MXGP Pro im Test – Bereit zum Dreck fressen?

0

Der italienische Entwickler Milestone ist mit einer weiteren Ausgabe der MXGP-Serie zurück, diesmal mit der PRO-Edition. Die Südeuropäer haben eine ordentliche Erfolgsbilanz mit den bisherigen Motorradspielen der MotoGP- und MXGP-Serie vorzuweisen. Und wie die Franchise-Schwester Monster Energy Supercross läuft MXGP Pro auf der Unreal Engine 4. Lohnt sich der Sprung auf das virtuelle Zweirad?

Aller Anfang ist schwer

Im Gegensatz zu den Vorgängerspielen liegt der Fokus diesmal voll auf Realismus. Dieser Teil soll laut Milestone eine Simulation sein, die im Vergleich zu den vorherigen Spielen der Serie eine ernstzunehme Motocross-Erfahrung bietet. Überraschenderweise geht der Plan auf.

MXGP Pro ist schwer. Wer nicht bereit ist zu scheitern und eine hohe Frustrationstoleranz besitzt, sollte einen Bogen um den Titel machen. Es gibt dürftige Tutorials, die durch die verschiedenen Fahrtechniken führen und eine praktisches Einführung ins Gameplay bieten, aber die Tutorials werden den Spieler nicht auf die hohe Anzahl von Crashs vorbereiten, die dem virtuellen Alter Ego widerfahren werden. Egal, ob die Fahreinstellungen im Spiel ultrarealistisch sind oder man sich für „semiprofessionelle“ Physik und mittlere KI-Fähigkeiten entscheidet, es wartet eine echte Herausforderung.

Zu früh beschleunigt? Crash. Zu früh in die Kurve gefahren? Crash. Falsche Haltung beim Sprung? Crash. Gegner touchiert? Crash. Es gibt verdammt viele Gründe dafür, dass der eigene Fahrer im Schlamm neben seinem Motorrad landet. Glücklicherweise gibt es einen Rückspulknopf, der auch ausgiebig genutzt werden sollte. Masochisten spielen den „Extrem-Karriere-Modus“, der die Rückspulfunktion entfernt und die Rennen auf die Länge eines realen Events inklusive Qualifikationsfahrten verlängert.

Ein zentrales Gameplay-Element sollte man sich schnellstens anlernen, um nicht komplett ins Hintertreffen zu geraten: den Scrub. Dieser Move ändert während eines Sprungs das Profil und die Flugbahn des Motorrads, um nicht zuviel Geschwindigkeit zu verlieren und sicherzustellen, dass man nicht zu lange von der Erde entfernt ist. Je höher und länger das Motorrad nämlich in der Luft liegt, desto weniger sind die Reifen auf dem Boden – fliegen kostet Zeit. Um ein Scrub zu machen, müssen beide Analogsticks genau zur richtigen Zeit bewegt werden, während sich das Bike auf dem Scheitelpunkt eines Sprunges befindet. Das Motorrad wird seitwärts in die Luft gehalten. Allerdings muss man sich rechtzeitig mit dem rechten Stick wieder aufrichten, sonst landet man humorlos auf dem Boden und hat den nächsten Crash gebaut.

Steuerung als Lernaufgabe

Klingt kompliziert? Ist es auch. Das größte Problem dieser Simulation ist dabei, dass das passende Steuergerät irgendwie noch nicht erfunden worden ist. Autorennspiele können mit einem Lenkrad gesteuert werden, aber Motorradrennen? Wie sieht die Alternative zum Gamepad aus? Controller in Form einen Motorradlenkers? So hat man mit dem Gamepad aller Hände voll zu tun, denn beispielsweise reicht es für die schnittige Kurvenfahrt nicht aus, nur mit dem linken Stick zu lenken – es gilt zusätzlich, mit dem rechten Stick den Oberkörper des Fahrers so auszurichten, dass er sich perfekt mit seiner Gewichtsverlagerung in die Kurve neigt. Gerade zu Beginn kann das für unschöne Knoten in den Fingern sorgen.

Themen wie In Air Control, Cornering, Scrubbing, Wet Riding sowie Bremsen und Beschleunigen werden in den Tutorials behandelt. Die absolviert man im Compund, einem Trainingsgelände mitten im Wald. Schon dort lernt man, dass MXGP Pro keine Fehler toleriert. Und so lernt man und lernt und lernt. Lernen ist der Schlüssel zum Erfolg, aber MXGP Pro erfordert echte Entschlossenheit und überragende Fingerfertigkeit. Nur zu lernen, in welche Richtung die Strecke geht, ist einfach nicht mehr genug, man muss auch lernen, welche Sprünge zu „scrubben“  sind und welche nicht, was eine große Menge an Übung erfordert. Damit geht der Titel weg vom Massenmarkt und bedient ausdrücklich die nicht besonders große Nische der Motocross-Rennfreaks.

So frustrierend der Einstieg ist, desto größer ist das Triumphgefühl danach. Die erste fehlerfrei absolvierte Runde fühlt sich an wie Geburtstag und Weihnachten auf einmal, wie ein optimal gekühltes Getränk bei 34 Grad im Schatten. Es ist ein langer Weg bis dahin, doch so extrem die Lernkurve dieses Spiels ist, desto famoser ist das Belohnungsgefühl. Wenn man sich nach und nach besser zurechtfindet und im 22 Fahrer starken Feld eines Rennens plötzlich unter den ersten drei landet, ist man endgültig der König der Welt. Und wendet sich übermütig dem realistischsten Modus zu, der nicht nur exakte Absprung-, Lenk- und Landungswinkel erfordert, sondern darüber hinaus auch manuelles Schalten zwischen den Gängen und die separate Verwendung von Vorder- und Hinterradbremse. Wie gesagt: Masochisten werden sich freuen.

Übliche Spielmodi

Im Einzelspieler-Modus kann man wählen, ob es der Grand-Prix-, der Karriere- oder der Championship-Modus sein darf. Reines Zeitfahren ist ebenso möglich. Die reguläre Karriere erlaubt es, einen eigenen Fahrer zu kreieren und sich auf den Weg nach oben zu machen. Dabei können im Karriereverlauf verdiente Erfahrungspunkte gegen allerlei kosmetische Kinkerlitzchen (Overalls, Helme, Aufkleber, Motorradlackierungen und und und) eingetauscht werden. Zusätzlich gilt es, jede verfügbare Stelle des eigenen Zweirads mit Sponsorenwerbung vollzukleistern, die dann natürlich ihrerseits von möglichst guten Rennergebnissen profitieren wollen.

Das sind alles keine wesentlichen Neuerungen, aber die Liste der Fahrer, Motorräder und Strecken wurde dafür auf die letzte offizielle MXGP-Saison aktualisiert und die MX2-Kategorie hinzugenommen. Als großen Spielplatz kann man den Compund noch hinzunehmen, das bereits angesprochene Tutorial-Gelände. In dieser spektakulären, etwa einen Quadratkilometer großen bewaldeten Landschaft gibt es abseits der regulären Strecke zwei Sandwege, die man finden und erkunden kann. Sobald die Tutorials in diesem Areal aber absolviert sind, ist dieser Bereich zu wenig ausgelastet und fehlt es an Aufgaben, sprich: Es gibt wenig Grund zur Wiederkehr.

Technik

Die Unreal-basierte Grafik sieht nicht nur bestechend gut aus, sie entwickelt sich auch mit jeder Runde. Die Motorräder legen Echtzeitspuren in den Schlamm, und wenn der Regen kommt, kommen auch die Echtzeit-Pfützen. Wer hinten liegt, wird auch Schlamm von den Vorderleuten abbekommen. Die attraktive Optik, die rutschige Fahrbahn und das stressige Physikmodell sorgen für ein authentisches Erlebnis. Endlich hat Milestone ein gut aussehendes Spiel mit viel Liebe zum Detail geschaffen.

Soundseitig mag der Motorklang der Maschinen realistisch sein, doch irgendwann nervt dieses akustische Gefräse irgendwo zwischen Nähmaschine und Rasenmäher. Während den Menüs dudelt Electro-Mucke ohne Wiedererkennungswert.

Leider hat bei allem Realismus, bei all der Grafikpracht und Authentizität die Technik bei MXGP Pro auch so ihre Macken: Die Ladezeiten sind häufig und schwer erträglich. Selbst während des Rennens muss der Titel Texturen und Objekte nachladen, was in seltsamen PopUps am Horizont auffällt – wie weiland zu PlayStation 1-Zeiten. Beim Massenstart, in dem 22 Fahrer um die Pole Position kämpfen, geht die Konsole kurzzeitig in die Knie und kommentiert die Überlastung mit latenten Tonaussetzern.

Total 0 Votes
0

Tell us how can we improve this post?

+ = Verify Human or Spambot ?

MXGP Pro
Präsentation (Grafik, Sound) 80%
Story/Atmosphäre 75%
Gameplay 60%
Spielspaß 60%
68%
Readers Rating 0%
0 votes

MXGP Pro ist ein hartes Stück Arbeit und in dieser Form nur für absolute Motocross-Enthusiasten eine Empfehlung wert. Bis Otto Normalspieler die Steuerung des Mopeds angemessen genug verinnerlicht hat, um akzeptable Rennergebnisse zu erzielen, dürfte er ein Jahr älter sein. Wer aber Veteran der Reihe ist oder sich mit der Thematik auskennt, der dürfte sich mit Freude an diesem Titel festbeißen. Abgesehen von der mangelnden Zugänglichkeit bietet das Spiel nämlich genug, um Fans bei Laune zu halten. Technisch überzeugt der Titel, besonders die Umgebungen sind teilweise schlicht wunderschön. Wer also auch gerne mal ins trockene Graubrot vom letzten Wochenende beißt und die Herausforderung liebt, der findet hier seinen idealen Spielplatz.

MXGP Pro bei Amazon.de erhältlich

Jetzt bestellen

About The Author

1990 fing alles mit dem Game Boy an, danach folgte eine Zockerlaufbahn über diverse Konsolen und seit 1996 auch dem PC. Gerne gespielt wird alles aus den Bereichen Sport und Wirtschaft sowie alle Spiele nach Bushnells Gesetz ("Einfach zu lernen, schwierig zu meistern").

Keine Kommentare on "MXGP Pro im Test – Bereit zum Dreck fressen?"

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.