15 Jahre war Marcus Lehto bei Bungie tätig und verließ das Studio als Creative Art Director im Jahre 2012 letztlich aufgrund von übermäßiger Crunchtime. Mit Disintegration kommt nun das Debüt-Spiel seines eigenen Entwicklerstudios V1 Interactive mit allerhand Vorschusslorbeeren. Als Halo Mitschöpfer weckt man natürlich Erwartungen an ein Spiel und es wurde auch aktiv mit seiner Vergangenheit beworben. Mit dem Vorhaben einen Hybrid aus Ego-Shooter und Strategiespiel zu entwickeln, haben sie sich auf jeden Fall viel vorgenommen. Daran haben sich schon große Studios die Finger verbrannt, mal sehen was das 39 Mann starke Team um Lehto daraus gemacht hat.

Die Menschheit hat die Erde zugrunde gerichtet.

Die Erde ist am Ende und wurde von zahlreichen Katastrophen heimgesucht. Als Ausweg haben Wissenschaftler eine Möglichkeit entwickelt die menschliche Seele und das Bewusstsein in Roboter zu übertragen, damit sich die Ressourcen der Erde wieder erholen können.

Wie es kommen musste, fanden aber einige diesen Zustand als Roboter überaus vorteilhaft und wollen verhindern, dass sich die Menschheit wie es sie mal gab, wieder etablieren und die integrierten Menschen wieder zurück in ihren ursprünglichen Körper können. Stattdessen wollen die als Rayonne bekannten Streitkräfte um Anführer und Antagonist Black Shuck alles menschliche auslöschen und die Post-Humanistische Zeit einläuten.

Und hier kommen wir ins Spiel. Wir schlüpfen in die Rolle von Romer Shoal, einer der integrierten Menschen in einem Roboter Körper, die wieder zurück in ihren menschlichen Körper wollen. Zusammen mit einer Crew aus Outlaws versucht er den Rayonne schließlich das Handwerk zu legen und Black Shuck in seine Einzelteile zu zerlegen.

Gameplay mit Tücken

Damit man mit der Steuerung überhaupt klarkommt, empfiehlt es sich auf jeden Fall das Tutorial zu spielen. Da wird man in die wichtigsten Elemente eingeführt, wie man das Gravcycle, ein schwebendes Gefährt, womit man sich als Romer ständig durch die Level bewegt, steuert und wie man seine bis zu vier Einheiten über das Schlachtfeld bewegt. Wirklich viel kann man dabei gar nicht machen, trotzdem habe ich bis zum Schluss immer wieder Probleme gehabt indem ich ausversehen falsche Kommandos gegeben habe. Kann am eigenen Unvermögen gelegen haben, aber ich finde die Tastenbelegung nicht gut gewählt.

Bitter wird es dann, wenn man die Spezialfähigkeit einer Einheit vergeudet, welche man erst nach Ablauf des Cooldown Timers wieder nutzen kann. Auf der einfachsten Schwierigkeitsstufe verschmerzbar, kann das auf der schwersten zu einem Problem werden. Ist mal eine der Einheiten gestorben, muss innerhalb von 30 Sekunden der sogenannte Hirnbehälter eingesammelt werden, damit diese in einem neuen Roboter spawnen kann. Schafft man das nicht oder stirbt selbst, wird man zum letzten Checkpoint zurückgesetzt. Diese sind in der Regel auch gut gesetzt, so dass man nicht zu weit zurückgesetzt wird und wiederholen muss.

Insgesamt haben die Entwickler den Spagat zwischen Ego-Shooter und Strategie gut hinbekommen, trotz der zumindest für mich hin und wieder verwirrenden Steuerung. Der Kniff hierbei ist das bereits erwähnte Gravcycle, mit dem man wie ein Feldherr über dem geschehen schwebt und immer einen guten Überblick über die eigenen und gegnerischen Einheiten bekommt. Dank Scan-Funktion sind diese auch in unübersichtlichen Gebieten immer gut sichtbar und erkennbar, auch wenn sie sich mal hinter Bäumen oder Häusern verstecken.

Die Ambition der Entwickler von Disintegration auf drei verschiedene Arten spielen zu können, würde ich nicht als geglückt bezeichnen. Denn laut offiziellen Guides soll das Gameplay klassischen Ego-Shooter Spielern, Strategiefans und jedem dazwischen Spielspaß bieten. Ich würde allerdings jedem Ego-Shooter Fan abraten dieses Spiel zu spielen, wenn er ebenso ein Spiel erwartet. Zwar steuert man Romer auf seinem Gravcycle aus der Ego-Perspektive und man kann dank Waffen an Board auch auf die Gegner schießen, es ist aber trotzdem weit von einem klassischen Ego-Shooter entfernt. Eher werden Spieler mit dem Strategie-Gen mit diesem Spiel glücklich, die aber eher einen höheren Schwierigkeitsgrad wählen sollten.

Wo man auf dem leichtesten Schwierigkeitsgrad die Einheiten am Boden einfach laufen lassen und die Gegner selbstständig über den Haufen ballern kann, ist bei höheren Schwierigkeitsgraden mehr strategisches Vorgehen nötig. Vor allem die Spezialfähigkeiten sollten mit Bedacht eingesetzt werden und man sollte sich auch vorher gut überlegen, welche Einheiten man zuerst erledigt. Zu den Spezialfähigkeiten gehören beispielsweise Betäubungsgranaten, Verlangsamungsfelder oder Luftangriffe die ihr auf die feindlichen Einheiten loslassen könnt.

Viel Potential, aber da geht noch mehr

Insgesamt bietet Disintegration viel Potenzial, vor allem die Idee des Spiels mit seiner interessanten Story und dem Gravcycle welches sich für so ein Genre Hybrid gut eignet. Trotzdem haben die Entwickler viele Möglichkeiten nicht genutzt oder liegen lassen. Die Gründe dafür kann man nur vermuten. Es ist das Debütspiel eines kleinen Studios, die zwar einen bekannten Kopf an der Spitze haben, aber auch einen großen Publisher. Und genau da kann das Problem liegen. Take Two wird eine Menge Geld in das Projekt gesteckt und vermutlich auf ein Release des Titels gedrängt haben, auch wenn vielleicht ein Jahr mehr Entwicklungszeit dem Spiel gutgetan hätte.

Vor allem das Leveldesign ist auf Dauer sehr Repetitiv. Zwar sind die Areale relativ offen, man bewegt sich aufgrund der Checkpoints trotzdem durch ein eher schlauchiges Level. Etwas Abwechslung bietet zwar der Wechsel von Innen nach Aussen, aber unterm Strich hangelt man sich durchs Level und muss alle gegnerischen Einheiten aus dem Weg schaffen, die auftauchen. Zwar muss man zwischendurch auch Gegenstände suchen, entdecken oder zerstören, es fühlte sich aber schnell sehr wiederholend an. Auch hat man versäumt die Story über die Missionen selbst zu transportieren. Je weiter man spielt, desto irrelevanter wird die Geschichte, die fast nur durch die Zwischensequenzen weiter lebt.

Auch um den Stategiecharakter zu unterstreichen, hat das Team um Lehto Potenzial liegen lassen. Am meisten hat mich gestört, dass vor dem Start einer Mission nicht auswählbar ist welche Teammitglieder man mitnimmt oder welche Waffe an das Gravcycle montiert wird. In jeder Mission wurde das vom Spiel vorgegeben und man muss dann damit leben. Dabei hätten gerade die verschiedenen Waffen und Spezialfähigkeiten der Einheiten viele strategische Herangehensweisen eröffnen können. Natürlich hätte man dies je nach Mission einschränken können, aber bis auf das aufleveln mit Chips, die man während der Missionen findet, gibt es keine Möglichkeiten dem Spiel seinen eigenen Stempel aufzudrücken.

Optisch ist viel Halo drin

Dadurch, dass Marcus Lehto 15 Jahre bei Bungie tätig und maßgeblich an der Schöpfung des Halo Universums tätig war, ist es nicht verwunderlich, dass man dies in dem Spiel an vielen Ecken sieht. Wo mich die Hauptfigur Romer eher an Chappie aus dem gleichnamigen Film erinnert, schreien mir die gegnerischen Rayonne Halo mitten ins Gesicht. Deutlicher wird’s im späteren Missionsverlauf bei den größeren und mächtigeren Gegnern.

Insgesamt sieht Disintegration ordentlich aus, kann dabei aber weder für einen WOW-Effekt noch für Würgreize sorgen. Gleiches gilt für die Soundeffekte und musikalische Untermalung. Besonders bei der Musik je nach Situation und ob mich gleich Gegner erwarten, hatte ich des Öfteren diesen Halo Moment, wenn die Trommeln einsetzen und es gleich zur Sache geht. Auch die Soundeffekte der Waffen sind meist ordentlich gewählt, aber teilweise fand ich sie auch unpassend und habe sie nicht als Waffen wahrgenommen. So hört sich ein Granatwerfer ähnliche Waffe eher so an, als ob man von hinten angespuckt wird. Hab nicht auf Anhieb verstanden, woher das Geräusch gekommen ist bis ich die Granaten auf mich zufliegen gesehen habe.

Schade finde ich ebenfalls, dass man ähnlich wie beim Missionsdesign auch im Leveldesign versäumt hat die Geschichte zu transportieren. Von einer Erde am Abgrund wo es nötig ist die Ressource zu schonen, ist wenig zu sehen. Man bewegt sich teilweise durch unberührte Natur mit Wäldern, Seen oder Flüssen. Hier hätte ich eher Steppen und Wüsten aus einer dystopischen Welt erwartet. Ja die futuristischen Städte sind beschädigt und verlassen, aber post apokalyptisch sieht diese trotzdem nicht aus. Auch waren die Level insgesamt sehr statisch, weil sich außer den Einheiten nichts bewegt hat. Wasser war noch das eine, aber wurden auch jegliche Tiere ausgerottet, so dass man nicht mal Vögel oder andere Tiere wie Rehe oder Hasen sieht? Ein Leveldesign, welches die Geschichte des Spiels unterstützt, hätte dem Titel auf jeden Fall gut getan und so hätte man auch vom eintönigen Missionsdesign ablenken können.

Multiplayer Fehlanzeige

Hier sollte jetzt eigentlich der Part zum Multiplayer-Modus stehen, allerdings war es mir an verschiedensten Tages- und Nachtzeiten nicht möglich einen Gegner zu finden. Scheinbar sind die Spieleserver bereits kurz nach Release des Spiels verwaist.

Sehr schade, denn die drei verschiedenen Modi klingen vielversprechend. In Zone Control müssen mit den Bodeneinheiten Zonen erobert und so Punkte gesammelt werden. In Collector müssen Hirnbehälter von besiegten Gegnern gesammelt werden, wer mehr hat gewinnt die Runde. In Retrieval spielen ein Offensiv- und ein Defensiv-Team gegeneinander, wo das Offensiv-Team Kerne einsammeln und an einen bestimmten Punkt bringen muss, was das Defensiv-Team wiederum verhindern muss. Ein Vorteil im Multiplayer gibt es neun verschiedene Crews mit unterschiedlichen Fähigkeiten, so dass man zumindest hier sein Trupp beeinflussen kann.

Ich bleibe auf jeden Fall dran, um den Multiplayer-Part nachzureichen. Vielleicht ist es auch ein technisches Problem beim Matchmaking wieso kein Spiel gefunden wird. Allerdings befürchte ich, dass die Server einfach leer sind, weil die Multiplayer Erfolge bzw. Trophäen bereits von anderen Spielern erreicht wurden.

Fazit

Die Entwickler von Disintegration machen einiges richtig, lassen aber trotzdem viel Potenzial liegen. Das größte Problem bei so einem Genre-Mix ist die Übersicht zu behalten und das haben sie in Form des Gravcycle gut hinbekommen. Trotzdem haben sie die durchaus gute Storyidee nicht ganz auf den Bildschirm bekommen. Das größte Problem ist sicherlich die geringe Abwechslung und behäbige und unausgegorene Steuerung. Dennoch macht das Spiel Spaß und ich kann mir durchaus vorstellen, dass es hier einen zweiten Teil geben kann. Die Geschichte lässt das durchaus zu. Fans von Ego-Shootern sollten sich aber trotzdem nicht von der Bezeichnung blenden lassen, ohne ein Herz für Strategie wird man mit Disntegration nicht glücklich.

Disintegration
Interessante StoryGravcycle hilfreich für den Genre-Mix
Unausgegorene SteuerungEinheiten/Waffen können für Missionen nicht angepasst werdeMultiplayer aufgrund leerer Server nicht möglich
74%Gesamtpunktzahl
Präsentation (Grafik, Sound)75%
Story, Atmosphäre75%
Gameplay72%
Spielspaß75%
Leser Bewertung 0 Stimmen
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