Jagged Alliance ist das Paradebeispiel für ein Franchise mit Kultfaktor, dessen Ruf in den letzten Jahren von einigen Veröffentlichungen stark angekratzt wurde. Jetzt hat sich Cliffhanger Productions im Auftrag von THQ Nordic der Reihe angenommen und versucht, mit dem neuesten Teil die seit Jahren darbende Fangemeinde zurückzuholen und wieder zu begeistern.

Worum geht’s?

Jagged Alliance startete 1994 als PC-Spiel und überzeugte die Spieler mit spannenden, rundenbasierten Söldnergefechten. Dabei konnten sich die Söldner nicht in Echtzeit auf der Karte bewegen, sie hatten stattdessen für jede Runde eine begrenzte Anzahl an Aktionspunkten zur Verfügung. Jede Aktion, ob laufen, schießen, ducken, kriechen oder weitere, verbrauchte einen unterschiedlichen Anteil der verfügbaren Aktionspunkte. Es galt also schon frühzeitig zu planen, wie der Spieler seine Söldner durch die Runde steuert, um gegenüber der Gegenseite eine bestmögliche Ausgangslage zu erspielen. Gesteuert wurde das Geschehen aus einer isometrischen Vogelperspektive in bester VGA-Grafik – siehe links. Ja, so sah das damals aus. Und ja, wir haben die 320×240 Pixel geliebt. Und nochmal ja, wir kannten jeden einzelnen Bildschirmpunkt persönlich.

Was Jagged Alliance von den anderen Rundenstrategen wie X-COM schon damals abhob, waren die mit ordentlich schwarzem Humor dargestellten Söldnerfiguren. Die besaßen nicht nur einen Namen, sondern auch allesamt eine Charakteristik und Beziehungen zueinander. Jeder Söldner war ein Individuum mit seinen eigenen Eigenschaften. Vor Spielstart hatte der Spieler ein Team aus verschiedenen Söldnern zusammenzustellen, doch Vorsicht: Nicht alle Teams funktionierten. Zum Beispiel wurden Ivan und sein Neffe Igor, die gut zusammenarbeiten, vom polnischen Bodybuilder Steroid gehasst. Scharfschützin Buns hasste Sanitäter Fox. Und so weiter. Unterstrichen wurden die Charaktere von Sprachausgabe und bissigen Kommentaren, die sie während der Einsätze so von sich gaben.

Mit Jagged Alliance 2 wurde die Reihe 1999 zum Kult. Das Spiel glänzte jetzt in 640×480 Pixeln und wurde in Umfang und Gameplay so gekonnt erweitert, dass alleine in Deutschland im Handumdrehen über 100.000 Exemplare verkauft wurden. Nachdem der Quellcode des Spiels veröffentlicht wurde, schuf die Fangemeinde schnell exzellente Mods wie v1.13 , Urban Chaos oder Deidranna Lives

Alte Bekannte

Nach ein paar missglückten Reboot-Versuchen soll jetzt also Rage! an die Erfolge der 1990er-Jahre anknüpfen. Dabei hat sich am bewährten Spielprinzip nicht viel geändert: Wie seine Vorgänger lässt sich auch der aktuelle Teil am ehesten dem Strategiespiel-Subgenre 4X zuordnen, was für „eXplore, Xpand, eXploit und Xterminate“ steht – also Karte erforschen, eigenes Gebiet erweitern, Ressourcen einsammeln und Gegner ausschalten. Rundenbasiert zieht man seine Söldner über die leider ziemlich kleinen Karten, schaltet Gegner aus, sammelt Ausrüstungsgegenstände ein und befreit so immer mehr Areale von der bösen Gegnerschar. Die Story ist sehr dünn und ohne große Tiefe, es geht grundsätzlich darum, eine von Dschungel bewachsene Insel zu erobern, die von einem durchgeknallten Drogenbaron und seiner Söldnerarmee regiert wird. Dabei gibt es übrigens ein Wiedersehen mit Iwan Dolwitsch, Helmut „Grunty“ Grunther, Kyle „Shadow“ Simmons und all den anderen Veteranen aus Teil 2. Die letzten knapp zwanzig Jahre sind an der Truppe allerdings nicht spurlos vorübergegangen, die Jungs und Mädels sind inzwischen fett, krank, durchgedreht. Entsprechend hat jeder auch so seine Nachteile im Kampf – der eine funktioniert nur, wenn er besoffen ist, der andere kann aufgrund seiner Körpermasse im hohen Gras keine Deckung nehmen. Dieser charmante Rückgriff auf die altbekannten Figuren aktiviert bei Fans der Reihe sofort einen nicht zu unterschätzenden Wohlfühlfaktor.

Schnell wird klar, dass das nicht der einzige Bezug auf die ersten beiden Serienteile ist: Das Inventarsystem erinnert frappierend an den Erstling aus 1994. Hier wie damals kann ein Söldner nur eine nachvollziehbare Menge als Utensilien mit sich führen, die sich lediglich durch das Umschnallen eines Rucksacks erweitern lässt. Packesel gibt’s hier also keine, vielmehr erfordert diese Limitierung kluges Vorgehen bei der Ausstattung: Brauche ich diese oder jede im Kampf gesammelte Waffe wirklich?

Neu sind dagegen drei Wutpunkte (daher auch Rage!), die sich ein Charakter im Laufe des Gefechts aneignen kann. Diese werden durch Adrenalin freigeschaltet, das wiederum bei bestimmten Aktionen ausgeschüttet wird – also erlittenen Treffern oder selbst gesetzten Treffern. Mit diesen Wutpunkten kann jeder Charakter besondere Spezialfähigkeiten aktivieren, beispielsweise einen Kameraden heilen oder besonders genau zielen.

Gameplay im alten Stil

Die Kämpfe laufen nicht exakt wie bei den ersten beiden Teilen ab, sondern erinnen eher an das 1998er Commandos: schleichen, meucheln, wegtragen. Die letzten Gegner, an die man nicht herankommt, werden eventuell mit Schusswaffen bearbeitet. Das erinnert auch sehr an die ersten Level der beliebten Jagged Alliance 2-Mod „SOG’69“. Gleich im Einführungslevel lernt man das Prinzip schnell: Nachdem der erste Versuch mit einem gepflegten Rush-Angriff in die Hosen ging, positioniert man seine beiden Söldner folgend lieber auf einer Anhöhe und lässt sie sich dort ins hohe Gras legen. Aus dieser Deckung heraus lassen sich die ersten Gegner am besten mit Waffeneinsatz ausschalten. Verlaufen kann man sich auf den ziemlich kleinen Karten nicht, was aufgrund des rundenbasierten Aktionspunktesystems aber auch nicht negativ ins Gewicht fällt.

Schnell stellt sich nach etwas Eingewöhnungsphase wegen der fummeligen Joypad-Steuerung (das Spiel schreit nach Maus und Tastatur) erste Routine und die ersten Erfolgserlebnisse ein: Es ist schon ziemlich erhebend, plötzlich mit dem Team aus dem hohen Gras zu steigen und in der Nähe befindliche Soldaten niederzumähen. Ein weiterer Bereich, in dem das Spiel glänzt, sind die Waffen- und insbesondere Soundeffekte. Das Rauschen von Kugeln, die ihre Spuren hinterlassen, der tiefe Klang des M4A1, während sich das Magazin entleert, und die befriedigenden Bässe beim Einschlag… die akustische Untermalung passt. Schnell abschalten sollte man dagegen die furchtbare Hintergrundmusik (auch so eine Tradition der Reihe). Grafisch muss man leider festhalten, dass der Titel unangenehm auf dem Niveau eines Mobile Games stagniert. Klobige Figuren, seltsame Farbwahl, unflexible Kamera und keine Zoom-Funktion – das ist 2018 alles nicht mehr zeitgemäß, vor allem, wenn die Animationen auch noch aus dem Ur-Jagged Alliance stammen könnten.

Und die KI macht manchmal verrückte Sachen. Gegnerische Soldaten werden nicht selten einen Zaun erklimmen, um sich dann umzudrehen und geradewegs wieder zurückzuklettern. Sie laufen wie ein Lemming direkt in die Schusslinie des Spielers und sind vor allem während der Nachtmissionen derart defensiv, dass sie regelrecht darauf warten, aus der Distanz erledigt zu werden, ohne jemals ihre eigene Waffe abzufeuern oder nachzusehen, was in ihrer Umgebung passiert. Das obligatorische „Leichenfleddern“ nach dem Kampf ist ebenso unbefriedigend. Denn das Sammeln von Beute ist nicht nur lächerlich langweilig, die Entwickler haben auch vergessen, nach dem Ausschalten des letzten Gegners die Limitierung auf Aktionspunkte auszuschalten: Designfehler.

Fazit

Rage! ist kein Jagged Alliance in der Tradition von Teil 1 oder 2. Mit letzterem kann es sogar überhaupt nicht mithalten. Zu Beginn herrscht ein wahres Gefühl der Angst, wenn feindliche Trupps aus Basen sprießen, die sich auf der Karte verteilen, und das eigene Team regelrecht jagen. Ich hätte mir gewünscht, dass diese intensive Stimmung länger andauert, aber es gibt sehr zügig bessere Waffen und Rüstungen zu finden, so dass die Gegnerschar schnell an Bedrohung verliert. Glücklicherweise wird dies durch einen wachsenden Wunsch ersetzt, den Insulanern zu helfen, sich von ihrem Unterdrücker zu befreien. Was von den Originalspielen mitgenommen wurde, ist das Geplänkel und das Feedback der einzelnen Söldner untereinander. In bester Serientradition fügt der Titel so ein gutes Stück Humor zwischen die steifen, allgemeinen Dialoge und lockert das Geschehen auf. Rage! hat ein paar Elemente von dem, was Jagged Alliance großartig gemacht hat, ohne seinen Großvätern das Wasser reichen zu können. Als das, was es ist, ist es aber für einige Stunden unterhaltsame, witzige und gerade zu Beginn oft mordsspannende, 4X-Strategie.

Jagged Alliance Rage!
bekannte Charakterespannender Einstieg
...der zu schnell verflachtgrafisch und musikalisch sehr enttäuschendKI mit teils haarsträubenden Aussetzern
64%Gesamtpunktzahl
Grafik/Präsentation48%
Story/Atmosphäre56%
Gameplay73%
Spielspaß79%
Leser Bewertung 0 Stimmen
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