Clarkson. Hammond. May. Jahrzehnte regierten sie das Sonntagsprogramm der altehrwürdigen BBC mit ihrer teils skurrilen Autosendung „Top Gear“, ehe ein etwas zu schwarzhumoriges Statement Clarksons zum Bruch mit der BBC führte. Jeff Bezos zögerte nicht lange, kaufte die drei mitsamt ihres kompletten Produktionsteams ein und veranlasste, als Flaggschiff für sein Amazon Prime Video einfach einen Top Gear-Klon zu produzieren. The Grand Tour war geboren, begeistert Millionen Fans rund um den Globus und nun gibt’s das Spiel zur Sendung. Natürlich von Amazon Games. Jeff Bezos denkt eben an alles.

Worum geht’s?

Mein Chefredakteur war unsicher, als er mir den Downloadcode für die PS4 zuschickte: „Ich bin mal gespannt, was das ist. Kann mir gar nichts darunter vorstellen!“ Nun, da war nicht der Einzige mit latenter Unsicherheit. Als großer Fan der ehemaligen Top Gear-Crew weiß man natürlich, was einen erwartet – in der Sendung selbst: Verbrauchertips in Form von nützlichen Praxistests der aktuellsten Supersportwagen, völlig skurrile Bewährungsproben für Mensch und Maschine (beispielsweise der Transport von Nahrungsmitteln mit umgebauten Gebrauchtwagen quer durch Afrika) und eine große Portion britischer Humor. Nur wie soll das transportiert werden? Als klassische Rennspiel mit Karrieremodus? Als chaotische Version von Forza??

Nun – nein. Derlei Attitüden werden hier gar nicht erst versucht. Im Prinzip erwirbt der Spieler zum Verkaufspreis den Zugriff auf sämtliche Episoden der bisher erschienen drei Staffeln von Grand Tour. Davon sind anfangs drei spielbar (eine aus jeder Staffel) und elf weitere werden nach und nach freigeschaltet, während Staffel 3 auf Amazon Prime seit dem 18. Januar Woche für Woche mit einer neuen Folge herauskommt. Es ist eine Art Cross-Media-Push, wie er noch nie in Videospielen gemacht wurde. Zumindest nicht in dieser Größenordnung.

Video killed the Gamestar

Das Spiel funktioniert so: Es gilt, sich jede Episode so anzusehen, wie es normalerweise auch über den Amazon Prime-Videoplayer gemacht werden würde. Man schaut sich Clarkson, Hammond und May also bei ihrem typischen Herumgealbere und ständigem Austausch von „Nettigkeiten“ an. Sobald jedoch im Laufe der Folge ein Auto auf die Piste geht oder die drei unter sich ein Rennen austragen, wechselt das Spiel in den Rennmodus – jetzt wird es interaktiv. Zum Glück muss man sich nicht alle Folgen in Echtzeit angucken, per Schultertaste ist der sofortige Sprung zur nächsten Rennsequenz möglich.

Diese spielbaren Abschnitte sind recht kurz. Die Drag-Races dauern nur ein paar Sekunden, etwas länger dauern die Fahrten über die Rundkurse. Selbstverständlich sind auch Fahrten über den jetzt schon legendären Eboladrome inklusive. Dabei überrascht der Titel durchaus, in einigen Rennen warten Mario Kart-mäßige Power Ups auf der Straße darauf, eingesammelt zu werden, um auf Knopfdruck aktiviert zu werden – was dann zum Beispiel einen Boost, die Aktivierung des rückwärtigen Nebelwerfers oder sonstige Mätzchen mit sich zieht. Für jeden Abschnitt (pro Episode gibt’s ungefähr 11-15 spielbare Abschnitte) wird der Spieler dann anhand seiner Leistung bewertet, Achievement Hunter wollen hier natürlich überall die Goldmedaille erspielen.

Nach Abschluss des Rennens läuft nahtlos und ganz normal die reguläre Episode weiter.

Retro-Feeling

Spielerisch ist Grand Tour Game sehr überschaubar. Die Autos steuern sich wie in einem zünftigen Arcaderacer, spontan kam mir als Vergleich der legendäre PC-Titel Bleifuß von den Mailänder Entwicklern Grafitti aus dem Jahre 1995 in den Sinn. Auf dem Joypad sind nur drei Feuerknöpfe belegt, Gas geben reicht in der Regel, die Bremse braucht man nie und die Kurven durchfährt man am besten mit beherztem Handbremsenzug im gepflegten Drift. Und zwar alle. Es sei denn, man kann mit Vollgas durchbrettern. Die Autos zeigen grundsätzlich ein differenziertes Fahrverhalten, aber mit ernsthaften Rennspielen ist das nicht mal ansatzweise zu vergleichen.

Außerdem ist die Gummiband-KI nervtötend. Gleich im ersten Rennen in der kalifornischen Einöde wird das deutlich, denn wer hier den perfekten Start verpasst, sieht von seinen beiden Buddies nur noch die Rücklichter. Da kann man dann fahren, wie man will. Und liegt man an der Spitze, kleben einem die beiden anderen am Heck, als hätte man Honig am Hintern. Positiv formuliert könnte man das als bewusste Hommage an längst vergessene Retro-Rennspiele auslegen, zeitgemäß ist es nicht. Was auch für die Grafik gilt, da hätte wahrscheinlich auch eine PS3 keine großen Probleme mit.

Fazit

Ist es ein Spiel? Oder nur ein Videoplayer mit Zwischenunterhaltung? Fest steht, wer mit der Serie nix anfangen kann, der wird auch mit dem Spiel nix anfangen können und kann sich die Kohle sparen. Fans der drei Briten müssen das Ding aber allein aus Neugier mal spielen, so kann man Hammond im Rimac durch die Bergserpentinen steuern, bevor der dann nach der Ziellinie einen einzigen Bremsfehler begeht und mit Vollstoff in die nächste Almwiese kracht. Viel interessanter ist die Frage, ob diese „Spiel in der Sendung“ ernsthaftes Potenzial hat. Als Konzept ist es was Neues, ein Blick darauf reicht aber. Denn die Rennsequenzen selbst sind so simpel und einfach gestrickt, dass sie schnell langweilen. Und wer auf das Chaos der drei Moderatoren steht, guckt sich eh die kompletten Episoden an und kann auf die Spielerei gut verzichten. Ein interessantes Experiment, das aber als Rennspiel ähnlich begeistert wie das Autofahren auf Eis bei gleichzeitigem Achsbruch.

 

The Grand Tour Game – Der interaktive Film ist zurück
46%Gesamtpunktzahl
Grafik/Präsentation44%
Story/Atmosphäre54%
Gameplay48%
Spielspaß36%
Leser Bewertung 0 Stimmen
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