Magazinsterben Teil 95: 4players.de ist tot

Eigentlich nix neues mehr, wieder mal geht ein Games Magazin von uns. Natürlich eines mit Vollzeitredakteuren. Also Menschen, die hoffentlich von ihrem Job leben konnten. Und in dem Fall sicher manchmal streitbare, aber durchaus gute und informative Arbeit geleistet haben. Das besondere dieses Mal? Es trifft eines der größten, deutschen Online Magazine. Und nicht einen der letzten Print-Mohikaner. Natürlich ‚aus wirtschaftlichen Gründen‘. Dabei lebt 4players weiter. Unter dem Branding darf man nämlich auch Server für Teamspeak und Gamehosting anmieten. Nur, eines der wichtigsten, deutschsprachigen Onlinemagazine ist jetzt doch nicht mehr weiter wichtig. Ist 4players.de vielleicht manchmal zu unbequem? Oder ist die Art von Journalismus in Zeiten der Influencer und Clickbait Nullnummern wirklich nicht mehr zeitgemäß?

Objektivität? Gibt es nicht!

Auf den Titel hört ein durchaus lesenswerter Kommentar des langjährigen Chefredakteurs Jörg Luibl. Die Meinung dahinter finde ich, wie häufig bei 4players.de, streitbar, aber keineswegs verkehrt. Tatsächlich kann man nie völlig objektiv sein, auch wenn man sich dem Punkt mehr oder weniger weit annähern mag. Natürlich macht das so manche Wertungsdiskussion, vor allem, wenn es mal wieder um zwei, drei Porzentpunkte geht, völlig überflüssig. Die spannende Frage ist dann eher, kann ich wirklich hinter meiner Meinung stehen und warum ist meine Meinung eine grundlegend andere als die meines virtuellen Gegenübers. Metro Exodus? Kam bei mir nicht nur gut weg, ich stehe auch komplett zu meiner Meinung und Wertung, während der Titel bei Jörg Luibl nur auf ein Befriedigend mit 68% kam. An der Stelle ein Seitenhieb auf das ‚Zahlengewichse‘, nicht jedes Wertungsschema gewichtet gleich. Vielleicht ist ein 68% Titel bei 4Players.de immer noch besser als 75% bei uns oder 85% bei der GamePro. Vielleicht findet ihr im Gegensatz zu Jörg Luibl Shenmue nicht besonders gut. Womöglich hat euch Shadows of the Colossus nie so recht gepackt (so geht es mir übrigens gerade), Meinungen sind nun mal verschieden und gerade 4Players.de stand immer für eine gewisse Meinungspluralität.

Gerne und gar nicht selten wurden auch die Verflechtungen zwischen Publishern, PR und Redaktionen kritisiert. Und ja, das System kann man als Problem ansehen. Denn ohne ein gewisses Wohlwollen geht im modernen Spielejournalismus nicht wirklich was. In Zeiten des modernen Aktualitätszwanges gilt das wohl mehr denn je. Besorge ich mir beispielsweise Cyberpunk 2077 privat und teste das erst nach Release, dann interessiert der Test am Ende keine Sau, seien wir doch mal ehrlich. Das System führt dann aber im Fall von Cyberpunk dazu, dass auch Konsolenmagazine nur die PC-Fassung testen und gar nicht erst in der Lage sind, über die Missstände auf den alten Konsolen zu berichten. In der Folge kaufen Millionen Spieler ihr (weiß der Geier warum sowieso schon vorbestelltes) Spiel und ärgern sich über einen komplett verbuggten Haufen Technikmüll. An der Stelle: 4Players.de hatte die Konsolenfassungen ziemlich schnell sehr niedrig bewertet, zumindest für die alte Generation.

Man kann vieles kritisieren, noch mehr kommentieren

Etwa zusätzliche Monetarisierung. Das wurde bei 4Players.de auch oft gemacht. Nicht eben selten völlig zurecht, auch wenn man zumindest aus meiner Sicht bisweilen über das Ziel hinausgeschossen ist. Zumindest beim Chefredakteur hatte ich manchmal auch das Gefühl, dass der Hass auf die Free 2 Play Seite etwas zu stark sein könnte. Und ja, es gibt gute und spielenswerte F2P Titel. Sogar eine ganze Reihe, die man bestens spielen kann ohne Geld reinzustecken. So ganz nebenbei gab es aber immer wieder gute Kommentare, Meinungen und Hintergrundwissen. Gerade der Chef konnte mit seinem Studienhintergrund und Magister wohl nur Buchhändler oder Telespielredakteur werden. Was soll man mit (unter anderem) Geschichtsstudium auch sonst anstellen. Jedenfalls waren eine ganze Reihe Kommentare im Lauf der Zeit, und nicht nur die von Jörg Luibl, durchaus meinungsstark, qualifiziert und oftmals sehr lesenswert. Weil Kommentare und Kolumnen im Kern generell subjektiv sind kann ich hier nur selber mal lesen empfehlen. Spieler vs. Gamer – fight macht übrigens definitiv Spaß zu lesen.

Sehr treffend war beispielsweise Jörg Luibls Analyse zum Aufkauf von Bethesda durch Microsoft. Auch so manche Video Diskussionsrunde war mehr als interessant. Und das will mit mittlerweile 35 Jahren Zockervita durchaus was heißen.

Witzigerweise gehört die Seite gar nicht zu denen, die ich persönlich besonders häufig ansurfe. Meine Adresse war 4Players.de ironischerweise nie so ganz. Als Testseite war es nämlich nicht meine Baustelle, oder besser gesagt nur selten. Qualitativ war es aber immer eine konstante Größe.

Während etwa die Onlinepräsenz der GamePro nach der letzten Übernahme zeitenweise schon in Clickbait Artikeln versank (bitte, bitte keine Überschriften mehr mit ‚& das…‘), momentan aber in einer Phase der Besserung zu sein scheint, durfte 4Players.de immer sein Qualitätsniveau halten. Ja, über den Punkt wird manch einer auch wieder diskutieren wollen, aber das ist doch eigentlich das Tolle am Meinungspluralismus.

Der Kern des Problems

…ist vielleicht noch ein ganz anderer, der nur bedingt mit 4Players.de als Magazin zu tun hat. Die Seite wird aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt. Ob zurecht oder nicht, darüber könnte man höchstens spekulieren. Ein Grundproblem zeichnet sich aber immer öfter auch bei den digitalen Magazinen ab. Der finanzielle Druck wird in den letzten Jahren auch hier immer größer, nach und nach fallen Magazine weg. Im Printsektor sieht es schon seit Jahren finster aus. Magazine a la GameStar und GamePro wirken denn allmählich auch mehr wie ein Best Of Online. Das letzte gallische Dorf unter den klassischen Magazinen ist denn auch die M! Games. Dank der versammelten Konkurrenz in Form von Streamern, Youtubern, Instagrammern, nicht immer aber immer öfter reine Influencer, steigt auch schon lange der Druck auf den Online Journalismus. Obendrein wird es auch nicht leichter, Geld etwa über Anzeigen zu verdienen. Bezahlcontent ist in vielen Fällen auch nicht die erhoffte Geldquelle.

Von irgendetwas müssen Berufsredakteure aber leben. Und vor allem können die bezahlten Kollegen Dinge leisten, die bei uns Hobbyschreibern einfach nicht drin sind. Sicher, in manchen Fällen müsste vielleicht auch mehr drin sein. Bei vielen kritischen Themen wird immer noch Däumchen gedreht. Die aktuellen Problematiken Crunch und sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz scheint unsere Zunft mehrheitlich nur dann anzugehen, wenn es sich nicht mehr vermeiden lässt. Aufklärung leisten andere. Klar, sowas war auch lange Zeit nicht Thema für Spielejournalisten. Aber die Dinge ändern sich. Selbst bei Monetarisierung, den Folgen von Spieleabos, Problemen in digitalen Stores, Fälschen von Bewertungen oder ähnlichem tut sich seit Jahren wenig. Aber interessiert das uns als Leser eigentlich oder wollen wir lieber darüber hinweg sehen? So oder so, vieles kann man als Hobbyredakteur einfach nicht leisten. Meine eigene Recherche etwa läuft praktisch immer vollständig von zuhause und 100% digital. Anders wäre das einfach nicht machbar.

Mit 4Players als Magazin geht nun einer der durchaus meinungsstarken Kandidaten unter den deutschen Magazinen. Aber sicher nicht das letzte. Bleibt die Frage, welche Art von Spielejorunalismus wollen wir in Zukunft?