Folge dem weißen Pfeil. Mache alle Gegner platt. Geh nicht da lang. Da ist nichts. Spielerisches Standardprogramm seit anno dazumal. Auch bei Bloodstained zeigten mir neulich freundliche Skelette den richtigen Weg. Die Aufgabenverteilung ist für gewöhnlich ohnehin klar. Alles was mir entgegentritt ist ein Gegner. Mit eben jenem Konzept spielt Icey von FantaBlade Network wie schon lange kein Titel mehr, und das ausgerechnet als Sidescroll Hack & Slay. Tatsächlich, auf den ersten Blick könnte man Icey für eine moderne Version von Spielen wie Golden Axe halten, aber was ist mit dem zweiten Blick?

Der böse Judas

Tatsächlich beginnt alles wie gehabt. Mysteriöserweise wacht unsere junge Heldin in einem Tank auf und will natürlich erstmal aus der seltsamen Laborumgebung in der sie sich befindet flüchten. Und der Schuldige steht auch schon fest. Er hört auf den Namen Judas und ist irgendwie an so ziemlich allem schuld. Also alles klar, wir müssen erstmal hier raus und der Typ weg vom Fenster. Auf dem Weg dahin lauern natürlich allerhand Gefahren, primär in Gegnerform. Dank leichtem und starkem Schlag, Sprung, diverser Kombos und einem praktischen Dash kann sich Icey aber problemlos durchmetzeln. Ist natürlich richtig so, sagt schließlich unser Erzähler. Oder etwa doch nicht?

In jedem Fall können wir einzelne Aspekte wie unsere Gesundheit, neue Angriffe oder die Stärke von bereits erlernten per Cash aufmöbeln. Das bekommen wir natürlich primär durchs Beseitigen von Gegnern. Nach kurzer Zeit kann Icey auch endlos dashen, so neue Wege erreichen und ggf. vormals nicht zugängliche Bereiche untersuchen.

Natürlich lauert auch der ein oder andere Boss auf uns, samt besonders starker Angriffe und individueller Schwächen. So gesehen erstmal alles Standardkost. Wenn auch gute.

Die egoistische Icey

Ey, da sollst du gar nicht lang! Meine Güte, was bist du wieder egoistisch! Die große Stärke von Icey ist tatsächlich die Metaebene, für die nicht zuletzt unsere Nervensäge von Erzähler verantwortlich ist. So will uns der Kerl erzählen, dass ein bestimmter Weg gar nix zu bieten habe oder man gerade in eine Sackgasse läuft. Ab und an stimmt das sogar und man steht vor einem verschlossenen Tor. Ironischerweise gibt es in solchen Momenten dennoch die Genugtuung, nicht auf den Typen gehört zu haben.

In anderen Momenten finden wir so Geld, neue Wege oder einen ‚unfertigen Spielbereich‘ in dem unser Erzähler plötzlich in die Rolle des Entwicklers verfällt, über die Schwierigkeiten des Gamedesigns, die vergeudeten Lebensjahre und verschiedene Prototypstufen lamentiert. Das funktioniert nicht nur wunderbar, es lässt das eigene Standardvorgehen auch immer wieder hinterfragen und lädt definitiv zur Reflektion ein. Natürlich wirkt es so auch ganz anders, wenn unser Erzähler krampfhaft versucht, unlogische Szenenwechsel zu übertünchen.

Aber auch die immer wiederkehrende Auseinandersetzung mit den Vorstellungen des Erzählers ist ein dicker Pluspunkt. So sollen wir im späteren Verlauf eine völlig passive, unbewaffnete Figur niederstrecken. Angeblich ist sie halt böse. Aber was, wenn wir das nicht tun? Vielleicht versuchen wir es mit passivem Widerstand und machen einfach mal nix? Nach vielleicht anderthalb auf zwei Minuten lässt uns der Erzähler entnervt weiterreisen. Damit nicht genug haben wir soeben den vielleicht schwersten Kampf im ganzen Spiel umgangen.

Das hübsche Gewand

Audiovisuell kann Icey ebenfalls punkten. Persönlich fand ich die Stimme des Erzählers gelegentlich minimal nervig, davon ab erlaubt sich die Soundkulisse keine Schnitzer. Besonders der synthielastige, mal ruhige und mal treibende Soundtrack passt einfach. Aber auch die hochauflösende 2D Grafik samt der teils ziemlich bizarren, aber immer gelungenen Gegnerdesigns macht immer wieder Lust aufs Weiterspielen. Da wo Klischees verwendet werden, was zum Teil auch auf unsere Protagonistin zutrifft, hat man stets das Gefühl, dass diese Entscheidung sehr bewusst getroffen wurde. Gerade die Hintergründe können auch immer wieder mit feinen, kleinen Details punkten. Auch wenn Icey nicht ganz mit 2D Spitzenvertretern wie Ori and the Blind Forest mithalten kann, wirklich kritisieren lässt sich nichts.

Das alte Rad

Tatsache, eigentlich ist Icey gut, aber ziemlich konventionell. Eigentlich gibt es vergleichbare Spiele schon lange und eigentlich macht es beim eigentlichen Gameplay nix neues. Das war jetzt verdammt viel eigentlich. Denn tatsächlich macht Icey auch genau die richtigen Dinge und Momente anders, um ein wirklich eigenständiges und ziemlich faszinierendes Spielerlebnis zu sein. Gerade weil Fantablade Network ein altvertrautes Konzept verwendet hat, kann der Titel mit seiner immer wiederkehrender Widersprüchlichkeit besonders gut punkten. Fakt ist nun mal, dass wir üblicherweise erstmal draufhauen und auch meistens dazu neigen, Dinge wie den Richtung weisenden Pfeil überhaupt nicht zu hinterfragen. Natürlich kann auch Icey in seinen ca. drei Stunden reiner Spielzeit letztlich nicht über vorprogrammierte Grenzen hinaus wachsen, aber es gibt wohl wenige Spiele, die so zum Hinterfragen von Spielen selbst und gleichzeitig unserer eigenen Spielweise einladen.

Fazit

Ganz schön Meta. Auch wenn es spielerisch eigentlich konventionelle, aber auch gute Kost gibt; so richtig punktet Icey durch seine erzählerische Seite. Wollt ihr euch auf diese Komponente des Spiels einlassen, dann kann Icey sogar punkten, wenn man gar nicht genreaffin ist. So oder so bietet der Titel einige wirklich denkwürdige Momente, die ich gerade in einem Hack & Slay nie erwartet hätte.

Icey
83%Gesamtpunktzahl
Grafik/Präsentation81%
Story/Atmosphäre87%
Gameplay79%
Spielspaß83%
Leser Bewertung 0 Stimmen
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