Ein kleiner Indie-Geheimtipp von Variable State und 505 Games lässt Mystery- und Thrillerfanherzen höher schlagen. Virginia kommt komplett ohne Dialoge aus und schafft es trotzdem eine packende Geschichte zu erzählen, auf die David Lynch stolz wäre. Wie es dieser Titel geschafft hat, mich im positiven Sinne zu verwirren und sprachlos zu lassen, erfahrt ihr im folgenden Test.

Ein Kunstwerk – viel Raum für Interpretation

Zu Beginn möchte ich euch nahelegen, dass ab einem gewissen Punkt jeder Spieler eine andere Interpretation der Geschichte für sich selbst entwickelt. Dadurch erfährt auch jeder Spieler mit unterschiedlichen Vorkenntnissen aus Filmen, Büchern oder Spielen ein anderes Spielerlebnis. Deswegen erzähle ich euch nur die Rahmenhandlung, jeder weitere Schritt in der Geschichte wäre eine Interpretation meinerseits und soll euch in eurem Spielverhalten nicht beeinflussen. Ihr solltet Virginia so spielen, wie ich es getan habe: Unvoreingenommen und ohne großes Vorwissen zum Ablauf der Geschichte. So werdet ihr am meisten Spaß mit diesem Spiel finden.

screens-virginia-ps4-1Als Special Agent Anne Tarver versuchen wir zusammen mit unserer Partnerin Maria Halperin einen Vermisstenfall in Virginia im Jahre 1992 aufzuklären. Nebenbei wurde Anne Tarver damit beauftragt, mehr über Maria Halperin herauszufinden – sie zu beschatten. Wieso ist sie unter zwei verschiedenen Nachnamen gelistet? Was hat sie zu verbergen?

Parallel dazu ist Lucas Fairfax spurlos verschwunden. Seine Eltern machen sich große Sorgen. Ist es ein weiterer Fall von jugendlicher Rebellion und die Suche nach Aufmerksamkeit? Schnell stellt sich jedoch heraus, dass hier noch viel mehr dahinter steckt. Warum schlafen Lucas‘ Eltern in getrennten Betten? Warum ist Lucas ohne Tasche oder sein Notizbuch weggelaufen? Auch Lucas‘ Liebe zum Weltall und außerirdischem Leben wirft Fragen auf, die es zu lösen gilt.

In der First-Person-Sicht müssen wir jeden Raum, jeden noch so versteckten Winkel genauestens scannen, um den Fall zu lösen. Manche Gegenstände können eingesammelt werden, andere wiederum lassen sich nur begutachten. Ein Inventar als solches besitzen wir jedoch nicht. Die gesammelten Gegenstände werden in bestimmten Szenen jedoch erneut ausgepackt, um so die Hinweise in einen Kontext zu setzen. Daher ist es wichtig sich die Daten gut einzuprägen, da wir diese vielleicht nicht noch ein zweites Mal zu Gesicht bekommen. Nur so ist es möglich, den Vorfall am Ende besser verstehen zu können. Virginia nimmt uns nur in seltenen Fällen an die Hand, vielmehr werden wir in einen Raum voller wahllos platzierter Hinweise geworfen und müssen mit unserem eigenen Wissenscreens-virginia-ps4-4 selbstständig Schlüsse ziehen.

Die beruflichen Strapazen verarbeitet Anne in ihrem Träumen. Neben außerkörperlichen Erfahrungen und Tieren prägen auch Wunschszenarien Annes Träume. Teilweise erscheinen sie realer als sie ihr lieb sind und auch der Spieler kann nach einer gewissen Zeit nur schwer zwischen Realität und Traum unterscheiden.

Um die Verwirrung noch vollends zu unterstützen, macht Virginia, wie für einen Film üblich, teilweise sehr abrupte und harte Cuts. In einem Moment befinden wir uns auf einer Bühne des FBI und nehmen unser neu erworbenes Badge entgegen und im nächsten liegen wir zu Hause in unserem Bett. Haben wir das alles nur geträumt?

Wenn Musik zur Sprache wird

screens-virginia-ps4-7Hierbei kommt der Soundtrack wirksam ins Spiel. Oftmals können wir hören, wenn sich Anne in einem Traum befindet. Die Umgebungsgeräusche hören sich gedämpft an und die Instrumente stimmen einen gereizteren, fast schon panischen Ton an. Und auch sonst dient uns der Soundtrack als Vermittler von Emotionen, dort wo es an Sprache fehlt. Manchmal fehlt die Musik jedoch komplett. Die unbehagliche Stille sorgt dafür, dass wir uns auf das Wesentliche konzentrieren und den Fokus auf Hinweise legen sollen. Wenn die Musik beispielsweise während Autofahrten wieder einsetzt, lädt diese dann zum Tagträumen und Bewundern der Landschaft ein.

Die Grafik ist in Virginia auf ein Minimum reduziert. In Anlehnung an den Kubismus sind die Gesichter mit schwarzen Knopfaugen, einfacher Nase und Mund dargestellt – frei nach dem Motto: Punkt, Punkt, Komma, Strich. Mehr braucht es aber auch nicht, um verschiedene Emotionen und Gesichtsausdrücke rüberzubringen – und das auch noch erstaunlich akkurat. Das Spiel von Licht und Schatten ist in der minimalistischen Welt von Virginia aber trotzdem atmosphärisch sehr beeindruckend. Außerdemscreens-virginia-ps4-6 spielt Virginia ganz wörtlich mit dem roten Faden. Die Farbe Rot verbindet mehrere Handlungsstränge miteinander und hilft uns mehr oder weniger bewusst einige Vorkommnisse in einen gemeinsamen Konsens zu setzen.

Auch wenn Virginia nur ein interaktiver Film ist, werden fast alle Sinne beansprucht – ob nun bewusst oder unbewusst. Selbst einige Zeit nach Spielende lässt einen die Story rund um Special Agent Anne Tarver nicht los und im Freundeskreis wurde somit viel über die Geschichte diskutiert. Mittlerweile habe ich Virginia bereits einige Male durchgespielt und jedes Mal entdecke ich neue Hinweise, die ich bei den vorherigen Durchgängen einfach übersehen habe.

Fazit

Endlich habe ich wieder ein Spiel gefunden, was mich auch noch weit nach Spielende beschäftigt und mitnimmt. Grafik, Musik und Story sind perfekt aufeinander abgestimmt. Dennoch verlangt Virginia viel von einem. Casual-Spieler, die nebenbei noch andere Dinge erledigen, werden an Virginia keinen Gefallen finden. Das Spiel verlangt unsere komplette Aufmerksamkeit, am besten auch in einer Sitzung. Mit einer Spiellänge von ca. 2 Stunden ist das aber durchaus schaffbar. Und für Fans von Mysterygeschichten á la Twin Peaks ist Virginia ohnehin ein Pflichtkauf. Für alle anderen, die gerne einmal ihren inneren Sherlock Holmes auspacken möchten und eine spannende Geschichte einer modernen Grafik vorziehen, sollten sich an Virginia versuchen. Eine schlaflose Nacht und Gesprächsstoff mit Freunden ist dabei garantiert. Für unter 9€ bekommt ihr mittlerweile keine Kinokarten mehr und Virginia bietet euch weitaus mehr an Entertainment als manche Filme.

Virginia
90%Gesamtpunktzahl
Grafik/Präsentation90%
Story/Atmosphäre95%
Gameplay85%
Spielspaß88%
Leser Bewertung 0 Stimmen
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