The Vanishing of Ethan Carter: Test PS4

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Polnische Entwicklerstudios haben in den letzten Jahren bewiesen, dass sie durchaus in der Lage sind, mit den Großen der Videospielindustrie mitzuhalten. So machten sich beispielsweise die „People can Fly“-Studios mit Spielen wie „Painkiller“ und „Bulletstorm“ einen Namen und erst im Mai diesen Jahres wurde mit „The Witcher 3“ von „CD-Projekt Red“ ein wahres Rollenspielbrett abgeliefert, das sowohl optisch als auch inhaltlich zu überzeugen wusste. Nun versuchen sich auch die Herrschaften vom polnischen Entwicklerstudio „The Astronauts“ im Segment der Indie-Spiele einen Namen zu machen. Ob ihr erstes Werk „The Vanishing of Ethan Carter“, das seit dem 15. Juli 2015 im Playstation-Store erhältlich ist, auch das Zeug zum Hit hat, klärt der folgende Test.

Mystery mit Aussicht

The Vanishing of Ethan Carter_20151130113431Unser Abenteuer beginnt in einem alten Eisenbahntunnel. Nachdem wir diesen durchschritten haben, eröffnet sich vor uns der malerische Ort Red Creek Valley. Eine angenehme Herbstsonne scheint auf den idyllischen Bahnweg, der schwache Wind weht stimmungsvoll durch die Bäume und irgendwo in der Ferne scheint ein Fluss leise vor sich hinzuplätschern. Ein Ambiente, das zu einem langen Waldspaziergang einlädt, mit einer Aussicht, wie man sie sonst nur von BBC-Dokumentationen über Kanada oder von vorinstallierten Windows-Desktopmotiven kennt. Doch unsere Spielfigur ist nicht für eine Sightseeing-Tour hierhergekommen.

 

Als Spieler schlüpfen wir in die Rolle des Detektivs Paul Prospero. Dieser hat einen geheimnisvollen Brief von einem Jungen namens Ethan Carter erhalten. Dieser berichtet davon, dass etwas Übernatürliches in Red Creek Valley vor The Vanishing of Ethan Carter_20151130113333sich geht. Erkunden wir die Umgebung etwas abseits des Schienenweges, stoßen wir auf ein paar tödliche Fallen und erblicken ein blutverschmiertes, abgetrenntes Bein. Folgen wir der beachtlichen Blutspur, findet sich auch schnell sein lebloser Besitzer wieder, oder zumindest das, was von ihm noch übrig ist. Spätestens hier erhält die anfängliche Idylle einen sehr trügerischen Beigeschmack und wir beginnen, Ethans Brief ernst zu nehmen. Zu allem Überfluss ist unser Held natürlich völlig unbewaffnet.

Während wir eine Antwort auf all diese Fragen suchen, werden wir in den nächsten paar Stunden durch eine verträumte, amerikanische Berglandschaft mit verlassenen Wohnsiedlungen und einem imposanten Staudamm wandern. Ein Besuch in der örtlichen Kathedrale und eine Tour durch die finsteren Minen von Red Creek Valley dürfen natürlich nicht fehlen.

Dunkle Geheimnisse in Red Creek Valley

The Vanishing of Ethan Carter_20151130113946Obwohl unser Held, den wir in der Egoperspektive steuern, keinerlei Waffen mit sich führt, ist er doch gut auf die vor ihm liegenden Aufgaben vorbereitet. Paul besitzt nämlich die sonderbare Fähigkeit, in die Vergangenheit schauen zu können. Dies wird auch bitter nötig sein, denn im weiteren Verlauf unserer Suche nach Ethan werden wir eine Reihe von Tatorten begehen, deren grausige Geschichten es aufzulösen gilt. Zeugen zum Befragen scheint es an diesem Ort keine (mehr!?) zu geben.

Um den Verlauf eines Mordes zu rekonstruieren, muss Paul diverse Indizien und Gegenstände am Tatort finden. Da die Areale zum Erkunden oft recht weitläufig ausfallen und das Suchen der Items ohne Kompass und Hotspot müßig werden könnte, haben sich die Entwickler ein ebenso simples wie inszenatorisch raffiniertes Gimmick ausgedacht. Sobald wir per Aktionstaste ein Indiz anwählen, sehen wir Pauls Gedanken in Wortform wie Fliegen umherschwirren. Manchmal erscheint ein Wort, wie beispielsweise „Axt“, in dreifacher Ausführung. Diese drei Worte gilt es nun durch Ausrichten des Blickes in eine bestimmte Richtung wieder zusammen zu führen. Sobald wir das Wort zusammengesetzt haben und erneut die Aktionstaste gedrückt halten, erhalten wir eine kurze Vision von dem Ort, an dem sich der gesuchte Gegenstand befindet. Da wir nun Richtung und Aussehen kennen, ist die Suche nach dem jeweiligen Gegenstand meist nur noch Formsache.

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Sind die Indizien entdeckt, alle Objekte gefunden und zu ihrem richtigen Standort gebracht worden, kann Paul eine Art Vision auslösen, in der es gilt, die Tathergänge in die chronologisch richtige Reihenfolge zu bringen. Diese können wir von eins bis fünf durchnummerieren und danach anschauen. Haben wir irgendwo einen Fehler gemacht, wird die Vision an entsprechender Stelle unterbrochen und wir dürfen nochmal neu sortieren. Hierbei werden wir Zeuge von teils grausamen Morden, die alle im Zusammenhang mit Ethan und seiner Familie stehen. Oft ist die Rede von einem gewissen „Schläfer“, der die Angehörigen in Aufruhr bringt und „auf gar keinen Fall geweckt werden dürfe“. Wer oder was wohl dieser Schläfer ist?

Das Kombinieren der Mordfälle macht auch schon einen Großteil des Spiels aus. Hin und wieder finden wir auf unserem Abenteuer noch diverse Notizen, die inhaltlich meist aber nur schwer in einen Zusammenhang mit den Mordfällen zu bringen sind. Zudem lockern einige Rätseleinlagen den Spielfluss angenehm auf. An dieser Stelle seien – ohne zu viel zu verraten – besonders das „Haus der Portale“ und das „Minenrätsel“ positiv zu erwähnen.
Die Interaktion mit der Spielwelt beschränkt sich auf ein Minimum. Egal, welche Gegenstände wir finden oder wie nützlich sie uns auch erscheinen mögen, benutzen können wir keine von ihnen. Sie dienen lediglich dem Lösen der Mordfälle. Bis auf Rennen und Ducken besitzt Paul auch keine weiteren außergewöhnlichen Fähigkeiten.

Ruhiger Horror mit beeindruckendem Finale

The Vanishing of Ethan Carter_20151130121912Auch wenn das Setting und die Handlung wie gemacht scheinen für gruselige Gestalten und nervenaufreibende Phänomene, so spielt sich „The Vanishing of Ethan Carter“ doch sehr gemächlich. Es gibt so gut wie keine Situation, in der Paul wirklich in Gefahr schwebt oder das Gefühl von Bedrohung aufkommen lässt. Das Spiel verpasst es leider, die anfangs so gut aufgebaute mystische und befremdliche Stimmung weiter voran zu treiben und auszubauen. Zwar bleibt die Geschichte rund um Red Creek Valley interessant und die Orte, die man erkundet, weiterhin beeindruckend, doch zu schnell fühlt man sich in der Haut von Paul zu sicher. Das nimmt dem Spiel mit der Zeit etwas den Drive und verkommt somit zeitweise wirklich zu einer reinen Sightseeing-Tour.

Zum Glück mimt Paul einen guten Alleinunterhalter. Seine Monologe sind zwar meist genauso kryptisch wie die Notizen, die wir auf unserer Reise finden, doch halten sie uns als Spieler bei Laune. Es ist ein wenig wie bei der TV-Serie „Lost“: Sobald wir ein Rätsel gelöst haben, tun sich direkt neue auf und irgendwann wollen wir einfach nur noch wissen, was genau hier vor sich geht. Anders als in der Fernsehserie müssen wir jedoch keine sechs Staffeln warten, um eine Antwort auf unsere wichtigsten Fragen zu erhalten. Schon nach etwa drei bis vier Stunden ist unsere Suche nach Ethan beendet. Das Ende ist eben so erschreckend wie beeindruckend und stellt wahrlich den inszenatorischen Höhepunkt des Spiels dar. Zum einen erhalten wir Antworten auf die wichtigsten Fragen, zum anderen wird uns noch genug Spielraum für eigene Interpretationen gelassen.

 

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PRÄSENTATION (GRAFIK, SOUND) 88%
GAMEPLAY 80%
ATMOSPHÄRE/STORY 89%
SPIELSPASS 75%
83%
Readers Rating 90%
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„The Vanishing of Ethan Carter“ hat mich mit seiner grafischen Opulenz und dem mysteriösen Setting schnell in seinen Bann gezogen. Optisch kann das Spiel ohne Probleme mit den aktuellen Grafikreferenzen wie „The Order 1886“ (PS4) oder „Ryse: Son of Rome“ (Xbox One) mithalten, was in Anbetracht des „Indiestatus“ schon etwas Besonderes ist. Die zweite große Stärke des Spiels ist seine Geschichte. Das Verschwinden von Ethan wird durch die retrospektiven Visionen der Mordfälle spannend erzählt. Die teils skurrilen Ereignisse, zu denen unter Anderem auch das Verfolgen eines Astronauten durch den Wald gehört (kein Scherz), erhöhen das Verlangen, all die Geheimnisse um Red Creek Valley zu lüften. Die Gebiete sind zudem sehr weitläufig und laden zum Erkunden ein, was im Anbetracht der schönen Aussicht als belohnend empfunden wird. Im Punkt Gameplay beschränken sich „The Astronauts“ auf ein Minimum. Lediglich Gegenstände von A nach B bringen und hin und wieder mal die Aktionstaste drücken, mehr ist nicht. Klar könnte man dies als Zeichen deuten, dass die Programmierer den Fokus mehr auf die Geschichte und das Erlebnis als solches lenken wollten, doch hätten etwas mehr Interaktion mit der Umwelt dem Spielfluss nicht geschadet - zumal die meisten Rätsel und Tatortbegehungen ziemlich einfach zu meistern sind. Leider fehlt es der Erzählweise etwas an Spannung. Viel zu selten stellt sich der Nervenkitzel eines „Slenderman“ oder das Unbehagen eines „Outlast“ ein, wenn man einen neuen Ort betritt. Dabei hätte das Spiel genug Situationen geboten, die man durch eine Flucht oder mit einem Rätsel unter Zeitdruck spannender hätte gestalten können. Auf der anderen Seite bietet dies natürlich denjenigen Spielern, denen Spiele wie „Outlast“ und „Slenderman“ zu sehr auf ihr Nervenkostüm drücken, die Möglichkeit, mit Paul mehr oder minder entspannt auf Spurensuche zu gehen. Der größte Kritikpunkt ist jedoch die geringe Spielzeit. Nach nicht einmal vier Stunden war das Rätsel um Ethan bereits gelöst. Einen sonderlich hohen Wiederspielwert gibt es leider auch nicht, da bereits nach einmaligem Durchspielen alle relevanten Orte besucht werden mussten, um das Spiel abzuschließen. Die Auflösung um Ethans Verschwinden und den scheinbar allseits omnipräsenten wie unsichtbaren „Schläfer“ wird jedoch zu einem Ende geführt, das ebenso erschreckend wie emotional ergreifend ist. Es war eine kurze Reise mit wenig spielerischen Höhepunkten nach Red Creek Valley, doch die wunderschöne Aussicht und die gut erzählte Geschichte mit ihrem ergreifenden Ende haben bei mir nachhaltig Eindruck hinterlassen. Ich kann nur hoffen, dass sich „The Astronauts“ bei ihrem nächsten Projekt eine genau so gute Geschichte ausdenken und vielleicht in punkto Gameplay und Spannungsbogen noch eine Schippe drauflegen. Bis dahin kann ich jedem Fan von gut erzählten Gruselgeschichten die Reise nach Red Creek Valley empfehlen. Auch wenn sie nur kurz ist, es lohnt sich!

About The Author

Meine Videospielgeschichte begann, wie bei den meisten meines Alters, mit dem Game Boy und dem Super Nintendo. Seitdem spiele ich mich quer durch die Konsolen- und PC-Landschaft. Aktuell bin ich überwiegend auf der Playstation 4 zuhause, besitze aber zudem noch eine Xbox One sowie die Wii U. Zu meinen Lieblingsgenres zähle ich RPGs (sowohl West als auch Ost), Action Adventure, Shooter und Strategiespiele. Abseits der Videospiele beschäftige ich mich momentan hauptsächlich mit dem (hoffentlich ;)) erfolgreichen Beenden meines Studiums.

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