Gut 13 Jahre hat es nun gedauert, bis ein Nachfolger zu Helldorado, dem letzten Desperados Teil, erschienen ist. THQ Nordic sitzt auf einem gewaltigen Arsenal an Games-Markenrechten. Unter anderem auch besagtes Desperados, welches ursprünglich von Spellbound entwickelt wurde. Nun fiel das Augenmerk des Konzernes wohl auf das erfolgreiche Revival der Echtzeit-Taktikspiele. Das Münchener Entwicklerstudio Mimimi Productions hat dem Genre 2016 mit Shadow Tactics: Blades oft the Shogun neues Leben eingehaucht. Kein Wunder, dass THQ Nordic nicht lange fackelte und Mimimi Productions mit dem neuen Teil der Desperados Reihe beauftragte. Nun wird Desperados 3 aber entgegen des Titels keine direkte Fortsetzung der Serie, denn zeitlich spielt Desperados 3 vor seinen Vorgängern. Ob Mimimi an den Erfolg ihres Erstlingswerkes anknüpfen können und ob Desperados 3 ein würdiger Nachfolger der Reihe ist, erfahrt ihr hier im Test.

Fünf Leute für ein Halleluja

Viele alte, aber auch neue Gesichter sind an der Seite von John Cooper. Serienfans werden sich an Doktor McCoy und Kate O’Herra erinnern. Mit Isabelle Moreao und Hector Mendez sind allerdings zwei völlig neue Charaktere mit von der Partie. Die Geschichte startet mit dem jungen John Cooper, der seinen Vater James begleitet, um den berüchtigten Verbrecher Frank auszuschalten. Das geht gehörig schief und John schwört Rache. Jahre später sitzt John in einem Zug nach Flagstone und gerät in einen Hinterhalt. Hier lernt er den zum Schutz angeheuerten Doktor McCoy kennen, mit dem er sich gemeinsam um das Banditenproblem kümmert. Schnell stellt sich heraus, dass die DeVitt Company versucht, das Land mit aller Gewalt an sich zu reißen und die Bevölkerung terrorisiert. Nach und nach stoßen die anderen der Gruppe hinzu. Alle aus verschiedenen Beweggründen aber mit einem gemeinsamen Ziel: Der DeVitt Company das Handwerk zu legen.

Durch die unterschiedlichen Lebensläufe der Protagonisten entstehen interessante Beziehungen. Während McCoy sich eher als unnahbarer Söldner gibt, stichelt Isabelle immer wieder gegen ihn und Hector sieht ihn ein wenig als eine Art Konkurrenten. In einer Mission zählen die beiden sogar ihre beseitigten Banditen mit und wetteifern um ein Fass Whisky. Dabei kommen ein wenig „Legolas und Gimli“-Vibes auf. Während der Missionen unterhalten sich Gruppenmitglieder und man erhält immer mehr Hintergrundinformationen. Die Dialoge sind dabei interessant geschrieben und machten mich häufig neugierig auf mehr. Dasselbe gilt auch für die gesamte Story, welche so auch bis zum Schluss motiviert.

Spiel mir das Lied vom Tod

Wer das Echtzeit-Taktik Genre nicht so gut kennt, hier ein kleiner Exkurs: Der Spieler muss meist mit einer Handvoll Leute mit speziellen Fertigkeiten Missionsziele auf einer großen Karte erfüllen. Zwischen den Zielen und der Gruppe steht häufig eine Überzahl an verschiedenen Gegnern. Diese patrouillieren, stehen an einem festen Punkt oder unterhalten sich mit anderen. Je nach KI bemerken sie das Fehlen von Verbündeten und fangen an in der Umgebung nach ihren Kameraden zu suchen oder lösen Alarm aus. Auch typisch für das Genre ist ein begrenzter Sichtkegel, den sich der Spieler per Auswahl anzeigen lassen kann, um sich unbemerkt bewegen zu können. Mithilfe der speziellen Fertigkeiten, Umgebung und gutem Timing arbeitet man sich so heimlich durch die Karte an das Missionsziel heran. Genre Typisch bekommt man einen Überblick über die isometrische Ansicht. Zwar kann man in dem Genre auch den offenen Konflikt suchen, funktioniert das aber meistens nur sehr bedingt. Durch die schiere Überzahl der Gegner zieht man hier meistens in den Kürzeren.

Und genauso arbeiten wir uns auch mit John Cooper und Co durch die Karten. Dabei hat jedes Gruppenmitglied bestimmte Fähigkeiten, Stärken und Schwächen. John und Isabelle können beispielsweise an Girlanden klettern. Hector kann zwei erledigte Gegner gleichzeitig tragen, während McCoy Gegner nur langsam über den Boden schleift. Kate kann Gegner sogar nur KO schlagen aber nicht im Nahkampf töten oder fesseln. So gilt es immer im Rahmen der Möglichkeiten zu agieren. Die Fähigkeiten sind bei allen in bestimmten Punkten ähnlich. So gibt es meistens einen Skill um Gegner anzulocken oder abzulenken. Beispielsweise kann McCoy seine Arzttasche als Falle umfunktionieren, die nahe Gegner kurz betäubt. Die Tasche erregt Aufmerksamkeit und lockt Gegner, richtig positioniert in einen toten Winkel, um sie dort im Nahkampf zu erledigen. John kann den Blick der Gegner mit einer Münze lenken, um vorbei zu schleichen. Natürlich fehlen auch Setting-typische Colts nicht. McCoy hat einen Colt mit Scharfschützenfunktion, Hector eine Schrotflinte und John Cooper sogar zwei Colts. Besonders die Fähigkeiten von Isabelle fallen ein wenig auf. Durch Voodoo Zauber kann sie zwei Personen miteinander verbinden. Diese ereilt dasselbe Schicksal, sprich wird einer ausgeknockt so gehen auch bei dem anderen die Lichter aus. Zusätzlich kann sie auf Kosten von etwas Lebensenergie die Kontrolle übernehmen und einen Gegner unbemerkt steuern. So auch in seinem Namen auf andere Kameraden schießen oder Fallen auslösen. Das Kombinieren der Fähigkeiten der Gruppe ist unerlässlich und mithilfe des Showdown Modus, der die Zeit anhält, lassen sich kombinierte Aktionen planen und dann mit einem Knopfdruck zeitgleich ausführen oder zeitversetzt. Es geht einem das Taktikherz auf, wenn auf einen Knopfdruck sieben Gegner auf einmal fallen und nur noch eine Person völlig hilflos in der Mitte steht.

Speichert schneller als sein Schatten

Die Steuerung geht auch auf Konsolen gut von der Hand. Mit den Sticks steuern wir die Charaktere und die Kamera. Per Knopfdruck können wir wieder auf den aktiven Charakter zentrieren. Mit den Schultertasten können Charaktere und deren Fähigkeiten schnell gewechselt werden. Auch ein Drehen der Ansicht ist stufenlos möglich, um so in tote Winkel von Gebäuden sehen zu können. Mit einem Druck auf den linken Stick werden Interaktionsmöglichkeiten und Gegner hervorgehoben. Die aber wohl wichtigste Taste ist die fürs Schnellspeichern. Es gibt selten ein Spiel, bei dem es so unerlässlich ist, wirklich regelmäßig selbst zu speichern. Denn eigene Speicherpunkte hat Desperados nur bei Zwischensequenzen und bis dort hin ist es meist ein weiter Weg. Deswegen wird auch nach einer Minute des Nicht-Speicherns bereits ein Timer angezeigt, um daran zu erinnern. Manchmal überschneiden sich die Interkations Möglichkeiten ein wenig und man kann mit einen druck auf den Rechten stick dazwischen hin und herschalten. Sollte man sich dabei aber dann doch nochmal ein wenig bewegen springt es gegebenenfalls wieder zurück. Wodurch schnell mal die falsche Aktion ausgelöst wird. Hier würde mir aber ehrlich gesagt auch keine bessere Lösung einfallen. Also die Sache lieber mit viel Ruhe und Geduld angehen. Was anderes bleibt uns in dem Spiel häufig aber auch gar nicht über. Gut ist aber, dass man auch ein wenig die Zeit beschleunigen kann, um das gesuchte Zeitfenster für seine erstellte Taktik heran zu schieben.

In einem Echtzeit-Taktikspiel dürfen Statistiken nicht fehlen. Am Ende einer jeden Mission bekommt man noch einmal eine detaillierte Karte, auf der man den genauen zeitlichen Ablauf der Mission nachverfolgen kann. Anschließend wird aufgeschlüsselt welche Fähigkeiten unsere Charaktere eingesetzt haben und wie viel Zeit wir für die Mission benötigt haben. Für die 16 Hauptmissionen benötigt man beim ersten Durchlauf zwischen einer und zwei Stunden. Geübte Spieler werden hier eventuell schneller sein. Nach dem ersten Durchlauf einer Mission werden auch die verschiedenen Herausforderungen enthüllt, die für das Spiel zwar nicht relevant sind, aber für den ein oder anderen Complitionist zum zusätzlichen Missionsdurchlauf motivieren. Hinzu kommen im späteren Verlauf noch die Herausforderungen des Barons. Diese Missionen stellen neue Missionsziele auf bekannten Karten mit dem kleinen Kniff, dass besondere Regeln gelten, dar. So muss man in einer Mission beispielsweise ohne Waffen auskommen. Inhalte sind also ausreichend vorhanden.

Polierte Stiefel

Das Wilder Westen Epos wurde genauso wie Shadow Tactics mit der Unity Engine umgesetzt. Die Karten fallen vor allem durch die Liebe fürs Detail auf. Die Umgebungen sehen authentisch und nachvollziehbar aus. Beim Heranzoomen würde man sich zwar etwas mehr Details in den Gesichtern der Figuren wünschen, aber sind wir ehrlich: Wofür? Es ist nicht nötig und wäre vermutlich ein Geld Grab. Nein, Mimimi Productions findet hier die Balance zwischen guter Lesbarkeit und Ästhetik. Hier und da gibt es vielleicht ein paar Elemente, die sich wiederholen, vor allem im Bereich der interaktiven Gegenstände, aber das wurde im Sinne der Lesbarkeit gemacht. Das Spiel lief während der gesamten Zeit absolut flüssig in 4K auf meiner Xbox One X. Lediglich die Ladezeiten zu Beginn einer Mission sind etwas länger, was bei der Größe der Maps aber nicht verwundert. Beim Schnelladen vergehen nur ein paar Sekunden und wir sind wieder an den Moment zurückgesprungen bevor der falsche Schritt gemacht wurde. Die Vertonung der Charaktere und die allgemeine Soundkulisse lassen in der deutschen Fassung kaum Wünsche offen. Hier merkt man auch einfach, dass an dem Spiel ein deutsches Entwicklerteam gesessen hat. Der Soundtrack des Spiels gefüllt von klassischem Saloon Piano Musik und Wild West Epos nimmt einen direkt mit und ist zu keinem Zeitpunkt zu aufdringlich, sondern fügt sich in das Gesamtbild hervorragend ein.

Fazit

THQ Nordic hat alles richtig gemacht. Desperados 3 in die Hände von Mimimi Productions zu legen war ein Treffer ins Schwarze. Ich habe schon lange keinen so gutes Echtzeit Taktikspiel mehr gespielt. Eine gut geschrieben Story und eine wirklich hervorragend ausgearbeitetes Gameplay auf der Konsole lässt mich das Spiel einfach nur empfehlen. Taktikfans können hier blind zum Vollpreis zugreifen. Allein die Hauptstory beschäftigt euch für rund 20 bis 30 Stunden zuzüglich der Herausforderungen des Barons und der Möglichkeit alle Nebenherausforderungen der Hauptmissionen zu erledigen landen wir bei 50 bis 60 Stunden Spielzeit. Genre Neulinge sollten vorab mal in die kostenlose Demo reinschauen, um sich selbst ein Bild zu machen.

Desperados 3
Gut geschrieben Story und vertonte DialogeDetaillierte und abwechslungsreiche KartenGroßer Spielumfang
Manchmal etwas hakelige Steuerung
87%Gesamtpunktzahl
Präsentation (Grafik, Sound)86%
Story, Atmosphäre90%
Gameplay86%
Spielspaß86%
Leser Bewertung 3 Stimmen
54%