Was waren das doch damals für einfache und entspannte Zeiten, als die Jahres Zahl noch eine „19“ in der Bezeichnung hatte. So wurden Konsolen einfach in 8 Bit oder 16 Bit unterteilt und nicht in Teraflops, Auflösung oder Frames. Ähnlich simpel wie die Technik aus den Neunzigern, verhielt es sich auch mit den Spielen. Modul rein in die Kiste und los geht’s. Kein langes Intro, kein Tutorial-Level – Einfach direkt spielen und währenddessen lernen. Super Probotector zum Beispiel. Nach dem Druck auf dem Start Button springt euer Charakter ins Bild und Bam – Feuer frei. Heute wärt ihr wohl in einem Trainingsraum und müsstet erst einmal die überladene Steuerung beigebracht bekommen und euch unter all dem Krach und den Explosionen irgendwelche „Missionsbriefings“ anhören. Warum erzähle ich das alles? Im Test heute geht es um genau so ein altes liebevolles und simples Spiel. Xeno Crisis sollte damals in den Neunzigern auf dem SEGA Mega Drive das Licht der Welt erblicken, wurde aber nie fertig gestellt. Diesen Job übernahm nun der englische Indie-Entwickler Bitmap Bureau und vollendete die jahrelang ruhende Arbeit. Ältere Projekte fertigstellen ist also dieser Tage irgendwie En Vogue – Ultracore lässt grüßen. Wie sich so ein alter Schinken auf einer neuen und sogar auf einer alten Konsole spielt, zeigt unser Test:

Lock and Load

So ganz ohne Intro kommt Xeno Crisis im Übrigen auch gar nicht aus. In kurzen Standbildern wird Commander Darius erklärt, dass der Außenposten 88 von feindlichen Aliens angegriffen wird. Als Leutnant der Marines, sollt ihr ein Feuerteam zusammenstellen und die Bude mal ordentlich durchwischen. Eine ziemlich lustige Erklärung, seid ihr entweder gänzlich alleine oder eben höchstens zu zweit unterwegs. Arnie oder Stallone wären stolz auf euch. Oder hat John Matrix in Phantom Kommando etwa gekniffen? Oder hat Rambo nach Verstärkung gefunkt? Seht ihr. Wer also auf eine Geschichte mit Wendungen und Kniffen hofft, wird hier leider enttäuscht. Im Laufe der Geschichte findet ihr lediglich heraus, dass die Monster durch diverse Genexperimente entstanden sind und ein gewisser Dr. Herzog dafür verantwortlich ist. Xeno Crisis fängt jedoch die fehlende Geschichte mit seiner stimmigen Atmosphäre, dem Artdesign und den verschiedenen Levelthemen auf. Von der Hangarschleuse zur Außenwand der Basis im kruden Wüstensand durch die Basis in den Wald bis ins Labor und das Schloss. Durch die verschiedenen Szenarien fühlt ihr euch ständig irgendwie bedroht und allein gelassen und spürt dabei wie ihr immer weiter in den Komplex rund um Dr. Herzogs Basis eindringt. Insgesamt klingen nur sieben Level zwar nach nicht so viel, der Schwierigkeitsgrad garantiert euch dennoch eine hohe, wenn auch repetitive Spielzeit.

Bei der Steuerung ist für jeden etwas dabei

Die Steuerung fühlt sich 2020 überraschend frisch an und bietet euch sehr viele Einstellungsmöglichkeiten. Auf der Xbox beispielsweise könnt ihr euch aussuchen ob ihr auf den Feuerknöpfen oder mit dem rechten Stick schießt. Persönlich gefällt mir die Knopfvariante etwas besser, in der man jedoch nicht so gut diagonal zielen kann. Ihr steuert eure Figur also mit dem linken Stick und schießt automatisch im Laufen jeweils per Knopfdruck in die entsprechende Richtung wie die Buttons positioniert sind. Dies erfordert etwas Gewöhnung, flutscht dann aber ganz gut. Alternativ lässt sich Xeno Crisis auch als Twin Stick Shooter spielen in dem ihr euch mit dem linken Stick bewegt und mit dem rechten automatisch in die gewünschte Richtung feuert. Ich persönlich (und auch die anwesenden Couch-Coop’ler) verziehe mit dem Stick aber zu sehr bzw. schieße zu viel daneben. Xeno Crisis setzt euch nämlich permanent mit etlichen Gegnerwellen aus allen Richtungen unter Druck. Zu Beginn des Spiels wollen oder können euch die Aliens und Monster lediglich im Nahkampf an die Uniform. Später gesellen sich jedoch auch Varianten dazu die ebenfalls auf euch feuern oder Giftgas Granaten in den Raum schießen. Alsbald müsst ihr also die Arena gänzlich im Überblick haben. Wo kann ich hinlaufen, wohin schieße ich am besten und nebenbei gilt es noch feindlichen Geschossen auszuweichen.

Neue Knarren braucht der Marine

Wie gut, dass zufällig auch mal die ein oder andere Extrawaffe im Raum erscheint. Diese haben unendlich Munition, sind dafür aber nur gute 15 Sekunden verfügbar. Hier bediente sich Bitmap Bureau sämtlicher Klischees. Spreadshot, Shotgun, Raketenwerfer, Homingmissiles und sogar eine BFG haben es ins Spiel geschafft. Abgerundet wird das Moveset mit einem Granatenwurf, einer Ausweichrolle und einer Nahkampfattacke, die ihr manuell, wie automatisch auslöst. Auf dem Mega Drive fehlt euch natürlich der zweite Stick und überhaupt habt ihr nur drei Feuerknöpfe. Hier ist auch schon die Krux an dieser Variante. Auf dem Mega Drive Controller mit drei Knöpfen müsst ihr dauerhaft eine Taste drücken um zu feuern und lauft dabei ständig umher. Das ist ziemlich unpraktisch und setzt den Schwierigkeitsgrad ordentlich nach oben. Viel besser funktioniert das mit dem Six Button Pad des Mega Drives. Hier feuert ihr auch wie auf der Xbox und anderen modernen Konsolen mit vier Tasten, die die Richtung vorgeben. Solltet ihr also Oldschool mit dem Kauf der Mega Drive Cartridge liebäugeln, besorgt euch besser direkt auch einen der begehrten Six Button Pads.

Ein bisschen Moderne trifft auf Klassik

Ungewöhnlich für das eigentliche Alter des Spiels ist die Tatsache, dass die Räume pro Level im Spiel bei jedem Neustart prozedural generiert werden. Alle Gegner dieses Verfahrens (mich eingeschlossen) können jedoch etwas durchschnaufen. Im Spiel selber merkt man diese Tatsache nur bedingt, da es kaum echte Relevanz hat. Pro Level gibt es eine bestimmte Anzahl an Räumen und auch immer nur dieselben Gegnertypen. Ob diese nun zuerst durch die linke, obere oder rechte Türe auf euch zustürmen macht keinen Unterschied. Besiegte Feinde hinterlassen bei ihrem Ableben ab und zu Hundemarken. Diese Marken gelten als eine Art Währung oder Erfahrungspunkte. Habt ihr einen Level abgeschlossen, könnt ihr im Austausch der Marken euren Charakter verbessern oder mehr Continues kaufen. Die werdet ihr nämlich brauchen. Schon auf „easy“ ist das Spiel eine große Herausforderung. Grinden oder Farmen wie in manchen modernen Spielen kann euch hier auch nicht aus der Patsche helfen. Seid ihr Game Over beginnt das Spiel von Vorne und einen dauerhaften Progress gibt es schlicht nicht. Zusammen ist das Spiel bedingt etwas leichter. Die Feinde lassen sich schneller beseitigen, ihr teilt euch jedoch die feste Anzahl der Marken (30 pro Level) wodurch die jeweilige Spielfigur nicht ganz so stark werden kann, als wenn ihr alle Upgrades für euch selbst kauft.

Das Spiel läuft absolut flüssig – Auch auf dem Mega Drive

Was für die Performance der Xbox One, PlayStation 4 oder Switch keine Besonderheit darstellen sollte, überrascht dafür umso mehr auf dem guten alten Mega Drive. Für die jüngeren Leser hier ein paar Daten zum Verständnis: Die CPU des PAL Mega Drives hat eine Taktung von ganzen 7,60 MHz einen ROM von 32Mbit (4 Megabyte) und kann eine Auflösung von 320 x 240 Pixeln darstellen. Die Screenshots aus dem Test stammen von der Xbox One Version, das Spiel selber sieht jedoch 1:1 auch so auf dem Mega Drive aus und läuft dort mit sehr stabilen 60 Bildern pro Sekunde. Wer auf anspruchsvolle und gnadenlose Action aus den Neunzigern steht, der macht mit einem Kauf definitiv nichts falsch. Und hier ist der Spruch nicht nur ein Synonym. Das Spiel stammt nun mal wirklich aus den Neunzigern. Die digitalen Versionen findet ihr wie immer im jeweiligen Konsolenstore. Die physischen Versionen fürs Mega Drive, Neo Geo oder auch SEGA Dreamcast könnt ihr nur direkt beim Entwickler bestellen.

Fazit:

Xeno Crisis ist der wahr gewordene Traum aller Action Shooter Fans aus den Neunzigern. Der technisch beeindruckende Arena Shooter läuft absolut flüssig und hetzt euch Gegnerwelle um Gegnerwelle auf den Hals. Ausreden gibt es hier keine: Wer das Spiel durchspielen will, der muss üben. Das Spiel motiviert euch jedoch mit einer gelungenen Lernkurve und ihr werdet pro Run immer etwas besser und kommt immer etwas weiter. Kleinere Rückschritte passieren natürlich hier auch mal und vielleicht „verkackt“ ihr auch mal zwei oder drei Runs, aber daran seid ihr immer selber schuld. Nach und nach wisst ihr wie man welche Gegner am besten angeht und legt euch eine Prioritätenliste bei den Upgrades zusammen. Spielerisch ist Xeno Crisis natürlich (gewollt) etwas limitiert, was jedoch nicht negativ gemeint ist. Ihr findet euch schnell zurecht, das Spiel wirklich zu meistern erfordert aber eben Zeit und Durchhaltevermögen. Wer diese Eigenschaften mitbringt, wird mit einigen vergnüglichen Stunden belohnt. Wer generell schwere Spiele ohne Savefunktion meidet, sollte vielleicht besser Abstand nehmen.

Xeno Crisis
Punktgenaue SteuerungGuter SoundtrackSimpel zu lernen - Hart zu meisternFette BosskämpfeCoole Extrawaffen
Teilweise etwas frustrierendNicht sonderlich abwechslungsreichZum Ende hin schon ziemlich hart
84%Gesamtpunktzahl
Grafik / Präsentation86%
Story / Atmosphäre 77%
Gameplay84%
Multiplayer 87%
Spielspaß85%
Leser Bewertung 0 Stimmen
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