cry Primal Test auszudrücken: Auch hier erfindet Ubisoft das Rad nicht neu. Far Cry ist Far Cry und will auch hier nicht mehr als Far Cry sein. Spieler die den fünften Teil aber noch spielen wollen, sollten es durchaus vor Far Cry New Dawn tun, da der Titel doch einige Querverweise zum großen Bruder bietet. Für einen Preis von rund 40 € OVP und einer Spielzeit von ca. 20 Stunden sollte man aber dennoch auf einen Sale warten, da Far Cry New Dawn sich insgesamt nur wie ein großer DLC oder ein Content Update zu Far Cry 5 anfühlt und an einigen Ecken Potenzial liegen lässt. Schade!

Far Cry New Dawn
Toll gestaltete WeltOrdentlicher Anschluss an den Vorgänger
Häufiger Eindruck des ReskinsSchwacher HumorSchwache Story
75%Gesamtpunktzahl
Grafik/Präsentation77%
Story/Atmosphäre73%
Gameplay72%
Spielspaß78%
Leser Bewertung 0 Stimmen
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