Es ist nun rund 23 Jahre her, als das 8-jährige Ich zum ersten Mal die kleinen Taschenmonster auf dem grauen Klotz namens Gameboy gefangen hat. Ich hatte mich damals für Team Rot entschieden und so begann meine Liaison mit der Pokémon-Reihe. Bis zur fünften Generation (Schwarz und Weiß) bin ich der Reihe durchgehend treu geblieben. Danach habe ich die Reihe mangels fehlendem Nintendo 3DS nicht mehr weiterverfolgt. Als ich hörte, dass das Franchise mit einem neuen Hauptspiel von Illustrator Ken Sugimori und Gamefreaks es nun das erste Mal auf die stationäre Konsole, und damit mittlerweile die achte Generation einläutend, schafft, war ich doch sehr interessiert. Trotzdem hat die neue Generation schon im Vorfeld für Missmut in der Community gesorgt. Allen voran ist der Dexit schuld. Was genau es damit auf sich hat, verrate ich euch hier im Test.

Erneuerbare Energie und die Arena-Challenge

Die Geschichten in Pokémon Spielen sind selten überraschend und eher traditionell gehalten. Unser Protagonist lebt in der Galar-Region, einer aus der realen Welt Großbritannien entlehnten Insel und bekommt gemeinsam mit seinem Freund Hob ein Empfehlungsschreiben für die Arena-Challenge von niemand geringerem als dem amtierenden Champion der Galar-Region, welcher rein zufällig auch noch der große Bruder von Hob ist. Champion Delion ist auch derjenige, der uns das erste Pokémon gibt. Traditionsgemäß sind die Starter Pokémon entweder vom Typ Pflanze, Wasser oder Feuer. So haben wir in diesem Teil einen mit Feuer schießenden Hasen, dessen Kampfstil mich unwillkürlich an Sanji von den Strohhut Piraten erinnert, eine blaue Echse namens Memmeon und einen grünen Affen, der auf den Namen Chimpep hört zur Auswahl. Allein von der Farbgestaltung ist hier offensichtlich wer welchem Typ angehört und ich entscheide mich für den umherhüpfenden Hasen. Bester Freund Hob hat allerdings seine Hausaufgaben nicht gemacht und wählt daraufhin das Pflanzen Pokémon Chimpep. Kurz darauf ist ein Wolly ausgerissen und wir machen uns in den verbotenen mystischen Wald um es wieder zu finden. Dabei begegnen wir zum ersten Mal einem mysteriösen Pokémon und gehen im Verlaufe des Spiels einer alten Legende nach, die auch das Phänomen der Dynamax-Entwicklungen in der Galar-Region aufdeckt. Pokémon können an bestimmten Orten Energie absorbieren und für kurze Zeit deutlich an Größe zulegen. Die selbe Energie versorgt aber auch das gesamte Land mit Strom. Wo diese Energie aber herkommt, bleibt erstmal ein Mysterium. Hauptziel des Spiels ist es natürlich immer noch der Allerbeste zu sein und so beginnen wir unsere Reise indem wir uns der Arena-Challenge stellen, welche aus acht verschiedenen Arenen besteht. Zufällig sind alle Arenen an Stellen mit besagtem Energieüberschuss gebaut. Die Story insgesamt läuft also eigentlich wie immer ab. Es gilt der beste Trainer der Region zu werden und zeitgleich versuchen wir einem Mysterium auf den Grund zu gehen beziehungsweise eine drohende Gefahr im Land aufzuhalten. Nichts Neues aber durchaus nett geschrieben.

Stein, Schere, Papier, Echse, Spock

Vielleicht nicht derselbe Wortlaut aber genau nach dem Prinzip laufen die Kämpfe in Pokémon seit über 20 Jahren ab. Feuer ist sehr effektiv gegenüber dem Typ Pflanze, Pflanze wiederum gegen den Typ Wasser und das eben gegenüber dem Typ Feuer. In klassischen rundenbasierten Kämpfen müssen wir überlegen welche Attacke wir einsetzen um unser Gegenüber nieder zu ringen. Unser mitgeführtes Team besteht aus insgesamt sechs Pokémon. Dieses sollte dabei möglichst vielseitig aufgestellt sein um für jeden Gegner einen passenden Konterpart zu haben. Zwar können Pokémon Attacken von verschiedenen Typen haben oder erlernen. Es ist aber dennoch hilfreich bei insgesamt 18 unterschiedlichen Typen die Übersicht zu behalten.

Leider merkt man aber auch Pokémon eine Art Casualisierung an. Nicht nur, dass die vorgegebenen Kämpfe allgemein recht einfach wirken, hinzu kommt auch, dass uns bei bekannten Pokémon angezeigt wird, ob eine Attacke sehr effektiv oder gar wirkungslos ist. Bei der ersten Begegnung ist das zwar noch nicht der Fall aber so entfällt auch das „Lernen“ des Spiels. Man spielt sich so durch und trifft man auf bekannte Pokémon, schaut man einfach in seinem Team, wer den passenden Konterpart spielen kann. Der Gelegenheitsspieler oder Einsteiger wird die Funktion bestimmt begrüßen, eine optionale Möglichkeit das Ganze auszuschalten wäre aber für erfahrene Spieler wünschenswert. Für jeden gewonnenen Kampf wird unser Team stärker. Was früher noch über das Item EP-Teiler eine freischaltbare Funktion war, ist nun Standard. Jedes Pokémon im Team bekommt Erfahrungspunkte, ob es am Kampf aktiv teilgenommen hat oder nicht, wodurch aber das Balancing im Spiel schnell ein wenig aus den Fugen gerät. Durch die gesammelten EP werden unsere Pokémon natürlich stärker, können neue Angriffe erlernen und viele entwickeln sich sogar weiter. So sind die Pokémon im Team den aktuellen Gegnern nach kurzer Zeit überlevelt und Kämpfe verlieren dadurch an Reiz und taktischem Kalkül.

Das große neue Feature der Galar-Region sind die bereits erwähnten Dynamax-Pokémon. Erstmals kann jedes Pokémon im Team diese Form während des Kampfes annehmen. Allerdings kann man die Dynamaximierung nur einmal im Kampf bei einem Pokémon anwenden, welche dann für drei Runden aktiv ist. Danach schrumpft das Pokémon wieder auf normale Größe zurück. Durch die Dynamaximierung erhöhen sich abhängig vom Dynamax Level des Pokémons die Kampfpunkte. Zusätzlich bekommt man für drei Runden Zugriff auf die besonders starken Dynamax Attacken. Diese Kämpfe sind aber lediglich auf Kämpfe in Arenen beschränkt und leider scheinen die KI gesteuerten Trainer die Dynamax Funktion immer nur auf ihr letztes Pokémon anzuwenden, wodurch diese Kämpfe sehr durchschaubar sind. Mit etwas Glück können in so genannten Dyna-Raids auch Pokémon mit Gigadynamaximierung gefunden und gefangen werden. Diese spezielle Form ist nochmal stärker als gewöhnliche Dynamaxierungen und kommt zusätzlich mit einer speziellen Gigadynamax Attacke und einem besonderen Aussehen daher.

Um der allerbeste Trainer der Galar-Region zu werden, muss das Team wie bereits erwähnt möglichst alle Bereiche abdecken um auf jede Situation gefasst zu sein. Um das Team entsprechend zu erweitern, gilt es die Pokémon in freier Wildbahn zu fangen. Hier hat sich damals wie heute nichts an dem System geändert. Man versucht die Lebenspunkte des wilden Pokémons möglichst weit herunter zu kämpfen und im besten Fall noch mit einem Debuff wie Paralyse oder Schlaf zu belegen. Dann heißt es einen Pokéball werfen und hoffen, dass der Gegenüber sich fangen lässt. Die Wahrscheinlichkeit kann zusätzlich erhöht werden, indem man an die Situation angepasste Pokébälle nutzt. So ist der Schwerball besonders effektiv bei Pokémon mit hohem Gewicht oder die Effektivität des Timerball steigt mit der Dauer des Kampfes. Gerade bei der Suche nach bestimmten Pokémon macht der neuste Teil es einem jetzt noch einfacher, denn viele der Tierchen sind auch im hohen Gras zu sehen und können einfach angelaufen werden um einen Kampf zu starten oder entsprechend umlaufen werden um ihnen aus den Weg zu gehen, was langwierige Grinds in vielen Fällen obsolet macht. Das ein oder andere Sammlerstück lässt sich dennoch nur verdeckt vom hohen Gras zufällig finden.

Brex… äh Dexit

Irgendwie passend ist es, dass die Galar-Region Großbritannien angelehnt ist und damit einhergehend auch der von der Community gegebene Begriff für die Einschränkung des Nationalen Pokédex. Denn in Pokémon Schwert und Schild können nicht alle existierenden 890 Pokémon gefangen werden, sondern lediglich eine Auswahl von rund 400 verstreut über alle sieben vorangegangen Generationen und inklusiv 80 komplett neuer Pokémon. Man redet hier von einem Dexit, weil es erstmals nicht möglich ist, Pokémon aus vorangegangen Versionen zu übertragen und Evergreens wie beispielsweise Bisasam oder Shiggy fehlen. Aus meiner Sicht ist das aber durchaus vertretbar. Alles in allem ist die Auswahl der alt bekannten Taschenmonster aus meiner Sicht gut und ausgewogen. Zwar fehlen auch mir der ein oder andere Liebling aber dafür finden sich unter den Neuen auch tolle Alternativen. Zusätzliche Abwechslung findet sich unter den 320 bekannten Pokémon auch wieder durch spezielle Region Pokémon. So hat Ponita beispielsweise vom Typ Feuer zu Typ Fee gewechselt und damit auch das Erscheinungsbild.

Durch die Galar-Region bewegen wir uns zu Beginn hauptsächlich zu Fuß. Im Vergleich zu den alten Teilen ist es aber nicht mehr nötig einen VM-Sklaven im Team mit zu schleppen. Denn ähnlich wie es in Pokémon Sonne und Mond bereits vorgemacht wurde, ist hier entsprechend nicht das Pokémon Mobil sondern das Rotom-Fahrrad ein Allrounder im Gelände und kann später sogar über Wasser fahren. Zusätzlich können wir an vielen Stellen per Flugtaxi in bereits bekannte Städte schnellreisen, was die Fortbewegung später sehr komfortabel macht. Denn gerade die Routen sind durch ihren sehr schlauchartigen Aufbau ein selten attraktives Ziel um es wiederholt zu Besuchen. Eine weitere Durchquerung ist nur wegen bestimmter Pokémon interessant. Hier hätten etwas weitläufigere beziehungsweise ein mehr verzweigter Aufbau für mehr Abwechslung gesorgt und den Erkundungsdrang geweckt.

Besonders schön gemacht ist dagegen die Naturzone in der wir uns komplett frei bewegen können. Nur hier können wir in richtiger 3D-Adventure Manier auch die Kamera um den Charakter drehen und so in jede Ecke schauen. In der restlichen Welt ist die Kamera immer fest am Charakter orientiert und schwenkt nur gelegentlich mit. In der Naturzone können wir bei eingeschalteter Online-Funktion auch auf andere Spieler treffen und gemeinsam bereits erwähnte Dyna-Raids bestreiten. Hier tritt man immer zu viert gegen ein dynamaxiertes Pokémon an. Sollte man aber mal keine vier Spieler zusammen bekommen oder nur Offline spielen, wird das Team mit KI-Trainern aufgefüllt. Dank der Online-Funktion können wir auch Pokémon recht einfach tauschen. Dies geht entweder über zufällig Tauschwillige, die einer gemeinsamen Lobby beitreten und sich gegenseitig Angebote unterbreiten oder über den Zaubertausch, eine Art Wundertüte, denn man wählt einfach ein Pokémon aus und bekommt eines von einem anderen Trainer zurück. Eine Art Inserat oder die zielgerichtete Suche nach Spielern, die beispielsweise die andere Version (Schwert bzw. Schild) haben, gibt es nicht. Was die Vervollständigung des Pokédex deutlich erschwert. Leider gibt es auch keine Form der Verständigung in einer Tauschlobby um beispielsweise nach bestimmten Pokémon zu fragen. Hier hätten einfache kleine vorgefertigte Dialoge viel geholfen und für bestimmte Pokémon bleibt einem häufig nichts Anderes übrig als Foren, Facebook Gruppen oder ähnliches außerhalb des Spiels zu bemühen. Natürlich ist es über die Online-Funktion auch möglich Kämpfe mit anderen Spielern auszutragen, was gerade nach dem Beenden des Hauptspiels eines der größten Anreize ist. Natürlich will man zusätzlich auch seinen Pokédex vervollständigen und dann sind da noch Saison gebundene Dyna-Raids. So kann man immer für bestimmte Zeit festgelegte Gigadynamax-Pokémon finden und fangen. Hier vermutet man, dass über die Funktion der Pokédex über die Dauer auch noch erweitert wird. Was aber noch nicht bestätigt wurde.

Alter Charme mit neuem Glanz

Zwar kann der neuste Ableger teilweise mit schönen Weitsichten, Wetterumschwüngen und tollen Panoramen glänzen, nichtsdestotrotz bleibt das Spiel hinter dem technisch Möglichem. Wenn man Luigi`s Mansion 3 oder Super Mario Odyssey daneben hält, weiß man, dass einfach mehr geht. Auch die Kampfanimationen sind teilweise noch so ideenlos und statisch wie vor 20 Jahren. Rutenschlag beschränkt sich einfach auf ein bisschen Gewackel auf der einen Seite. 2019 ist da einfach mehr drin, was man auch an vielen Effektfeuerwerken mancher Attacken sehen kann. Auch das Design des ein oder anderen Pokémon ist doch zu sehr an Gegenstände aus der realen Welt angelehnt. Das Teeservice lasse ich mir ja irgendwie noch gefallen aber die Gigadynamax Form von Duraludon in Form eines Hochhauses entspricht so gar nicht der Ästhetik vorangegangener Pokémon. Zwar kann man mit einem etwas geübten Auge immer noch gut die Typen der Pokémon erahnen aber ein wenig mehr Einfallsreichtum hätte man sich trotz der mittlerweile hohen Zahl an verschiedenen Taschenmonster schon gewünscht. Den bereits schlauchartigen Routen fehlt es häufig auch an der Liebe zum Detail und sie wirken mit ihren begrenzenden Wänden häufig leblos und wenig abwechslungsreich. Flashbacks aus alten Zeiten geben die vielen bekannten Jingles. Sei es die Melodie im Pokémon-Center oder der Heilungsprozess des Teams. Hier bringt Schwert und Schild einen gesunden Mix aus altbekannten und neuen Sounds und Melodien. Kleiner Aufreger am Rande: Die Möglichkeit Soundeffekte und Musik unabhängig voneinander einzustellen, ist nur mit einem in Claw City erhältlichen Item möglich. Standardeinstellungen hinter im Spiel auffindbaren Items zu verstecken, halte ich für fragwürdig. Nach wie vor ist Pokémon auch auf der großen Konsole immer noch ein textbasiertes Adventure ohne eine Synchronisierung. Die vielen Texte sind auf die Masse noch recht ordentlich geschrieben, wirken aber nach der Zeit recht eintönig. Alles im allem aber solide Kost.

Fazit

Nach einer etwas längeren Pause hatte ich nochmal wirklich Lust auf einen neuen Pokémon Titel und muss sagen, dass ich nicht enttäuscht wurde. Auch wenn das Fehlen vieler Pokémon die Community ein wenig spaltet, bin ich mit der Auswahl zufrieden. Nach rund 40 Stunden Spielzeit fehlen mir immer noch viele Pokémon und es gibt so noch genug zu tun um mich weiterhin bei Laune zu halten. Für Einsteiger ist der Titel perfekt, weil es viele Komfortfunktionen bietet, für eingefleischte Fans wäre es schön gewesen bestimmte Funktionen optional ausschalten zu können um den Schwierigkeitsgrad ein wenig zu erhöhen. Gerade im Online Bereich fehlen aber noch zu viele Kleinigkeiten was das Spielerlebnis ein wenig trübt und trotzdem wird jeder Fan hier bereits zugegriffen haben. Trotz des Vollpreises kommt man hier aufgrund des Umfangs auf jeden Fall auf seine Kosten.

Pokémon Schild
Tolle Funktionen für EinsteigerToll gestaltete und frei erkundbare NaturzoneFrei bewegliche Kamera in der NaturzoneDynamax Funktion bringt neues taktisches Element
Erleichterungen sind nicht abschaltbarFehlen von vielen bekannten und beliebten PokémonZu einfach
80%Gesamtpunktzahl
Grafik/Präsentation79%
Story/Atmosphäre77%
Gameplay83%
Multiplayer78%
Spielspaß84%
Leser Bewertung 0 Stimmen
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