FIFA 18 im Test – No Revolution Soccer

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Zu den Konstanten im Leben gehören verlässlich EAs jährliche Updates für das hauseigene Portfolio an Sportspielen. Da macht auch FIFA keine Ausnahme. Und wie jedes Jahr heißt es auch im September 2017 wieder: Vorhang auf für die nächste Folge!

Hunter, Alex Hunter

FIFA 18 greift einige Features des Vorgängers auf und baut sie weiter aus. Das ist besonders dem Storymodus anzumerken, der nach wie vor Journey heißt. In FIFA 17 war die Geschichte um Alex Hunter noch sehr rudimentär und kaum mehr als ein bisschen Glitzer um den sattsam bekannten Be A Pro-Modus, in der aktuellen Fassung hat EA dem Modus etwas mehr Leben eingehaucht. Das geht damit los, dass nun deutlich mehr Cutscenes zwischen den Trainingssitzungen und Spielen laufen als zuvor. Zwar sind die Entscheidungen, die man für Alex‘ trifft, immer noch nicht von wirklich großer Tragweite, aber vom Grundsatz her spürt man hier eine deutliche Verbesserung gegenüber dem Vorgänger. Alex‘ Karriere ist nun nicht mehr auf einen Klub oder die Premier League beschränkt, seine persönliche Geschichte erhält deutlich mehr Erzählzeit und die Atmosphäre wird vor allem in der deutschen Fassung dadurch gesteigert, dass Synchronsprecher verpflichtet wurden, die aus Hollywood-Blockbustern bekannt sind. Alex‘ Vater beispielsweise wird auf Deutsch von Bernd Rumpf gesprochen, der Filmfreunden vor allem als Synchronstimme von Liam Neeson bekannt ist. Witzig: Hunter hat die Möglichkeit, unter anderem zu den Bayern zu wechseln, wo er dann noch von Carlo Ancelotti trainiert wird.

Evolution statt Revolution

Wichtig ist beim Fußball aber nun mal auf’m Platz. Für FIFA 18 haben die Entwickler noch einmal an der Schraube für Spielgeschwindigkeit gedreht, so ist diese noch etwas geringer als in FIFA 17. Die Spieler bewegen sich insgesamt etwas schwerfälliger als im Vorgänger, was aber den Realismus erhöht. Das bemerkt man vor allem bei kleineren Aktionen wie Richtungswechseln, die nun die entscheidenden Sekundenbruchteile länger dauern. Auch nach einer misslungenen Grätsche dauert es nun eine Winzigkeit länger, bis der Spieler wieder steht. Dadurch entsteht ein erhöhter Grad Realismus, der mit weiteren Änderungen im Gameplay passend harmoniert.

So wurde das Defensivspiel dahingehend überarbeitet, dass das direkte Suchen eines Zweikampfes nahezu immer schiefgeht. Stattdessen ist der Spieler gezwungen, aktiv Raumdeckung zu betreiben und noch stärker Passwege zuzustellen als im Vorgänger. Dadurch ergibt sich eine völlig neue Art der Verteidigung, die selbst gestandenen Veteranen eine Eingewöhnungsphase abverlangt. Eine falsche Richtungsentscheidung des Verteidigers wird gerade gegen schnelle Stürmer fast immer mit einer gegnerischen Torchance bestraft.

Offensiv ist es nun aussichtslos, im Vollsprint auf die gegnerische Abwehr zuzulaufen – Ballverlust garantiert. Vielmehr ist nun gefordert, ein konzentriertes, ruhiges Aufbauspiel aufzuziehen, ähnlich wie im Handball die Kugel um den Strafraum laufen zu lassen und zuzuschlagen, sobald sich eine Lücke im Defensivverbund des Gegners öffnet. Leider stellt sich sehr schnell heraus, dass eine alternative Abschlussvariante erfolgreicher ist: Der Fernschuss aus 16-22 Metern Torentfernung ist selbst bei Durchschnittskickern eine echte Waffe, solche Distanzklopper landen übermäßig oft im Tor. Gewollt weitaus effektiver sind nun Flankenläufe, die Hereingaben landen weitaus seltener im Nirgendwo. Nützlich ist die neue Option der Schnellauswechslung, die es auf Knopfdruck ermöglicht, einen durch die CPU vorgeschlagenen Wechsel durchzuführen, ohne das Spiel pausieren zu müssen.

Detailpflege

Grundsätzlich wurden die verschiedenen Spielmodi nur einer kleinen Frischzellenkur unterzogen. Das größte Update hat dabei wohl Journey erfahren, wie bereits geschildert. Der Managermodus bekommt jetzt eine Transferzentrale spendiert und Verhandlungen mit Spielern laufen jetzt nicht mehr in schnöder Tabellenform ab, sondern mit Hilfe kleiner Cutscenes. An denen hat man sich allerdings nach dem dritten Mal sattgesehen und überspringt sie dann nur noch. Dennoch ist es witzig, wenn der Drittligist einen Nachwuchsspieler vom FC Liverpool ausleihen möchte und dann plötzlich Jürgen Klopp ins Büro schneit. Leider gibt es hier noch einiges an der Balance zu feilen, die Forderungen sowohl von Spielern als auch von Klubs sind überwiegend einfach viel zu hoch – das gilt auch für Vertragsverlängerungen. Umgekehrt sind unsere Verhandlungspartner extrem zickig. Wenn wir beim Spielerverkauf die Forderung einen Hauch über den Marktwert legen, wird das Gespräch sofort abgebrochen. Grundsätzlich ist aber der Wille erkennbar, den Karrieremodus aus seiner sterilen Optik herauszuführen und etwas aufzuhübschen.

Und wo wir gerade von Drittligisten sprechen: Ja, die deutsche 3. Liga ist jetzt inkludiert. Das bedeutet nun insgesamt über 30 Ligen und 650 Mannschaften, für die EA die entsprechenden Lizenzen an Land ziehen konnte. Ebenso finden sich über 75 Stadien im Angebot, darunter zahllose Original-Arenen – bis auf eine: Da Borussia Dortmund einen Exklusivdeal mit Konami ausgehandelt hat, musste der Signal-Iduna-Park aus FIFA weichen. Weitere schlechte Nachrichten für BVB-Fans: Marco Reus musste (verletzungsbedingt?) als Coverboy gehen und das Menüdesign ist auch nicht mehr aufdringlich schwarzgelb, sondern vollkommen neutral. Als Schalker Anhänger kann man mit diesen Änderungen vermutlich gelassener umgehen.

Der wahrscheinlich beliebteste Modus, FIFA Ultimate Team, kommt jetzt mit sogenannten Ikonen. Hier werden Fußball-Legenden wie Maradona mit jeweils drei verschiedenen Spielerkarten gewürdigt und warten darauf, dem eigenen Sammelkartenteam hinzugefügt zu werden. Xbox-Spielern altbekannt, jetzt auch auf der PS4. Leider ist auch dieses Jahr FUT ein nahezu reiner Bezahlmodus. Wer bereit ist, echtes Geld anzulegen, wird sehr schnell sehr viel erfolgreicher sein als die Zocker, die alles nur mit In-Game-Kohle bezahlen. Kurz: wer bezahlt, gewinnt. Das ist im aktuellen FIFA leider noch ausgeprägter als zuvor. Die Starspieler heben sich nämlich jetzt noch stärker vom Rest ab als ohnehin schon, Ronaldo zum Beispiel ist eine nicht zu stoppende One-Man-Show. Um konkurrenzfähig zu bleiben ist der Einsatz von hart verdienten Euros unumgänglich.

Die in FIFA 16 mit großem Brimborium eingeführten Frauen-Nationalteams führen jetzt eine Art Nischendasein in den Tiefen des Turniermenüs. Weitere Änderungen sind nicht auffällig, offline bietet FIFA 18 viele Variationsmöglichkeiten, ohne wirklich etwas großartig neu oder besser zu machen.

Schwierigkeiten in der Online-Community

Online schlagen die Gameplay-Modifikationen von FIFA 18 voll durch. Momentan hat gefühlt jeder zweite Online-Zocker noch große Probleme mit der neuen Defensivsteuerung, zudem machen sich hier die erwähnten überstarken Fernschüsse bemerkbar. Meist ähneln die Ergebnisse in der FIFA-Community rassigen Eishockeyspielen, von 4:4 über 11:9 oder 7:5 ist alles dabei. Das erklärt sich zum einen damit, dass gerade mit den Mannschaften, die qualitativ das obere Viertel der Datenbank einnehmen, nahezu jeder Fernschuss sitzt. Zum anderen sind fast alle Zocker noch auf der Suche nach der richtigen Balance in der Defensive, was allgemein auf beiden Seiten vogelwilde Abwehrarbeit zur Folge hat. Es bleibt abzuwarten, ob sich dieses Phänomen in den nächsten Monaten legt (wenn alle die neue Defensive gelernt haben) oder EA hier noch patchen sollte. Offline gegen die KI fallen jedenfalls grundsätzlich nicht so grobe Schnitzer auf, wie sie online von menschlichen Kontrahenten produziert werden. Dafür muss man gegen die CPU richtig auf der Hut sein, eigene Fehler werden jetzt insbesondere auf den beiden höchsten Schwierigkeitsgraden gnadenlos bestraft. Das kann gerade am Anfang schnell frustrierend werden.

Etwas seltsam mutet das generelle Verhalten der Torhüter-KI an. Im direkten Eins-gegen-Eins sind die Keeper nahezu unbezwingbar, dafür wird auch gerne mal in harmlosen Szenen danebengegriffen. Zudem haben immer noch Spieler mit hohen Schnelligkeitswerten einen generellen Vorteil in Online-Matches, ein Problem, was sich die letzten Jahre wie ein roter Faden durch die Serie zieht.

Technik, die begeistert

Die Entwickler haben den Umgang mit der Frostbite-Engine weiter optimiert und schaffen es, dass FIFA 18 noch ein ganzes Stück grandioser aussieht als der Vorgänger. Der Rasen wird im Spielverlauf auffällig da in Mitleidenschaft gezogen, wo die meisten Zweikämpfe stattfinden. Die Spielermodelle sind noch exakter und detailgetreuer, die Stadien sind noch stimmungsvoller – gerade Matches unter Flutlicht bersten vor Atmosphäre (besonders im Hexenkessel von La Bombonera), auch, weil das Publikum auf den Rängen nun hervorragend in Szene gesetzt wird. Klanglich sieht es da weniger prickelnd aus, die zur Menü-Untermalung ausgesuchte Popmusik ist einfach nur furzlangweilig und die deutschen Kommentatoren Fuss und Buschmann könnten auch mal wieder ein paar neue Witze vertragen. Unangenehm, dass „Buschi“ permanent hyperventilierend von einem Eigentor schwafelt, selbst wenn der Torwart den Schuss nur hauchfein mit den Fingerspitzen abgefälscht hat.

 

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FIFA 18
Präsentation (Grafik, Sound) 80%
Story/Atmosphäre 89%
Gameplay 82%
Multiplayer 84%
Spielspaß 77%
82%
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FIFA 18 macht vieles richtig, krankt aber in einigen Kleinigkeiten. Fernschüsse sind überproportional erfolgreich (gerade mit der L2-Taste) und besonders der jeweils erste Angriff einer Halbzeit vom Anstoß weg endet garantiert im Torerfolg. Die meisten Spielmodi wurden eher lieblos überarbeitet, die Verhandlungsmechaniken im Karrieremodus gar verschlimmbessert. FUT ist mehr Geld-Melkmaschine als zuvor, lediglich der Storymodus um Alex Hunter wurde merklich sinnvoll überarbeitet. Aber bei allem Schatten ist auch Licht: Das überarbeitete Gameplay in Defensive und Offensive macht FIFA realitätsnaher, runder, nachvollziehbar und erfordert von allen Beteiligten wieder Einspielzeit, Eingewöhnung und Geduld. Am Anfang gibt’s meist auf die Glocke, sowohl online als auch offline (und hier gerade auf der Schwierigkeit „Legende“). Mit der Zeit und wachsendem Spielgefühl macht’s aber Spaß. FIFA entwickelt sich in die richtige Richtung. Eine Traumwertung verhindern aber die angesprochenen Macken sowie die bräsige Menümusik und die mittlerweile staubigen deutschen Kommentare.

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About The Author

1990 fing alles mit dem Game Boy an, danach folgte eine Zockerlaufbahn über diverse Konsolen und seit 1996 auch dem PC. Gerne gespielt wird alles aus den Bereichen Sport und Wirtschaft sowie alle Spiele nach Bushnells Gesetz ("Einfach zu lernen, schwierig zu meistern").

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