Retrogaming heute Teil 2 – Emulatoren

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Es gibt reichlich Streitthemen bei Konsolenspielern: Gran Turismo oder Forza, PES oder FIFA, Battlefield oder Call of Duty, und natürlich die wichtigste Glaubensfrage, ST oder Amiga. Da sollte es eigentlich gar nicht wundern, wenn auch Emulatoren für Grabenkämpfe verschiedener Lager sorgen. „Das ist nicht original“ heißt es da einerseits, „das kann aber auch noch mehr“ andererseits. „Das ist illegal“ heißt es hüben, „das erhält Software“ wiederum drüben. Tatsächlich ist das mit der Legalität gar nicht so pauschal zu sagen. Und natürlich zieht die Geschichte mit dem digitalen Erhalt auch nicht immer. Es bleibt also nur, wirklich mal genau hinzusehen.

Alles nur geklaut?

Die Frage nach der Legalität stellt sich für viele bereits beim Emulator selbst. Tatsächlich kann man hier aber i.d.R. tatsächlich auf rechtlicher Seite nichts einwenden. Gängige Emulatoren bilden die Teile der Hardware, die für Spiele wichtig sind, mal mehr, mal weniger genau ab. Problematisch wird es aber schon, wenn man ein BIOS braucht. Das müsste nämlich eigentlich selbst ‚gedumpt‘ werden. Und natürlich können auch Spiele ein heikler Fall sein, sie müssen es aber nicht. Wer PlayStation-Spiele am PC zocken will, der braucht z. B. nur ein CD-Laufwerk. Ob man dann immer Originaldiscs nutzt oder ein Discimage erstellt, ist dann ein anderes Thema. Die guten, alten Homecomputer bräuchten für Originale ein Diskettenlaufwerk. Mit entsprechenden Tools kann man auch hier passende Kopien sichern. Allerdings gibt es auch eine Reihe legaler Downloads. So bietet der Thalion Webshrine mit Einwilligung der Urheber fast alle Spiele der deutschen Softwareschmiede, mit Ausnahme der A320 Airbus Flugsimulation, die aus Lizenzgründen fehlt.

Neben anderen Seiten, die sich ebenfalls um legale Downloads bemühen, darunter auch einige der ehemaligen Hersteller, findet sich auch massig Abandonware. Mit Abandonia gibt es z. B. auch eine Website, die sich ausschließlich um alte DOS-Spiele dreht. Und zwar solche, die man grob als ‚verwaiste Werke‘ ansehen kann. Problem dabei ist, dass man im Prinzip immer erstmal prüfen müsste, ob entsprechende Spiele denn nun wirklich verwaist sind und ob sich nicht irgendwann zwischendurch mal ein neuer Rechteinhaber gefunden hat. Das kann in der Praxis nämlich durchaus vorkommen. In den meisten Fällen mag hier zwar tatsächlich gelten, wo kein Kläger da kein Richter, letztlich bewegt man sich bei Abandonware aber schnell in einer rechtlichen Grauzone und könnte, wenn auch unabsichtlich, ganz fix einen illegalen Download tätigen.

Für viele stellt sich jetzt natürlich die Frage, wie man denn an dieses oder jenes Spiel kommen soll. Natürlich gibt es da die eine oder andere, teils mehr als zweifelhafte Website zum Thema ROM-Files. Natürlich gibt es hier auch Spiele, die heute gar nicht mehr vertrieben werden, weil es ein Lizenzspiel war, der Publisher vielleicht noch Pleite ging und so weiter und so fort. Faktisch bewegt man sich hier aber noch schneller im illegalen Bereich der gemeinen Raubmordkopierer.

Wie gut, dass es auch andere Lösungen gibt, etwa von Retrode.org, den Anbietern des Retrode Moduladapters. Wer bastelwütig ist, kann sogar Anleitungen für Selbstbauadapter finden. Mittlerweile stellen entsprechende Adapter auch die einfachste Möglichkeit diesseits der Retrofreak, Module zu ‚dumpen‘, d. h. eine Kopie auf den PC zu packen. Entsprechende Images zu erstellen, war vor wenigen Jahren noch mit deutlich mehr Aufwand verbunden. Natürlich lässt sich ein so erstelltes Image auch auf dem Android Smartphone oder einem RetroPie verwenden. Interessant ist hier vielleicht auch wieder die Rechtsfrage. Bei Software bewegt man sich hier auf dem nicht sehr dicken Eis der sogenannten Sicherungskopie, die der Gesetzgeber zugesteht. Auf der anderen Seite gilt hier aber auch ganz doof gesagt, rein zum Eigenbedarf genutzt und eben NICHT an andere zum Download freigegeben, wird wohl eh kein Hahn danach krähen.

Schließlich und endlich gibt es tatsächlich die kleinen Nischenbereiche, in denen Software mittlerweile ohne die Emulatorszene verloren gehen würde. So sind für manche alten Arcade-Titel bestimmte Ersatzteile gar nicht mehr erhältlich. Andere alte Spiele sind bereits heute extrem selten. Entsprechende Spiele würden in vielen Fällen wohl einfach irgendwann verloren gehen. Eine Sonderrolle hat hier mittlerweile wohl das Internet Archive, das dank Ausnahmegenehmigungen eine große Menge alter Spiele zum Spielen im Browser anbietet.

Feeling vs. Fähigkeiten

Pro und Contra des Emulators sind schon unzählige Male gegeneinander ins Feld geführt worden. Auf der einen Seite stehen die Verfechter von Originalität und Plug & Play, die nicht erst irgendwas konfigurieren wollen, auf der anderen Seite all jene, die reihenweise Komfortoptionen einfach nicht mehr missen wollen. Tatsächlich können Emulatoren bei letzterem oft extrem punkten, während ersteres gar nicht mehr immer so schlimm ist. Viele Emulatoren sind schon lange sehr einfach in der grundlegenden Konfiguration. Moderne Frontends wie RetroPie erlauben es sogar, All in One Emulatorkonsolen aufzubauen, bei denen ein großer Teil der Konfiguration sich für alle Emulatoren gleichzeitig erledigen lässt und die fertig eingerichtet eine einfach strukturierte, übersichtliche Oberfläche bieten. So muss gar nicht erst zwischen verschiedenen Programmen hin- und hergeschaltet werden, eine Oberfläche bietet alles in einem. Die Convenience eines NES Classic Mini oder einer Mega Drive Compilation bieten entsprechende Systeme dabei allerdings nicht. Kleinere Probleme können immer mal vorkommen. Denkbar ist etwa, dass ein Sega 32X-Titel Probleme mit der Audioausgabe oder ein Yoshi’s Island mit dem gewünschten Grafikfilter Slowdowns hat und dergleichen. Anders als bei einer fertigen Retrokiste ist hier eben nicht alles aufeinander abgestimmt. Der Umfang ist dafür allerdings um ein Vielfaches größer.

Klar, ein RetroPie oder gar ein großer Desktoprechner sind vollständiger Ersatz für ein originales SNES oder Mega Drive. Eine Grundproblematik, nämlich der richtige Controller, lässt sich allerdings heutzutage sehr einfach lösen. Ob passende USB-Controller oder Adapter für Originalpads, wer das passende Eingabegerät nutzen will, findet mittlerweile eigentlich immer etwas. Richtig interessant wird es dann bei ROM-Hacks aller Art, Fanübersetzungen und dergleichen mehr. Entsprechende Spiele sind auf Originalkonsolen oft ein Fall für sich, auch wenn mittlerweile mit entsprechendem Aufwand einiges machbar ist. Emulatoren sind hier aber ungleich einfacher und flexibler. Sie können es auch erlauben, eine Fanübersetzung erstmal in Ruhe zu testen.

Auch die Anpassung an moderne Flachbildfernseher klappt einfach besser, dank HDMI-Ausgabe und Videofiltern aller Art. Gamecube- oder PlayStation 2-Spiele können sogar direkt in HD ausgegeben werden, nicht selten funktioniert dabei auch ein Breitbildhack, mit dem ein altes Spiel ohne Widescreeneinstellung trotzdem in 16:9 dargestellt werden kann. Retro-Konsolen profitieren dagegen oft von anderen Filtern. Ein altes Day of the Terntacle etwa mag dank hqx-Filtern optisch sehr nah an das Remaster herankommen, während ein Castlevania – Harmony of Dissonance sich dank Scanlines und Co. auch auf dem großen Flat-TV überraschend gut schlagen kann. Insbesondere für N64-Spiele finden sich wiederum reichlich Texturpakete, die mal schärfere Texturen bieten oder mal den kompletten Look eines Spiels verändern können.

Andere Kleinigkeiten wie verschiedene Savegame-Slots, teils Online Mehrspieler und mehr sind hier noch gar nicht berücksichtigt. Wer alte Homecomputer emulieren will, kann auch stark davon profitieren, dass übertaktete CPU oder Turbokarte beim Emulator meist reine Einstellungssache sind.

Eine Frage der Hardware

Generell stellt sich auch die Frage, welche Hardware zum Emulieren verwendet werden soll. Altbekannt ist hier natürlich der PC. Seit einigen Jahren ebenfalls gängig ist das Smartphone. Seit kurzem sind auch kleine Einplatinencomputer wie der Raspberry Pi schwer im Kommen. Von der breiten Masse weniger beachtet sind Emulatoren für Konsolen. Das liegt zum Teil daran, dass die jeweilige Plattform praktisch immer gemoddet oder gehackt werden muss. Es mag aber auch der Tatsache geschuldet sein, dass man die Konsole wirklich als Plug & Play-Lösung sieht, die eben einfach laufen soll.

Ein entscheidender Punkt ist auch, dass es bereits für Konsolen der vorletzten Generation einigermaßen leistungsstarke Hardware braucht. Auch einzelne Konsolen können Probleme bereiten. Saturn und erste Xbox etwa kann man weitestgehend respektive komplett vergessen zu emulieren. Bis zum Ende der 16-Bit-Ära ist Emulation dagegen heutzutage auch für leistungsschwache Hardware kein Problem.

Digitaler Erhalt

Eines sollte man sich in jedem Fall auch klar machen. Es gibt Spiele, die aus unterschiedlichsten Gründen nie wieder neu aufgelegt werden. Alien 3 für das Super Nintendo ist beispielsweise ein Fall, bei dem die Lizenz mittlerweile ganz woanders liegt, der Publisher von damals längst nicht mehr existiert und es wahrscheinlich niemals eine kommerzielle Neuveröffentlichung geben wird. Auch in anderen Fällen stehen die Chancen erneuter Veröffentlichungen eher schlecht. So behandelt Sega seinen MegaCD und 32X Katalog praktisch gar nicht, während klassische Mega Drive-Spiele schon eine Reihe von Re-Releases erleben durften. Natürlich, es gibt immer noch die Originalhardware. Aber sowohl alte Konsolen als auch Module können altern und brauchen unter Umständen Reparatur und Wartung. Auch fehlerhaft produzierte CD’s aus den Neunzigern lösen sich mittlerweile teils auf von älterer Hardware, seltenen Arcadeautomaten und Spielen auf Diskette ganz zu schweigen.

War die Emulatorszene einer der Steine, die Virtual Console und Co. in Bewegung gebracht hat? Denkbar wäre es. In jedem Fall ist es nicht richtig, einfach schwarzweiß zu argumentieren: Angefangen bei der Möglichkeit, alte Spiele auch ganz legal am Emulator zu spielen über die bessere Anpassbarkeit an moderne LCD’s statt Röhrenfernsehern bis zur Erhaltung alter Software. Auch Archivierung wie sie das Internet Archive mittlerweile betreibt, wäre ohne Emulatorszene vielleicht nie geschehen. Man sollte halt nicht den Fehler machen und Emulatoren als 1:1 Ersatz für alte Konsolenschätze sehen.

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About The Author

1986, ein strahlender Sommer, ein Freund mit VCS, Schwarzweißfernseher, Space Invaders und Pacman. Seitdem lässt mich das Thema Telespiele nicht mehr los, egal ob Game Boy, Amiga, PlayStation, Xbox oder Wii U. Nicht mal vor dem PC hab ich halt gemacht. Einzig von Sportspielen lass ich generell die Finger.

1 Kommentar on "Retrogaming heute Teil 2 – Emulatoren"

  1. Sehr guter und schöner Artikel.

    Ich persönlich gehöre zu den Leuten „lieber das Original“, aber ich muss zugeben es gibt tolle Vorteile.
    Auf einem moderne Smarthphone mit portabler Controller/Dockingstation, keien Ahnung wie das heißt, ist es schon toll bestimmte stationären Spiele unterwegs zu zocken. Es gibt auch sehr schöne Fanumsetzungen die lohnenswert sind.
    Und die meisten Emulatoren bieten eine Geschwindigkeitserhöhung an wodurch langes Grinden nicht mehr nötig wird.

    Trotzdem bleibe ich beim Original

    Gruß

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