Sniper Ghost Warrior Contracts 2 im Test – Ein Nerd schickt den Sniper in die Wüste

Was passt besser zu warmen Temperaturen bei uns, als in der Rolle eines Scharfschützen in Sniper Ghost Warrior Contracts 2 den Nahen Osten unsicher zu machen? Wobei wir ihn als Raven für unseren Auftraggeber Control ja eigentlich eher sicher machen sollen. Denn im fiktiven Nahost Staat Kuamar, in den uns die Serieneltern von Entwickler CI Games im von Koch Media gepublishten Action Game schicken, liegt einiges im Argen. Also geht es wie im direkten Vorgänger über 5 große Karten (die sechste dient lediglich als Tutorial) den Bösewichten an den Kragen. Hat sich das Team hinter der Scharfschützenaction die Kritik am Vorgänger zu Herzen genommen oder bekommen interessierte Spieler nur einen wüstenwarmen Neuaufguss?

Ciao Schnee, hallo Sand!

Der größte Unterschied zum Vorgänger, der auch direkt ins Auge springt, ist natürlich das Setting. Im Jahr 2019 klapperten wir unsere Missionsziele noch vor dem Hintergrund winterlicher, schneebedeckter und von Gletschern durchzogener weitläufiger Karten ab. In 2021 tauschen wir den weißen Schnee gegen braunen Sand, Staub und viele Felsen statt Gletscher. Denn im Nahen Osten liegt ja bekanntermaßen weniger Schnee rum. Die Geschichte der Fortsetzung bleibt genauso blass wie schon im Erstling: ein fiktiver Staat, böse Machthaber und Terroristen und ein unterdrücktes Volk gilt es zu befreien. Wie? In dem wir besagte böse Machthaber und ihre Gefolgsleute aus dem Weg räumen. Dabei geht es aber nicht nur diesen Personen an den Kragen, sondern auch ihrer technischen Ausrüstung. Denn die Einwohner ihres Landes haben keinen Zugang zu Internet und TV bzw. keine uneingeschränkte Zugriffsmöglichkeit. Deshalb gilt es auch immer wieder Störsender, riesige Satellitenschüsseln und Serverstrukturen oder deren Kühlanlagen lahm zu legen. Das ist in dem gesteckten Rahmen der Geschichte durchaus schlüssig und nachvollziehbar.

Aber dem neuen Setting habe ich jetzt irgendeine versehentlich seine Vielfalt abgesprochen. Zwar seht ihr auf den Screenshots durchaus einige Klischee-Wüstenabschnitte, aber es gibt dennoch Abwechslung bei den fünf sehr weitläufigen Missionsgebieten. Diese bieten nicht nur stets unterschiedlichste Wege zu den verschiedenen Einsatzzielen, sondern unterscheiden sich auch was das Terrain und die Natur angeht. Abseits von Felsen, Schluchten und einer Menge Sand gibt es nämlich auch mal mehr mal weniger grüne Wälder, Gebüsche und Sträucher, ergänzt um Bunkeranlagen, Militärcamps und Höhlensysteme. Was ich aber tatsächlich vermisse ist ein Tag-Nacht-Zyklus bzw. die Möglichkeit, die Missionen zu unterschiedlichen Tageszeiten anzugehen. So hätte sich der Wiederspielwert der Karten durchaus erhöht. Warum soll ich in meinem Waffenarsenal meine durch erledigte Missionsziele verdienten Credits um einen Gewehraufsatz ergänzen, an dem eine Lampe befestigt ist? Vor allem, wenn ich dank der aus dem Vorgänger bekannten Maske doch durch die Scanfunktion und die Wärmebildkamera bereits bestens auch für dunkle Abschnitte gerüstet bin? Die Maske wird hier nicht mehr so prominent in den Vordergrund gerückt wie im Vorgänger, dennoch ist erneut ein Fortschrittssystem an Bord, bei dem wir auch die Maske weiterentwickeln können. Wobei ich mir bei einer Sache ziemlich sicher bin: vergesst die Maske! Raven beschwert sich weder beim Rennen, Ducken noch kriechen über Sand! Da Sand, wie jeder weiß, überall hinkommt, muss sein Anzug deutlich fortschrittlicher sein als die Maske! Das könnte man vielleicht im dritten Teil mal auflösen, liebe Entwickler von CI Games! Ich insistiere!

Heartbreak Ridge…

…ist ja für mich persönlich einer der besten Clint Eastwood Filme. Darin spielt er einen knallharten Militärausbilder und ist selbst ein begnadeter Scharfschütze. Er kann angeblich einer Mücke aus tausend Meter Entfernung die… Dinger wegschießen, die der Osterhase ausliefert. Nicht das der Osterhase Mücken… öhm… ausliefert aber ich glaube das Prinzip ist klar. Denn hier macht Sniper Ghost Warrior Contracts 2 am meisten Spaß. Nämlich wenn es darum geht Ziele auf unglaubliche Distanzen auszuschalten. Dabei gibt die Beschreibung der Region, also der Karte in der stets mehrere Hauptziele erledigt werden wollen, bevor das nächste Level freigeschaltet wird, bereits Aufschluss über zu erwartenden Zieldistanzen. Beim klassischen Auftrag reicht es meist aus ein leichtes Scharfschützengewehr mitzunehmen, dass aufgrund seiner Bauart auch mit einem Schalldämpfer ausgestattet werden kann. Bei den anderen Aufträgen ist schnell klar: hier muss ein schweres Sniper her! Denn dort erfordern die Zieleliminierungen, dass unser Geschoss mal eben 1.200 Meter und mehr zurücklegen muss. Einfacher werden unsere Einsätze durch neue Waffen, neue Waffenerweiterungen und das Erlernen neuer Skills.

Denn das zuvor bereits angesprochene Fortschrittssystem baut auf zwei Bereiche auf. Einerseits bekommen wir für das Erledigen von Zielen Credits, die wir in neue Waffen, Gadgets und ihre Erweiterungen ausgeben können. Gleichzeitig bekommen wir aber auch Skillpunkte. Letztere dienen z. B. dazu, dass der von uns gespielte Raven mehr Kugeln vor seinem Ableben einstecken kann. Oder wird erweitern seine Taschen, so dass er ebenfalls mehr Kugeln einstecken kann. Aber eben in Form von Patronen für seine Waffen. Vor allem auf den unteren beiden der insgesamt vier Schwierigkeitsgrade kann man die Maps durchaus von Feinden komplett säubern. Skill-Erweiterungen in die eigene Schutzweste, Magazinverbesserungen für die Lieblingswaffen und dann mangelt es nur noch an einer guten Schussposition, um feindliche Lager zu befrieden. Natürlich ist auch das Schleichen möglich. Schließlich können wir Gegner, bis auf Abschnitte mit aktiven Störsendern, mit unserem in der Maske integrierten Fernglas markieren. Anschließend bekommen wir sogar ihre Blickrichtung im Miniradar in der unteren linken Bildschirmecke angezeigt. Dann können wir an ihnen vorbeischleichen oder sie im Nahkampftakedown ausschalten. Oder vorher befragen wodurch uns Vorräte und Gegner auf Karte auch ohne vorheriges Ausspähen mit dem Fernglas aufgedeckt werden. Leblose Körper können wir natürlich beiseiteschaffen. Wer die Fertigkeitspunkte für den „Ghost“-Skill investiert, kann nicht nur mehrere Nahkampftakedowns aneinanderreihen, wenn die Gegner nah bei einander stehen. Ontop gibt es sogar noch einen fünf Sekunden andauernden Geschwindigkeitsbonus nach jedem Takedown. Natürlich kann man auch die eigene Drohne aufsteigen lassen und, entsprechende Upgrades vorausgesetzt, Gegner per Giftpfeil mit der Drohne ausschalten. Oder das automatische Geschütz wird aufgestellt und erledigt markierte Ziele auf Befehl. Mit den entsprechenden Skillupgrades eignet sich letzteres aber auch, um uns bei der Exfiltration Rückendeckung zu geben und die anrollende feindliche Verstärkung auszuschalten. Denn dann kann der kleine Geschützturm Feinde ab 50 Meter Abstand eigenständig unter Beschuss nehmen. Und ja, mit etwas Übung kann man auch ein ganzes Lager befrieden, ohne selbst einen Schuss abgeben zu müssen. Das ist dann aber auch auf dem untersten Schwierigkeitsgrad eine echte Herausforderung.

Staubige Technik in der Wüste?

Und Herausforderung ist ein gutes Stichwort. Denn neben den Hauptzielen gibt es auf jeder Karte auch einige Herausforderungen und optionale Nebenziele. Von Kopfgeldjagden auf bestimmte NPCs bis hin zu „Töte das Ziel aber nicht mit einer Kugel“. Daraus ergibt sich dann auch der Wiederspielwert. Warum nicht auf eine Karte zurückgehen und bei der Jagd nach mehr Credits und Skillpunkten ein paar optionale Ziele erledigen? Oder hochgeskillt und bestens ausgerüstet in bereits abgearbeitete Gebiete zurückkehren. Die abwechslungsreichen Herangehensweisen machen das auch wirklich interessant, wenn man bereit ist sich darauf einzulassen. Auf den beiden unteren Schwierigkeitsgraden unterstützt ein optionaler Rotpunkt übrigens beim Anbringen des perfekten Schusses. Liegt der rote Punkt auf einem Gegner, wenn man den Atem anhält, sitzt der Schuss auch. Denn Wind, Flugrichtung und das Fallen der Kugel wird durch den Punkt bereits berücksichtigt. Aber wer den vollen Simulationsanspruch haben will schaltet ihn ab oder startet direkt in einem Schwierigkeitsgrad, in dem der Punkt nicht zur Verfügung steht. Schade nur, dass die durchaus nett geschriebenen Introsequenzen einer jeden Karte und die Funksprüche zwischen Raven und Control nur auf englisch vertont sind. Zumindest sind deutsche Untertitel verfügbar. Dankbar bin ich für die, wie schon im Vorgänger, sehr fairen automatischen Speicherpunkte. Denn ein manuelles Speichern ist nicht möglich. Und irgendwie ist das gesamte Spiel tatsächlich etwas polierter als sein Vorgänger. Die Grafik auf Basis der Cryengine ist auf der Xbox Series X scharf (im Gegensatz zum Vorgänger) und nur sehr selten gibt es, wie z. B. bei einer Aufzugfahrt, Fehldarstellungen bei entfernten Texturen. Was mich nur von technischer Seite ziemlich verwirrt ist, dass das Spiel eigentlich nur durch die Abwärtskompatibilität auf der Xbox Series X läuft. Gleichzeitig gibt es aber dennoch eine eigene Retailfassung für die PlayStation 5. Ich vermute ja, dass hier schlichtweg das Cover geändert wurde. Denn technisch ist das hier keine NextGen Fassung sondern klar als Crossgen-Titel zu erkennen.

Das Erste was mir beim Ausflug in die Wüste auffiel war leider die Bildwiederhohlrate. Denn auch wenn ich keine Möglichkeit zur Messung habe, fühlt es sich nicht an wie 60 Bilder pro Sekunde, sondern eher wie mittelstabile 30. Das geht im Jahr 2021 eigentlich so nicht mehr. Denn auch wenn man jetzt argumentieren könnte, dass Sniper als Stealth Taktiker ohnehin gemächlicher unterwegs sind, wirft uns das Spiel immer wieder in offenere Feuergefechte und das im Rahmen der Handlung, also ohne Möglichkeit dies zu umgehen. Mit einem Verkaufspreis von ca. 40 € ist auch klar, dass es sich um einen Budgettitel handelt. Der euch wie sein Vorgänger mit 10-12 Stunden Spielzeit, je nach Schwierigkeitsgrad, beschäftigen wird. Alleine für die Hauptziele. Wer sich noch auf die optionalen Herausforderungen einlassen möchte, kann hier bestimmt nochmal fünf und mehr Stunden drauf rechnen. Ich hatte weder mit Abstürzen, noch mit anderen technischen Problemen, abseits der Aufzugsszene, die aber nicht gameplayrelevant war, zu kämpfen. An einer Stelle ragten Kopf und Arme eines Gegners durch eine Wand, die Gegner-KI ist auf dem Niveau des Vorgängers und irgendwie reagiert Wasser nicht auf hineinfallende Körper. Weder gibt es ein Geräusch noch eine Animation des Wassers, wenn man Feinden ein erfrischendes Bad gönnt. Kurios. Und was die KI angeht, kann man sich das durchaus so vorstellen: Gegner laufen, wenn man Alarm ausgelöst hat, gerne auf einen zu, feuern auch aus der Distanz aber insbesondere die anstürmenden Gegnergruppen lassen sich von einer guten Schussposition aus oft ohne spürbare Gefahr ausschalten. Das wird nur deshalb in höheren Schwierigkeitsgraden schwieriger, weil sie mehr bzw. schneller Schaden mit ihrem Gegenfeuer verursachen.

Fazit

Meine Nachricht an Christoph, Gründer und Chef von GamingNerd.net, hatte im Vorfeld des Tests den folgenden Wortlaut „Hoffe es kommt an den ersten Teil ran und bringt nur neue Maps und Quality-of-Life-Verbesserungen plus ein Update der Grafik. Dann wäre das Ding schon solide“. Meine Hoffnungen wurden gehört und erfüllt! Klar, auch Sniper Ghost Warrior Contracts 2 ist beileibe kein AAA-Titel mit Konsolenschmelzender Nextgen-Optik, Nextgen-KI und eine Revolution des Shootergenres. Aber das versucht es auch nicht und es weiß, welche Art Spiel es sein will und wie es in die AA-Sparte hineinpasst. Der Gameplay-Flow, aus auskundschaften, markieren und Schusspositionen suchen gepaart mit dem motivierenden Fortschrittsystem, bilden erneut die wohl derzeit beste und rundeste Scharfschützenactionsimulation und das Plattformübergreifend. Es ist kein Hardcore-Shooter, der Spielspaß und Zugänglichkeit auf dem Altar des Realismus opfert. Wer aber bereits mit dem Vorgänger Spaß hatte, kann hier bereits bedenkenlos den Kauf tätigen und sich durch den Wechsel zwischen den verschiedenen Schwierigkeitsgraden an die Simulation auf Wunsch herantasten. Schon 2019 habe ich beim Vorgänger geschrieben, dass dem Spiel ein Xbox One X Update echt gut täte. Das gilt heute für den Nachfolger genauso. Nur würde ich mich jetzt über ein vollwertiges Xbox Series X Update freuen. Damit könnten die Ladezeiten gesenkt, die Bildwiederholrate erhöht und auch stabilisiert werden und vielleicht gibt es dann ja sogar HDR? Übrigens Obacht, wenn ihr unbedingt eine Uncut-Blut-Splatter-Brutalo-Fassung spielen wollt. Den zwar ist die automatische Zeitlupen-Killcam wieder mit dabei, jedoch fehlen in der deutschen Fassung die entsprechenden Blutspritzeffekte und es gibt auch keine klaffenden Wunden oder platzende Köpfe. Bei der PC-Fassung soll laut reddit Kommentaren die IP beim jeden Start geprüft und damit der technisch eigentlich in allen Installationsversionen enthaltene Splattermodus deaktiviert werden. Inwieweit dies auch auf die Konsolenfassung zutrifft, konnte ich bislang nicht überprüfen. Aber weniger Blut und Gekröse ändern zumindest für mich nichts am Spielspaß, verstehe aber auch jeden, der lieber die ungeschnittene Erfahrung machen möchte.

Grafik/Präsentation
75
Story/Atmossphäre
65
Gameplay
78
Spielspaß
84
Leserwertung8 Bewertungen
44
Gadgets, Waffen, Skills & Missionsgebiete laden zum Experimentieren ein
12 Stunden Spielzeit
optionale, teils lustige, Herausforderungen
tolle offene und große Karten
völlig uninteressante Story, die nur oberflächlich präsentiert wird
kein HDR
instabile Framerate
keine 60 fps
deutsche Fassung geschnitten
Stealth-Gameplay auf unterem Schwierigkeitsgrad schwerer als um sich zu schießen
76