Pneuma: Breath of Life – der First Person-Puzzler mit Götterkomplex

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Was haben wir denn hier? Einen Shooter? Ein Rollenspiel? Weit gefehlt. Zu Beginn des Spiels herrscht vollkommene Schwärze. Eine Stimme, scheinbar aus dem Off kommend, möchte uns das Geschehen näher bringen, doch schnell wird klar, dass die Stimme scheinbar wir selbst sind. Plötzlich erscheint in der Ferne ein gleißendes Licht, auf das wir selbstsicher zugehen. Eine Treppe erscheint wie aus dem Nichts und je weiter wir den Gang entlanglaufen, desto mehr erbaut sich rund um uns herum ein pompöser, aus weißem Marmor gefertigter Korridor, der vor Applikationen mit Blattgold nur so strotzt. Die Stimme redet derweil weiter auf uns ein. Worte der Schöpfung, das Zentrum des Universums, wir sind Gott.

Pneuma - Breath of Life 07Pneuma: Breath of Life ist kein Egoshooter und auch kein Rollenspiel. Am Ehesten würde ein Genremix aus Ego-Rätsel-Puzzle-Adventure passen, um diesen Titel zu beschreiben, wobei das Rätseln primär im Vordergrund steht. Die bereits angesprochene Stimme, die uns an vielen Stellen des Spiels begleitet und des Öfteren auch Hinweise auf ein aktuelles, zu lösendes Rätsel gibt, ist zwar englisch vertont, für Sprachmuffel gibt es jedoch deutschen Untertitel. Dabei passt die Stimme vom Sprecher „Jay Britton“ durchaus zum Setting. Sie wirkt fröhlich, neugierig, aufgeschlossen und hat immer einen lockeren Spruch auf der Lippe.

In einem First Person-Puzzler braucht man wahrscheinlich nicht zwingend eine Story, dennoch hat es sich das Programmierer-Team von Deco Digital nicht nehmen lassen, dem Spieler einen gehörigen Götter-Komplex zu verleihen. Untermalt wird das Ganze durch Sprüche, wie „This is amazing, my universe!“ oder der Tatsache, dass die Spielfigur glaubt, die Welt würde sich unter seinen Füßen wegbewegen, wenn er springt. Wir sind wahrlich das Zentrum des Universums – zumindest für die nächsten paar Stunden.

Generell funktioniert in Pneuma fast alles durch Bewegung. Dabei gibt es glücklicherweise keine komplexe Steuerung, die erst erlernt werden muss. Der linke Analogstick bewegt uns vor- und rückwärts sowie seitlich laufend, der rechte Stick ist für’s Drehen und Umschauen zuständig, praktisch wie in jedem anderen First Person-Spiel auf einer aktuelleren Konsole. Hinzu kommt ein Knopf zum Springen (den man nur selten benötigt) sowie einer zum Betätigen von Knöpfen und Mechanismen. Das war’s, wir beherrschen nun die gesamte Steuerung des Spiels. Liegt es daran, dass sie absichtlich einfach und „casual“ gehalten wurde, oder sind wir tatsächlich Gott? Natürlich sind wir das nicht, Blasphemie!

Glücklicherweise handelt es sich um kein biblisches Spiel mit Moralpredigten oder sonstigen Anlehnungen an irgendwelche aktuellen oder fiktiven Religionen. Alles ist Mittel zum Zweck und seien es nur geschickt gewählte, griechische Buchstaben zum Dekorieren einiger Wandtexturen oder Torbögen. Das Spiel ist absolut linear aufgebaut und bis auf ein paar Scheidewege, an denen man sich entscheiden kann, erst das eine, oder doch lieber erst das andere Rätsel zu lösen, gibt es keine wirkliche Möglichkeit, sich zu verirren oder vorschnell den Spielfluß zu beschleunigen. Ohnehin ist das Spiel recht kurz, vermutlich benötigt der durchschnittliche Rätselrater zwischen vier und sechs Stunden für den ersten Anlauf – in meinem Fall war es die goldene Mitte daraus.

Pneuma - Breath of Life 10Wie bereits erwähnt, beeinflussen wir die Welt um uns herum durch unsere Bewegung. Die eingangs angemerkte Treppe zum Beispiel baut sich aus ihren Einzelteilen auf, allerdings nur, wenn wir uns darauf zubewegen. Laufen wir rückwärts, mit dem Blick weiterhin nach vorn auf die Treppe gerichtet, so teilen sich Geländer und Treppenstufen wie der nach aussen hin auf. Selbstverständlich ist das kein wirkliches Rätsel – man läuft einfach gerade aus, die Treppe hinauf. Allerdings erklärt diese Eröffnungssequenz sehr gut das Steuerungsprinzip des Spiels. An vielen Stellen befinden sich auf Metallständern angebrachte Augen oder Lichter oder Kameras… oder eine Mischung aus allem, ihr seht in den Bildern bzw. im Beispielvideo, was gemeint ist. Diese – wir nennen es einfach Augen – scheinen uns zu beobachten und reagieren nur, wenn wir sie direkt anschauen. Sobald wir unseren Blick von ihnen wenden, selbst, wenn wir direkt vor ihnen stehen, reagieren sie nicht. Warum uns das interessiert? Weil sie wie eine Art Schalter funktionieren. Schaut man ein solches Ständer-Auge an, so öffnet sich um die Ecke vermutlich (oder auch mit Sicherheit) eine Tür, durch die man schnell hindurch huschen muss, bevor man dem Auge wieder den Rücken zuwendet.

Pneuma - Breath of Life 03Desweiteren bietet Pneuma gängige Elemente aus Puzzlespielen, zum Beispiel Schaltersequenzen, die in der richtigen Reihenfolge betätigt werden müssen oder geometrische Gebilde, die über eine Spiegelung in das perspektivisch korrekte Ebenbild verschoben werden müssen. Die Rätsel werden zu keiner Sekunde in irgend einer Art und Weise erklärt, mit Ausnahme auf einige Sprüche der Spielfigur, was jedoch eher als Mutmaßungen bezeichnet werden kann. Viel mehr wird vom Spieler erwartet, die Rätsel – anhand des jeweiligen Rätsels selbst – zu lösen, was tatsächlich gut funktioniert. Die meisten Konstruktionen in der Spielwelt sind selbsterklärend und können nach kurzem Rumprobieren gelöst werden. Nur wenige dieser Puzzle haben mich geistig ins Schwitzen gebracht, was jedoch nicht heißen soll, dass Pneuma generell ein einfaches Spiel ist. Auch, wenn die USK hier folgerichtig eine „0“ vergibt, da das Spiel schließlich keinerlei Gewalt, Kraftausdrücke oder sonstige zu bewertende Inhalte bietet, macht es wenig Sinn, Kinder unter, hmm… sagen wir mal 10 Jahren an einige der Rätsel zu lassen. Ihr dürft mich in den Kommentaren gern belehren, aber die meisten Kids – zumindest war das bei mir so (und ist es auch heute zum Teil noch) – haben keine Geduld, um Rätsel, und dann noch in einem solchen, eher ereignislosen Spiel, zu lösen.

Dabei ist Pneuma nicht einlullend oder langweilig – das Leveldesign ist, obwohl man sich durch typische Schlauchlevels bewegt, wirklich toll umgesetzt, die Welt wirkt wie ein riesiger Marmor-Tempel mit Innen- und Aussenbereichen, teils strahlend blauem Himmel und saftigen, grünen Gewächsen. Die bereits erwähnte, sehr angenehme Stimme des Voice Actors sowie die thematisch stets passende, teils beklemmende, aber nie beängstigende Musik von James „Yakobo“ Currey runden die Idylle perfekt ab. Akustisch gibt es keine weiteren Überraschungen in Pneuma, es explodieren keine Granaten, es rascheln keine Wildtiere hinter einem durch die Surroundlautsprecher und auch actionreiche Sequenzen werden uns nicht aus der Ruhe bringen. Erneut sei gesagt, wir befinden uns in einem absolut chilligen FPP – einem First Person Puzzler und ich könnte mir keine bessere Atmosphäre für dieses Spiel vorstellen.

Zwar sieht das Setting ansich in Pneuma wirklich toll aus, im Detail betrachtet wirken einige Texturen und vor Allem die Kantenglättung – zumindest in der getesteten Xbox One-Version – sehr grob und wenig Next Gen. Angeblich soll Pneuma mit 60 FPS bei festen 1080p gerendert werden. Die Bildrate wird größtenteils ohne spürbare Ruckler und Einbrüche gehalten, die 1080p glaube ich zum aktuellen Zeitpunkt jedoch nicht. Die erwähnten, sehr sägezahnartigen Kanten wirken einfach zu grob und großpixelig. Dagegen stehen die tollen Spiegelungen und die unverschämt gutaussehenden Lichteffekte, mit denen das Spiel an manchen Stellen nur so prahlt. Vielleicht wäre ein Spagat dazwischen die elegantere Lösung gewesen. Persönlich störe ich mich etwas an der misslungenen Kantenglättung – wenngleich ein flüssiges Spielerlebnis (ja, auch in einem solchen Spiel) mit gleichbleibender Anzahl an Bildern pro Sekunde oberste Priorität haben sollte, zumindest für mich. Zudem solltet ihr euch von der sogenannten „Light Transition“, also dem Helligkeitswechsel nach dem Blicken in eine helle Lichtquelle (wie zum Beispiel die Sonne) nicht irritieren lassen. Hier haben sich die Programmierer einer aus der Unreal Engine 4 bekannten Funktion bedient, die das tatsächliche Empfinden des menschlichen Auges simuliert. Etwas befremdlich zu Beginn, aber durchaus glaubwürdig und beeindruckend nach kurzer Gewöhnungsphase.

Gespeichert wird nach Abschluss eines Kapitels. Das Spiel ist insgesamt in sechs Kapitel unterteilt. Sollte man sich am Ende eines Kapitels befinden und speichern wollen, hat man gewissermaßen ein Problem. Entweder, man hängt den Rest der Zeit hinten dran und versucht, das Kapitel schnellstmöglich zu beenden, oder aber man beißt in den Pneuma - Breath of Life 05sauren Apfel und bricht das Spiel an dieser Stelle ab, um beim nächsten Start wieder am Anfang des aktuellen Kapitels weiter zu spielen. Ein Wehrmutstropfen, der durch die Eigenschaft eines solchen Puzzlespiels an sich allerdings wieder etwas abgedämpft wird: wenn man für ein bestimmes Rätsel zu Beginn vielleicht noch fünf oder zehn Minuten zum Lösen benötigte, so wird man, da das Rätsel bereits in der letzten Sitzung gespielt wurde, es nun in ein, maximal zwei Minuten erledigen können, da es nur noch eine Durchgangsstation im Kapitel darstellt. Die Rätsel sind demnach statisch und nicht autogeneriert, was auch den Wiederspielwert in Frage stellt.

Im Übrigen gibt es reichlich GamerScore auf der Xbox One zu ergattern. Ohne besondere Aufgaben erledigen zu müssen (die es neben dem Hauptspiel tatsächlich gibt), regnete es innerhalb der Durchspielphase 600 oder 700 Punkte auf das Microsoft-Konto. Die nimmt man natürlich dankend entgegen.

Das Finale von Pneuma: Breath of Life ist voll und ganz der Spielfigur gewidmet. Ohne zu spoilern wird es wahrscheinlich schwer, euch die großartige Inszenierung des Epilogs näher zu bringen. Eine allgemeine Frage sollte man sich in jedem First Person-gesteuerten Spiel einmal gestellt haben: spielen wir ein Abbild von uns selbst oder steuern wir eine Spielfigur, die ohne uns nicht existiert? Den letzten Satz der Spielfigur in Pneuma möchte ich euch an dieser Stelle auf keinen Fall vorenthalten:

„There’s a puzzle for you: in the beginning, me!“

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Pneuma - Breath of Life
PRÄSENTATION (GRAFIK, SOUND) 76%
GAMEPLAY 60%
ATMOSPHÄRE/STORY 67%
SPIELSPASS 72%
68%
Readers Rating 84%
1 votes

Für 20 Euro bietet das britische Entwicklerteam deco digital ein hoch interessantes Erstlingswerk. Spieler aus der Hardcore-Egoshooter-Sparte werden wahrscheinlich wenig Spaß an diesem Titel finden. Für all jene, die neben den sonst eher actiongeladenen Spieleabenden jedoch mal etwas neues, ohne jeglichen Zeitdruck und ohne wilde Schießereien oder laute und aufregende Sequenzen ausprobieren wollen, bei dem man sprichwörtlich einmal die Seele baumeln lassen kann, dem kann dieser Titel definitiv empfohlen werden - sofern man denn Spaß am Lösen von Rätseln hat.

About The Author

Ob Konsole oder PC – solange es Spaß macht, darf das Spiel gern über meinen Bildschirm flimmern. Seit 1989, als mein Vater seinen C64 bekam, bin ich aus der digitalen Spielwelt nicht mehr wegzudenken. Mein Spezialgebiet sind dabei hauptsächlich Retro-Spiele und die zugehörige Hardware. Neben Videospielen höre ich leidenschaftlich gern Musik.

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