Spintires: Mudrunner – Ein Test für Matschos

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Kinder spielen gern im Matsch und wie jeder weiß sind Männer eh nur große Kinder. Vielleicht ein Grund, warum es mehr männliche als weibliche Offroad Fans zu geben scheint. Aber vielleicht trügt der Schein ja. Der Schlüssel zur Erkenntnis könnten womöglich die Spielerstatistiken zu Spintires: Mudrunner sein, denn wenn die Offroad Simulation von Saber Interactive etwas in rauen Mengen zu bieten hat, dann sind es russische Geländefahrzeuge und, Überraschung, Matsch.

Forstwirtschaftsimulator Taiga Edition

Dabei brettert man in Spintires nicht einfach so durch die Gegend. Nein, die meiste Zeit geht’s ums Holz vor der Hütt’n, und zwar reichlich davon. Bereits der Challenge Modus setzt gewisse Schwerpunkte auf forstwirtschaftliche Produkte. Sammle Stämme ein, fahre einen Stapel Holz mit dem Hänger und dergleichen mehr. Das ist natürlich längst nicht alles, aber ein ganz zentraler Punkt unseres Waldkindergartens für Holzökonomen. In der Kampagne geht es dann auch darum, den oder die eigenen Trucks an der Startwerkstatt passend auszurüsten, IKEA’s beliebtestes Naturprodukt einzusammeln und am Sägewerk abzuliefern. Das ist aber leichter gesagt als getan, da die eingezeichneten Wege oft erstaunlich unwegsam sind, die Karte auch erstmal aufgedeckt werden will und unsere Fahrzeuge Schaden nehmen wie auch stecken bleiben können. Praktisch, dass es einen vergleichsweise kleinen und leichten UAZ Geländewagen gibt, der sich perfekt eignet um Beobachtungspunkte abzuklappern. Was die Map natürlich freischaltet. Auch andere Laster finden sich auf der Karte. Das Angebot reicht dabei vom halbwegs kompakten Kamaz-LKW über russische Knickgelenk-Schlepper bis zum megafetten MAZ-543. Der sieht einfach deshalb nach einem Trägerfahrzeug für Raketen aus weil er eines ist. Gibt aber auch ein super Arbeitstier für schweres Gelände ab.

Ist die Karte einmal aufgedeckt und wissen wir wo Holzladepunkte wie Sägewerke sind, dann können wir mit unseren passend ausgerüsteten Allradlern natürlich Spedition spielen. Das ist aber oft einfacher gesagt als getan. So muss je nach Ladeplatz auch mal ein K-700 oder ein mit Holzkran ausgestatteter LKW zum Verladen genutzt werden, eventuell muss ein Truck als Tankfahrzeug herhalten oder als mobile Werkstatt und so weiter. Am Anfang empfiehlt sich dabei definitiv der Gelegenheitsmodus, können wir hier doch auf Knopfdruck zur Werkstatt zurück oder die Nacht einfach vorspulen.

Schneckenchallenge

Die Challenges zuerst zu erledigen ist wegen der Komplexität von Mudrunner ganz dringend empfehlenswert. Ob ihr im UAZ einen extrem engen Trampelpfad erklimmen wollt den nicht mal suizidgefährdete Maultiere entlanglaufen würden oder ‚einfach‘ durch eine Reihe von Wasserläufen mit zwei (am besten zusammengeketteten) LKW zum Leuchtturm tuckern wollt, die einzelnen Aufgaben bereiten prima auf die Kampagne vor. Alle drei Wertungssterne einzuheimsen ist dabei oft ziemlich anspruchsvoll. Tatsächlich hätten die vergleichsweise schnell erledigten Challenges gerne zahlreicher sein dürfen. Gerade auch, weil die einzelnen Aufgaben sich ziemlich schnell erledigen lassen. Während eine Kampagnenmission euch einige Stunden kosten kann.

Ein weiterer Aspekt ist schließlich der Mehrspielermodus, der bei Spintires von der Kooperation der jeweiligen Mitspieler lebt. In der passenden Gruppe kann das tatsächlich richtig Spaß machen. Bei mieser Zusammenarbeit aber auch ins Gegenteil umschlagen. Die Mehrspielerpassagen sind dabei auch alleine absolvierbar, außerdem lässt sich eine Mission speichern und jederzeit fortsetzen. Mit ein paar guten Freunden lohnt sich der Online Mehrspieler eigentlich erst so richtig, auch weil Teamwork und Kommunikation hier wirklich ein Schlüssel zum Spielvergnügen sind.

Alles Allrad

Bei der Fahr- und auch Umweltphysik lässt Mudrunner nichts anbrennen. Tatsächlich dürfte es kaum ein Spiel geben, das besseres Offroad Feeling vermittelt. Nur schnell wird es hier nie. Im Gegenteil, mal mit Differenzialsperre und Allrad, mal nur mit Differenzial, mal ohne alles, mal im Kriechgang und mal im besseren Joggingtempo darf man sich durchs Gelände quälen, ein halbes Auge stets auf dem aktuellen Verbrauch (pro Minute) und Tankmöglichkeiten, eines auf möglichen Punkten für die Seilwinde und am besten gleich drei auf der Strecke. Unterschiedlich weiche Untergründe deformieren sich auch verschieden stark und lassen unsere Fahrzeuge oft ganz schön einsinken. Noch heikler wird es im Wasser, kann es doch den Motor beschädigen. Starke Strömung lässt uns sogar abtreiben. Besonders fies mit leerem Tankanhänger. Auf der anderen Seite kippen beladene Laster leichter und tun sich bergauf deutlich schwerer. Auch schmale Holzbrücken können zur knallharten Herausforderung werden. Weil unsere Fahrzeuge sich allesamt beschädigen lassen sollte man auch nicht leichtfertig über Baumstümpfe und Felsen brettern oder vor Bäume fahren. Kleine Bäumchen sind dabei wieder was anderes.

Bei der Physik kann Mudrunner auch nochmal so richtig glänzen. Neben dem schicken und physikalisch korrekten Schlamm und der gelungenen Wassersimulation fällt auch die Menge an Soft-Body Physik-Elementen auf. Jeder Baum ist elastisch, mal mehr, mal weniger, abhängig unter anderem von Größe und Art. Die Niederdruck-Reifen verformen sich sichtlich. Aber auch Holzbrücken und sogar die Ladeflächen unserer LKW verwinden und verformen sich. Und natürlich schwappt auch der Krafstoff in den Tanks, gerade beim Tanklaster nicht zu unterschätzen. Nervig und auch nach vielen Stunden noch fummelig ist allerdings die Kamerasteuerung auf Konsole, die teils auf linkem, teils auf rechtem Stick liegt und selten ganz genau das macht, was sie soll. Nämlich perfekte Übersicht bieten. In der Praxis meist gut ertragbar, aber dennoch nervig und unschön.

Viel Lichtung, etwas Schatten

Technisch gibt sich Mudrunners kaum eine Blöße. Allerdings sind Schwächen vorhanden. Ganz vorneweg sind gelegentliche, sekundenlange Pausen in denen das Spiel vermutlich Daten nachlädt. Auch die Cockpitansicht enttäuscht leider, dank nicht funktionierender Außenspiegel und hässlicher Instrumenteneinblendung statt korrekter Anzeigen. Außerdem ist die Gegend offensichtlich komplett ausgestorben, nirgends sieht man auch nur eine Menschenseele. Schließlich und endlich hätte es gerne etwas mehr Abwechslung bei Jahreszeiten und Locations sein können, so gut Sumpf, Wald und Küste auch aussehen. Festen, gefrorenen Winterboden wird sich der ein oder andere vermutlich sogar ganz besonders wünschen nach einigen Spielstunden.

Sieht man davon mal ab kann der russische Wald aber wirklich begeistern. Wasserläufe, Strände, Sümpfe, Blumenwiesen, Tümpel an denen jeden Moment ein Elch zum Trinken aufschlagen könnte, Spintires vermittelt ein geniales Gefühl von Natur, in das sich verwitterte Datschas wesentlich harmonischer einfügen als gelegentliche Plattenbau-Betonwüsten. Schaltet man des Nachts die Scheinwerfer an wirkt der Wald dunstig und natürlich wäre da der optisch grandiose Matsch. Fast überall kann man seine Spurrillen hinterlassen. Auch der russisch-rustikale Fahrzeugpark sieht einfach absolut passend aus, erst recht wenn die Morgensonne zwischen den Bäumen hervorbricht. Abseits der Nachladepausen bleibt die Bildrate auch immer stabil.

Endlich krabbeln lernen

Durchs Unterholz zu kriechen kann ja so schön sein! Lass die anderen halt in Forza sprinten, wir krabbeln lieber. Durch den tiefen Schlamm und Matsch. Spintires: Mudrunner ist ein wenig die virtuelle Wiederentdeckung der Langsamkeit. Mit unterschiedlicheren Szenarios und mehr Challenges wäre dabei ganz sicher mehr drin gewesen. Auch etwas mehr Abwechslung bei den einzelnen Aufgaben wäre toll. Da auch die Kamera Nerven kosten kann muss Spintires: Mudrunner unterm Strich leider Federn lassen. Fans von Offroad und LKW-Trial dürfen allerdings direkt wieder ein bisschen Spielspaß hinzu addieren, während eilige Raser von vornherein am falschen Ort sind. Bleibt zu hoffen, dass Saber Interactive spätestens bei einer Fortsetzung die vorhandenen Schnitzer ausbügeln kann.

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Spintires: Mudrunner
Präsentation (Grafik, Sound) 84%
Gameplay 76%
Multiplayer 73%
Spielspaß 80%
78%
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Spintires: Mudrunner ist nicht frei von Fehlern. Die Umgebungen könnten auf Dauer mehr Abwechslung vertragen, die Kampagne mehr Abwechslung im Aufbau bieten und die Challenges gerne mehr sein. Und ja, irgendwann wünscht man sich auch mal weniger matschigen Untergrund. Zumindest mal für einen Moment. Gleichzeitig bietet Saber Interactive mit Mudrunner die momentan beste Offroad Simulation an. Habt ihr ein Faible für Arbeits-Simulationen und Fahren durch das Gelände führt eigentlich kein Weg an Spintires vorbei. Nur das volle Potenzial wird hier (noch) nicht ausgeschöpft. Wer gerne schnell ans Ziel kommt sollte allerdings besser die Finger von Spintires lassen.

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About The Author

1986, ein strahlender Sommer, ein Freund mit VCS, Schwarzweißfernseher, Space Invaders und Pacman. Seitdem lässt mich das Thema Telespiele nicht mehr los, egal ob Game Boy, Amiga, PlayStation, Xbox oder Wii U. Nicht mal vor dem PC hab ich halt gemacht. Einzig von Sportspielen lass ich generell die Finger.

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