Die Yakuza-Reihe um den berüchtigten japanischen Gangster Kazuma Kiryu aus dem Hause SEGA geht nun auch in Europa endlich in die sechste Runde. Sein japanisches Debüt feierte der sechste Teil im Dezember 2016, wonach die Lokalisierung also etwa eineinhalb Jahre Zeit in Anspruch nahm. Ausgestattet mit der frischen Dragon Engine liefert also nun SEGA ein weiteres exklusives Spielerlebnis auf der PlayStation 4. In Deutschland gilt die Yakuza-Reihe eher als Nischen-Produkt, da die Werbetrommeln in der Regel recht stumm blieben und die Spiele selber relativ wenig Action bieten. Dazu gesellt sich eine jeweils sehr lange europäische Lokalisierung. Als Serienneuling stellte ich mich der komplexen Aufgabe die zusammenhängende Geschichte rund um die zahlreichen Yakuza-Clans zu durchleben und Kiryu in seine wohlverdiente Rente zu begleiten.

Waisenkinder haben es nicht leicht

Bevor ich persönlich das Spiel überhaupt starten konnte bzw. wollte, war erst einmal ein wenig Studium im Hauptmenü notwendig. Als Serienneuling bietet einem das Spiel die Möglichkeit die Geschehnisse der vorherigen Teile in recht ordentlichen Zusammenfassungen zu lesen. Typisch für die Serie, sind die englischen Untertitel mitsamt der sehr guten japanischen originalen Sprachausgabe. Nachdem man sich also einen Überblick über die Geschichte eingeholt hat, wirft einen das Spiel ins kalte Wasser. Kiryu hatte es wieder nicht unbedingt leicht in der letzten Zeit. So verbrachte der japanische „Geschäftsmann“ abermals drei Jahre hinter schwedischen Gardinen um die Ehre seiner Ziehtochter und Popstar Haruka zu bereinigen. Die Presse versucht diese zu diskreditieren, in dem sie einigen Artikel veröffentlicht und ihre Yakuza Vergangenheit darin thematisiert. Wer sich mit der japanischen Gesellschaft auskennt, weiß, dass dort das Ansehen und die Ehre eine weitaus gewichtigere Rolle spielt, als im westlichen Teil der Welt (Tätowierte Menschen werden prinzipiell ausgegrenzt und als kriminell angesehen).

Zurück im Business

Nach seiner Rückkehr ins Waisenhaus „Morning Glory“ muss Kiryu jedoch erfahren, dass Haruka seit über zwei Jahren verschollen ist, um den Kindern des Waisenhauses nicht die Zukunft zu verbauen. Alsbald müsst ihr feststellen, dass die Zeiten für Kiryu wieder äußerst kompliziert werden. Haruka liegt nach einem Unfall im Koma und obendrein ist sie plötzlich Mutter eines kleinen Jungen, um dessen Wohlergehen ihr euch nun kümmern müsst. Zu allem Überfluss geratet ihr zwischen die Fronten eines Triaden-Krieges mit dem ansässigen Yomei-Klan, so dass sich der gute Kiryu seinen ruhigen Lebensabend erst einmal abschminken kann.

Everybody is Kung Fu Fighting

Spielerisch müsst ihr neben zahlreichen Dialogen vor allem eins tun: Euch sehr, sehr oft prügeln. Während ihr also durch die Gassen schlendert, kommt es zu zahlreichen Begegnungen mit anderen kampferprobten Gang –oder Yakuza-Mitgliedern. In einem Land, wo Kampfsport zum Schulunterricht gehört, vielleicht auch nicht verwunderlich. Gekämpft wird in Yakuza 6: Song of Life eher intuitiv, denn komplex. Starke und leichte Angriffe zaubern kombiniert spektakuläre Kombinationen auf den Bildschirm mit denen ihr eure Widersacher ordentlich durch die abgesteckten Areale prügelt. Besonders abgefahren sind eure Heat-Angriffe, die ihr mit vollständiger Heat-Leiste vom Stapel lasst. Zusätzlich nutzt ihr Mobiliar und andere herumliegende Gegenstände um sie euren Gegnern über den Kopf zu schlagen. Auf ein aufwendiges Level-System hat man bei SEGA verzichtet. Im Grunde sammelt ihr Erfahrungspunkte und könnt diese in neue Schlag –und Tritt-Kombinationen oder die Erweiterung eurer Grundwerte wie Angriff, Verteidigung oder Gesundheit investieren.

Einmal Yakuza immer Yakuza

Neben der linearen Hauptstory findet ihr in Kamurocho und Onomichi zahlreiche Sidequests, die mal absurd, witzig oder belanglos sind und alle eher die Spielzeit strecken wollen. Hier wären weniger gut geschriebene Quests meiner Meinung nach besser. Ganz mit der Zeit geht man in Yakuza 6: Song of Life, da Protagonist Kiryu über ein Smartphone verfügt, mit dem er durch die Troublr-App gleichgesinnte Schläger ausfindig und ausschalten kann. Gleich mehrere feindliche Gang-Mitglieder lassen sich im Modus Clan-War beseitigen. In diesem strategisch angehauchten Tower-Defense-Modus spielt ihr ganze Straßenschlachten mit eigens rekrutierten Yakuza-Mitgliedern nach. Hier gibt es verschiedene Truppen, die sich nach dem Stein-Schere-Papier-Prinzip gegenseitig auf die Mütze geben. Besonders toughe Yakuza-Gangster messen sich in diesem Modus übrigens sogar online gegen andere Spieler weltweit. Ansonsten vertreibt ihr eure Freizeit mit zahlreichen Nebenbeschäftigungen der Marke Shenmue oder GTA. Pumpen im Fitnessstudio, ein paar Runden in der Spielhalle oder einfach nachts um die Häuser ziehen – hier habt ihr eine Menge Auswahl an „Blödsinn“. Vor allem aber die Spielhalle bietet erfreulicherweise einige Vollversionen älterer SEGA Spiele. Unter anderem könnt ihr dort Münzen für ein paar Ründchen Virtua Fighter 5: Final Showdown, Puyo Puyo oder auch Outrun locker machen.

Schöne neue Welt

Die eingangs erwähnte neue Dragon-Engine zaubert eine tolle Farbenfrohe Bildgewalt auf den Schirm. Das Rotlichtviertel leuchtet mit seinen Neon-Reklamen mindestens bis ins Weltall und die schönen, verträumten Naturgebiete brillieren mit atmosphärischen Sonnenstrahlen und verzaubern euch mit malerischen Farben. 4K-Support bietet das Spiel aktuell jedoch leider noch nicht an. Die Gesichtsmimiken sind trotz der normalen PS4 eines der optischen Highlights des Spiels, die in Kombination mit der sehr guten japanischen Tonspur einiges hermachen. Allgemein werdet ihr sehr vielen Dialogen lauschen, diese aber leider nicht aktiv mit Entscheidungen beeinflussen. Die Animationen in den Kämpfen sind zwar gut, aber auch ordentlich überzogen und erinnern eigentlich an gute alte Arcade-Zeiten in der unmögliche Schlag -und Tritt-Akrobatik an der Tagesordnung war. Das lockert aber die sonst teilweise ernstere Stimmung etwas auf und macht einfach Spaß.

Fazit

Yakuza 6: The Song of Life hat mich als Japan-Fan recht schnell in seinen Bann gezogen, obwohl ich die Vorgänger nicht selber gespielt, sondern nur zusammengefasst gelesen habe. Die Geschichte um die in die Jahre gekommenen Yakuza-Legende Kiryu wirkt ehrlich und echt und tröstet über das gelegentlich etwas seichte Gameplay hinweg. Der mürrische Hauptcharakter, der sich plötzlich um ein kleines Baby kümmern muss, ist natürlich auch ein beliebter Stereotyp, funktioniert aber durch die japanische Coolness eines Yakuza-Mitglieds um so besser. Fans der Serie haben lange auf das Finale warten müssen und wissen mit Sicherheit auch was sie geboten bekommen. Neulinge sollten sich auf einen zähen Einstieg und relativ viel Recherche-Arbeit einstellen.

Yakuza 6: The Song of Life
79%Gesamtpunktzahl
Grafik/Präsentation84%
Story/Atmosphäre79%
Gameplay77%
Spielspaß77%
Leser Bewertung 0 Stimmen
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