Im November 2006 erwartete die Spieler auf dem Nintendo DS eine ganz neue Erfahrung: Es galt, den titelgebenden Strafverteidiger Phoenix Wright zu spielen, während der Verhandlung „Einspruch!“ ins Konsolenmikro zu brüllen und mit der richtigen Multiple Choice Option Zeugen in die Mangel zu nehmen. Darauf folgten Fortsetzungen, Spin-Offs und eine veritable Karriere mit Animes und Mangas. Die komplette erste Trilogie fand 2012 den Weg auf iOS und diese Fassung wurde nun auf aktuelle Systeme portiert. Auf die späteren Ableger rund um Apollo Justice, Miles Edgeworth oder das Crossover mit Gaststar Professor Layton muss man hier verzichten. (Eine deutsche Sprachoption soll im August 2019 nachgepatcht werden.)

Worum geht’s?

Ihr steuert den zu Beginn 22jährigen Junganwalt Phoenix Wright, der sich in einer völlig überzeichneten Anime-Welt als Jurist beweisen muss. Dabei ist die Umgebung nicht weniger skurril als die Mordfälle, die er aufzuklären hat. Und zu guter Letzt sind die Figuren in ihrer Darstellung so übertrieben, dass sie den Gesamteindruck komplettieren: Entweder sind die hier alle irre oder das ist insgesamt ein Produkt schwer komplexer Phantasie. Übrigens ist die grafische Darstellung der holden Weiblichkeit nichts für Extrem-Feministen, denn Anime-typisch werden hier übergroße Oberweiten mit fahrlässig tiefen Ausschnitten kombiniert – oder die riesigen Brüste hopsen einfach gleich ungezügelt durch die Bluse. Aber damit muss man immer rechnen, wenn Japaner sich auf ihre Art und Weise darstellerisch austoben.

Grafik- oder Textadventure?

Die Spielmechanik bleibt durch die verschiedenen Fälle immer gleich. Das Spiel wird nahezu durchgängig aus einer Art Ego-Perspektive präsentiert. Zunächst recherchieren wir an verschiedenen Orten, um Beweise und Informationen zu sammeln, die die Unschuld unseres Mandanten hieb- und stichfest belegen können. Später geht’s dann in den Gerichtssaal, wo wir während der Verhandlung Zeugenaussagen Satz für Satz auseinandernehmen und an der entsprechenden Stelle den richtigen Beweis zur Entlastung unseres Klienten vorlegen.

Dabei bewegen wir uns grundsätzlich nur mit Textbuttons durch das Spiel, denn die Technik ist bis auf die HD-polierte Grafik noch original 2006. Dialoge laufen nur in Textkästen ab, der Gesprächspartner wird uns als übergroßes Portrait präsentiert und bewegt sich kaum: Die NPCs verfügen lediglich über spärliche Animationen (wie zum Beispiel das Tippen an der eigenen Nase) und auch nur über wenige Gesichtsausdrücke, zwischen denen das Spiel bei Bedarf hin- und herschaltet. Ein Großteil des Spiels (was von der Story her nur ein Seifenoper-Gerichtssaal-Drama ist) erfordert das Lesen von Tausenden von Textzeilen.

Die Fortbewegung und Fortführung im Spiel erinnert also eher an ein Textadventure, was dadurch aufgelockert wird, dass wir an den Schauplätzen und Tatorten den Bildschirm Point-and-Click-mäßig nach Gegenständen und Auffälligkeiten absuchen, die für uns nützlich sein könnten.

Einspruch!

Der Ablauf eines Falles ist dabei immer gleich. Während die vorgeschaltete Beweis-Sammelei eher passiv abläuft und hauptsächlich Lesekompetenz erfordert, wird erst die eigentliche Gerichtsverhandlung wirklich interaktiv.

Wir müssen Zeugen eines Kreuzverhörs unterziehen und versuchen, einen Widerspruch zwischen der Version des Zeugen und den selbst ermittelten Beweisen zu finden. Diese Momente sind rar, aber umso befriedigender, wenn sie auftauchen. Wir durchkämmen die Aussage Satz für Satz, versuchen etwas zu finden, das in seiner Erinnerung übersehen wird, oder ihn als Lügner zu entlarven. Und dann, plötzlich, schlagen wir zu. „Einspruch!“, wird per Knopfdruck gebrüllt. Die Aussage ist falsch. Sie widerspricht einem Beweis. Der Zeuge sagt etwas, aber die Gerichtsakte sagt etwas anderes. Das Spiel reagiert auf spektakuläre Weise. Wright schreit „Einspruch!“, die Musik quietscht noch mehr als ohnehin, und ein selbstgefälliges Lächeln schleicht sich über das Gesicht des Anwalts. Ein Knall. Wir starten den Gegenangriff und zerfetzen die Aussage des Zeugen. Der Kiefer des Staatsanwaltes fällt ein paar Zentimeter. Die Musik explodiert in ein hohes Tempo, während Wright pflichtbewusst die Wahrheit enthüllt.

Diese Gotcha-Momente sind wirklich einer der befriedigendsten Augenblicke des Spiels. Doch manchmal ist es nicht klar, was der Entwickler von uns will. In einigen Fällen widersprechen Beweise möglicherweise zwei Behauptungen, werden jedoch nur akzeptiert, wenn sie als Antwort auf die richtige vorgelegt werden.

Die zu lösenden Mordfälle sind zwar logisch, aber unrealistisch. Das ist besonders dem  ungewöhnlichen Justizsystem geschuldet, bei dem der Angeklagte komplett konträr zum in Deutschland geltenden Grundsatz der Unschuldsvermutung seine Unschuld erst beweisen muss und Zeugenaussagen selbst nach mehreren nachgewiesenen Falschaussagen noch Gültigkeit besitzen. Im weiteren Verlauf muss bizarrerweise auch ein Papagei und die Puppe eines Bauchredners befragt werden. Immer stärker werden im Spielverlauf übernatürliche Elemente, es werden beispielsweise einige Charaktere mehrere Male vom Geist Phoenix‘ verstorbener Chefin Mia besessen. Außerdem kann mit einem Magatama (einer Art Glücksbringer) eine „Psychoblockade“ in den Textdialogen entdeckt und mit Hilfe von gesammelten Beweisstücken Schritt für Schritt durchbrochen werden. Der surreale Charakter der Figuren ist konstant und beispielsweise an einer im Gerichtssaal peitschenschwingenden Staatsanwältin, einem voreiligem Richter und diversen extravaganten Zeugen.

Originalgetreue Umsetzung

Das Spielprinzip ist 2006, die quäkige Musik mit ihren stark geschmacksabhängigen Janpan-Melodien ebenfalls, die Grafik bis auf die Anpassung an HD eigentlich auch. So hat die Konvertierung von Phoenix Wright auf die aktuelle Konsolengeneration eigentlich keinerlei Zuwendung erfahren, die eine Neuanschaffung der Spiele notwendig macht.

Fazit

Die Ace Attorney-Trilogie ist eine klare Sache: Man liebt sie oder hasst sie. Die surreale Präsentation, die völlig übertriebe Darstellung, die seltsamen Charaktere – das alles ist bestenfalls Geschmackssache. Das Gameplay ist eigentlich nicht existent und besteht aus „Weiterschalten“, lediglich die Zeugenverhöre beeindrucken. Wer von der Reihe bisher nichts gehört hat, wird wahrscheinlich spontan zurückschrecken. Wer aber in den letzten 13 Jahren schon mal mit dem stachelhaarigen Anwalt zu tun hatte, wird einen originalgetreuen Flashback in die Anfangszeit eines in Japan unglaublich erfolgreichen Franchises erleben. Die Ace Attorney-Spiele sind ein perfekter Beweis dafür, warum es noch immer eine Menge Videospiele gibt, die den Sprung von Japan aus nach Europa und den USA nicht schaffen: Manche kulturtypischen Eigenarten funktionieren halt nur im Herkunftsland am besten.

Phoenix Wright: Ace Attorney Trilogy
68%Gesamtpunktzahl
Grafik/Präsentation59%
Story/Atmosphäre77%
Gameplay59%
Spielspaß77%
Leser Bewertung 0 Stimmen
0%