V wie … Victor Vran – ein Action-RPG im Test

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Blizzard ist Meister darin, Genres mit einem ihrer Games-Franchise für sich einzunehmen und Entwicklern, ob großen oder kleinen, die Bürde aufzudrücken, sich mit den Großmeistern messen zu müssen. Was World of Warcraft für das MMORPG-Genre ist, ist Diablo für den Action-Rollenspiel- und Hack’n’Slay-Bereich. Immer wieder gibt es nennenswerte Ausreißer, welche die Diablo-Messlatte überspringen und nicht als „Diablo-Klon“ gebrandmarkt in der Versenkung verschwinden, so beispielsweise das kostenfreie Path of Exile, das mit griechischer Mythologie gespickte Titan Quest oder Torchlight und Grim Dawn. Haeminmont Games, am ehesten bekannt wegen der Tropico Spiele, hat sich an die Herausforderung bereits vor zwei Jahren gewagt und mit Victor Vran ein neues Hack’n’Slay-Kapitel aufgeschlagen. Mit der Overkill-Edition kann man Dämonenjäger Victor Vran nun auch auf der PS4 und der Xbox One durch Monsterhorden schnetzeln lassen.

Mit Lemmy durch die Hölle

Das Hack’n’Slay Games durchaus Story transportieren können, hat insbesondere die Diablo-Reihe bewiesen. Leider ist es Tatsache, dass 90% der Spiele das Gegenteil tun, nämlich die Hintergrundgeschichte lediglich als funktionellen Startpunkt benutzen, um in die Action einzutauchen. Auch Victor Vran unterscheidet sich in der Hinsicht nicht von anderen Vertretern des Genres. Leider muss man sagen, denn das düstere Setting, dass überdeutlich Bezüge zu Van Helsing von Neocore besitzt, hätte Potential für viel mehr Story-Vielfalt. Victor Vran, Dämonenjäger von Beruf, kommt in der Steampunk-artigen Stadt Zaguravia an, um einen seiner verschwundenen Jäger-Kollegen zu suchen. Bereits kurz nach Ankunft in der Stadt und einigen Monsterleichen später, ertönt eine mysteriöse Stimme in seinem Kopf, die beständig Victors Aktionen sarkastisch und lakonisch kommentiert und Rätsel aufgibt. Rätsel ist auch das Stichwort, denn Victor deckt im Fortlauf des Abenteuers mehr und mehr auf, was es mit seiner eigenen Vergangenheit auf sich hat. Das war im Groben schon der gesamte Story-Aufwand. Die NPCs, die einem begegnen, wirken in ihrer Gesprächsvielfalt leider wie ihre Comic-Standbilder in den Dialogen, aufgeklebt und uninspiriert. Die teils sehr guten Sprecher verdienen zwar ein Lob, weil sie mit der Synchronisation wirklich das Letzte aus der altbackenen Story herausholen, können aber nicht über den klischeehaften Fantasy-Einheitsbrei hinwegtäuschen. Gänzlich Story-frei kommen die beiden Addons „Fractured Worlds“ und „Motörhead: Through the Ages“ daher. Gerade Letzteres sorgt aufgrund seiner Mitarbeit von Lead-Singer Lemmy Kilmister samt Band für eine ungeahnt dichte Atmosphäre, darf man doch eine Hetzjagd von Dungeon zu Dungeon unternehmen, die von diversen Heavy Metal Songs, aber natürlich auch Motörhead inspiriert sind. Das erzeugt eine intensive Stimmung, da sich die Entwickler Mühe gegeben haben, dem Stil der Songs mit Level und Monstern zu entsprechen. Lemmy hat sogar selbst einen Auftritt mit prägnanten Zitaten, der zwar kurz, aber dermaßen intensiv ist, dass es ein durchaus bemerkenswertes Spielerlebnis von Victor Vran bedeutet. Das Spiel blüht hier durch den abgedrehten Motörhead-Einfluss deutlich auf.

Und ewig folgt die Monsterhatz

Letztlich lebt Victor Vran von dem, was die Hauptmaterie aller Hack’n’Slay Spiele ausmacht: Monstermassen kloppen, Ausrüstungsgegenstände einheimsen, seinen Helden damit verbessern, sowie nach und nach durch neue Skills eine Ein-Mann-Armee werden. Das alte Diablo-Rezept funktioniert auch hier, Victor Vran wirkt aber im Ganzen etwas gemächlicher und zielgerichteter als Blizzards Genre-König. Während ein Spieler in Diablo bereits nach Minuten tausende Monsterleichen hinter sich lässt, wirkt Victor Vran in der Hinsicht spezifischer. Statt lediglich Horden von strunzdummen Skeletten, Zombies und Spinnen auf den Helden zu werfen, gibt es deutlich weniger Gegner, die dafür aber unterschiedliche Angriffsverhalten vorweisen, je nach Gegnertyp aggressiver oder passiver vorgehen und auch mal spezielle magische Angriffe vorweisen. Dementsprechend müssen wir auch abwägen, welche Waffe wir wählen oder ob wir uns für Nah- oder Fernkampf entscheiden. Das mag für viele eine schöne Abwechslung zum Diablo-Einheitsbrei bedeuten, für andere mag gerade das gähnend langsam wirken, da sich ein wirklicher Flow nicht einstellen mag.

Ähnlich bedächtig verhält sich Victor Vran in Bezug zum Dropping-Verhalten. 5-minütige Town-Portal Gänge à la Diablo, um den Loot zu verkaufen, gibt es nicht, da die Waffen und Gegenstände, welche die Monster fallen lassen, sich im Rahmen halten. Noch seltener sind die legendären Gegenstände, hier kann sich ein starker Reiz und Suchtfaktor für den Spieler ergeben, das wirklich besondere Schwert oder die durchschlagkräftigste Fernwaffe zu finden. Das Geschehen selbst findet auf großzügig gestalteten Maps statt, bei dem vor jedem Start angekündigt wird, welche Quests es zu erledigen gilt. Das kann von dem Erledigen einer bestimmten Anzahl einer Gegnersorte reichen, bis hin zum Töten einer Gegneranzahl unter Zeitlimit, das Aufsuchen und Zerstören von Gegenständen oder das Erledigen eines Elite-Monsters. Zudem sind immer Geheimnisse wie versteckte Orte eingestreut, die das Sucherherz höherschlagen lassen. Natürlich wiederholt sich jenes Muster gängig in vielen Karten, doch wer es immer als mühselig empfindet, in Action RPGs erst uninspirierten NPC-Dialog anhören zu müssen, ehe er seine Quest erhält, der wird sich in Victor Vran darüber freuen, dass es neben den NPCs Quests diese direkten Aufgabenstellungen im Spiel gibt.

Positiv fällt der zunehmende Anspruch auf, der sich in dem ansteigenden Schwierigkeitsgrad ausdrückt. Die Anzahl der Gegner wird größer, ebenso die geforderten Taktiken bestehend aus Nah- und Fernattacken, die nötig sind, um weiterhin bestehen zu können. Elite- und Bossgegner fordern mehr und mehr versiertere Vorgänge, alleiniges Draufkloppen führt auf Dauer nur zu einem schnellen Tod.

Altbekanntes im nicht neuen Gewand

Herzstück des Spiels bleibt das Kampfsystem, da kann Victor Vran viele Pluspunkte sammeln. Gamer, die durch Hack’n’Slay ihre Maus auf dem PC malträtiert haben, werden eher mit Vorsicht auf eine Konsolen-Konvertierung reagieren, außer wenigen Ausnahmen besteht die Meinung vor, dass dieses Genre am besten auf dem PC zu handhaben ist. Doch Victor Vran wiederlegt diese Annahme, auf der PS4 ist die Steuerung intuitiv und einfach, die Tastenabfrage läuft zügig und problemlos. Per Tastendruck kann man zwischen zwei Waffen wechseln und bei diesen wiederum zwischen verschiedenen Spezialattacken wählen. Per Sprungtaste kann man sich ins Kampfgetümmel hineinstürzen oder auch wieder hinaus befördern. Alle Angriffe haben einen Cool-Down, so dass man taktisch versiert vorgehen sollte, um je nach Cool-Down Anzeige starke Einzelattacken für Elite-Monster oder einen Flächenangriff für eine Monstergruppe auszuführen. Spaß machen natürlich die Overdrive Spezialattacken, die freigesetzt werden können, sobald der Aufladebalken voll ist. Das Ganze ist auch schön anzusehen. Insgesamt macht die Optik und die Inszenierung von Victor Vran Freude, kann aber leider nicht mit dem neuesten Vertretern wie Diablo 3 mithalten. In kargen Kellergewölben im Baukasten-Schema entsteht sogar der Eindruck, ob nicht noch Diablo 2 schöner aussieht, das bereits 17 Jahre auf den Buckel hat. Zwar schafft es das Spiel, durch die Angriffs- und Zaubereffekte einiges reinzuholen, insgesamt gesehen ist Victor Vran jedoch weniger an extravaganter optischer Schaukulisse gelegen. Der Sound trumpft insbesondere in der Motörhead-Ausgabe, wenn Mr. Kilmister während der Monster-Schnetzelei in seiner gutturalen Stimme zu harten Gitarrenriffs grölt und dadurch intensive Höllen-Atmosphäre erzeugt.

Vermisst: Charakterentwicklung und Skill-Tree

Neben der Monsterhatz und der Jagd- und Sammelsucht ist ein weiteres Kernmerkmal von guten Action-Rollenspielen ein ausgefeilter Skill-Tree und Charakter-Bildschirm, um seinen Helden zu individualisieren und auf seine persönliche Lieblingsspielweise auszurichten. Hier fährt Victor Vran leider ein dickes Minus ein. Selbst nach längerem Spielen hat man nicht wirklich das Gefühl, entscheidend seinen Charakter verändern zu können. Das liegt größtenteils daran, dass es schlicht keinen Skill-Tree gibt sowie überhaupt ein Menü, um Fertigkeiten auszuwählen oder zu verändern. Das mag gewagt erscheinen, da man hier doch eines der Kernmerkmale eines RPGs weglässt, andererseits mag es auch dem ein oder anderen erst recht gefallen, der sich nicht mit der Wissenschaft der Charaktergestaltung beschäftigen und direkt Action haben will. Dennoch generiert diese fehlende Option schnell Eintönigkeit im Gameplay. Zwar ist es möglich, über Gegenstandsauswahl und Kleidung bestimmte Kräfte und Eigenschaften zu beeinflussen, doch verändert sich nicht wirklich die ROLLE, die man in diesem Rollenspiel einnimmt. Auch die Tarotkarten können an diesem Gefühl nicht viel ändern, die von den Entwicklern als Ersatz für ein Skillsystem gedacht sind. Zwar verändern diese einige Werte wie Schnelligkeit, Angriffsschaden oder geben ein Bonus für bestimmte Gegnertypen, aber sind sie keinesfalls mit Fertigkeiten gleichzusetzen. Selbst den Charakter darf man nicht frei wählen, Victor Vran bleibt Victor Vran, was allerdings dem Titel des Spiels gemäß Sinn macht. Zwar darf man am Anfang in der Tutorialphase des Spiels zwischen vier Outfits wählen, vom Jäger, Kavalier, Gesetzeshüter bis hin zum Samurai, doch wird hier nicht gezielt eine Klasse bestimmt, sondern die Spielweise, was sich darin ausdrückt, wann und wie man den Overdrive erhält und einsetzt.

Trotz der Mankos ist es letztlich der Mehrspieler, der Victor Vran wieder hochzieht. Denn neben genannten und fehlenden Elementen, die ein Action-RPG dauerhaften Spaß verleihen, ist die gemeinsame Hatz dasjenige, was am meisten zum Langzeit-Spaßfaktor beiträgt. Der Koop-Modus lädt zum vereinten Kampf gegen die Monsterschar ein, hierbei können aufgrund der mageren Charakterstruktur zwar nur mäßige Taktiken ausgelotet werden, doch ist die Kombination aus Fern- und Nahkampf immer eine gute Variante. Natürlich geht das Ganze auch gegeneinander, online können sich vier Dämonenjäger die Köpfe einhauen, was immer wieder Spaß bereitet.

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Victor Vran
PRÄSENTATION (GRAFIK, SOUND) 74%
GAMEPLAY 70%
ATMOSPHÄRE/STORY 68%
SPIELSPASS 75%
MULTIPLAYER 82%
73%
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Im Kampf gegen die Versenkung im Hack’n’Slay Einheitsbrei hat sich Victor Vran zwar behauptet, kann aber auf Dauer nicht mit dem Ober Primus Diablo 3 mithalten. Dafür fehlt es einfach zu sehr an Innovationen. Zwar kann die Overkill Ausgabe für PS4 und Xbox One mit zwei Addons glänzen, in der insbesondere die Motörhead-Kampagne herausstrahlt und mit schnellen Metal und Lemmy Kilmister eine ganz eigene Atmosphäre erzeugt, doch erhält geneigter Action-RPG-Fan letztlich bessere Standardware. Größtes Hindernis für einen Langzeit-Spielspaß bildet hierbei die Charaktergestaltung, die zu wenig bis gar keine Vielfalt aufweist. Letztlich macht man als Fan von Action-RPGs, der neues Futter sucht, sicher keinen Fehler, Dämonenjäger Victor Vran über den Bildschirm Monster schnetzeln zu lassen.

About The Author

Passionierter Gamer seit ich mich erinnern kann. Angefangen hat die Videospiel-Reise mit NES und Gameboy, seither der Gameswelt verfallen und bis heute alle Genres auf verschiedensten Plattformen ausprobiert. Affinität zu allen neuen Technologien und Gaming-Innovationen. Beschäftigt sich mit Games auch auf wissenschaftlicher Basis (Game Studies), hält Vorträge, macht Tagungen und arbeitet in einem Mobile Games Unternehmen.

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