Gran Turismo Sport im Test – Driving is not for everyone

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Auf den Xbox-Konsolen brilliert seit jeher die Forza-Reihe, auf Sonys Konsolenflaggschiff glänzt Gran Turismo. Mit dem neuesten, Sport getauften Teil, debütiert die Serie nun auch auf der PS4. HDR- und VR-Unterstützung inklusive.

Mut zur Lücke

Gran Turismo Sport geht viele neue Wege. Das merkt man schon beim Spielstart: Ohne aktive Internetverbindung an der Konsole steht dem Spieler nur die Einzelspieleroption des Arcade-Modus zur Verfügung, noch nicht einmal alle Modi für Solisten lassen sich dann starten. Dass eine Online-Anbindung zwingend erforderlich ist, gab es auch noch nie bei Gran Turismo. Aber auch bei der sonstigen Ausstattung geht Polyphony auf Risiko: Statt knapp 1200 Fahrzeuge wie noch in Teil 6 bietet GT Sports nur noch um die 160. Auch die Anzahl der Strecken wurde deutlich reduziert. Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, hat man bei den Spielmodi ebenfalls den Rotstift angesetzt und mal eben die komplette Einzelspielerkarriere gestrichen. Ja, richtig gelesen: Solisten dürfen nur noch die Fahrschule absolvieren und eine sogenannte Kampagne, die aber lediglich eine Reihe aneinandergeklebter Herausforderungen umfasst – beispielsweise das komplette Fahrerfeld zu überholen oder eine Reihe Pylone umzufahren. Im Rahmen dieser Kampagne sind die Fahreigenschaften verschiedener Fahrzeuge genauso gut erlernbar wie die Streckenführung der einzelnen Kurse, doch das gebotene Programm ist keinesfalls auch nur ansatzweise eine Alternative für den GT Modus. Keine Rennserien, keine Meisterschaften, kein Kaufen und Tunen von Autos – nichts.

Im Training und der Kampagne gilt es, die gestellten Aufgaben wie gewohnt in vorgegebenen Zeiten zu erfüllen. Optimalerweise winkt dann der Goldpokal, zusätzlich verdient der Spieler dann so viel Ingame-Währung wie möglich. Damit lassen sich im Spiel Fahrzeuge und weitere Boni freischalten. Insgesamt ist das Solospiel aber nichts anderes als eine zusammenhanglose Hatz nach goldenen Pokalen – auf Dauer nicht nur ermüdend, sondern auch unmotivierend.

Schlussendlich gibt es für Offline-Fahrer noch die Möglichkeit, sich in Arcade-Rennen (oben genanntem Modus, der als einziger ohne Internetverbindung läuft) mit einer Gummiband-KI zu messen oder beim Zeitfahren Rundenrekorde aufzustellen. Das war alles. Online sieht die Sache da schon anders aus.

Auf dem Weg zum eSports-Racer

Polyphony hat GT Sport komplett auf die Spielerfahrung im Internet getrimmt. Hier liegt der klare Fokus des Titels. Das hängt auch mit der FIA-Lizenz zusammen, die die Entwickler an Bord gezogen haben. Die ermöglicht nämlich Online-Rasereien unter authentischen Bedingungen, wenngleich die Zusammenarbeit sicherlich noch erhebliches Ausbaupotential bietet.

Damit die Online-Rennerei nicht zur Crash-Orgie wie weiland Destruction Derby verkommt, misst das Spiel dem sogenannten Sportsgeist eine große Bedeutung bei. Wer rempelt, blockt, rammt, abdrängt oder sich in sonst irgendeiner Form auf der Strecke aufführt wie eine aufgepeitschte Wildsau, der muss mit in der Kategorie Sportsgeist mit einer schlechten Wertung wegen ungebührlichem Verhalten rechnen. Das Spiel bewertet nicht nur den nackten Erfolg in der Fahrerwertung, sondern kombiniert diese für das Ranking mit der Sportsgeistwertung.

Diese Neuerung sorgt im Praxisbetrieb tatsächlich für Veränderungen. Das Fahrverhalten der Community ist tatsächlich fair, nicht jeder möchte fünf oder mehr Sekunden Strafe kassieren, nur, weil er den Bremszeitpunkt für eine Kurve übersehen und dann den Konkurrenten vor sich mit ins Kiesbett gerempelt hat.

Grundsätzlich ist PS+ hier natürlich Pflicht. Es gibt einige Male in der Woche fest terminierte Renn-Events, an denen teilgenommen werden kann, sowie alle zwanzig Minuten einfache Einzelrennen. Für die kann man sich dann schon vor dem Start anmelden, die verbleibende Zeit verbringt man dann damit, auf der Strecke Qualifying-Runden zu drehen. So lernt der Spieler nicht nur die Strecke, sondern auch das Fahrzeug kennen – was gegenüber den Spielern, die kurzfristig einsteigen, vielleicht vorteilhaft sein kann.

 

Simulation für die Masse

„Driving is for everyone“ – so lautet der Slogan von GT Sports. Fahren ist für jedermann. Also auch für blutige Vollanfänger ohne Lenkrad, die sich online mit den erfahrenen Veteranen messen wollen. Eine erkleckliche Anzahl an Fahrhilfen kann jederzeit hinzu- oder abgeschaltet werden, von ABS oder Antischlupfregelung bis hin zur Assistenz für Bremse oder Lenkung. Auf der Strecke selbst geben auf Wunsch viele optische Helferlein Ratschläge, beispielsweise Markierungen vor Kurven oder eingeblendete Ideallinien. Schon nach wenigen Joypad-Runden haben auch Anfänger tatsächlich ein Gefühl dafür, wie man eine Kurve durch Betätigen des Gaspedals durchfährt und wie man an der Kurveninnenseite das Eigengewicht des Fahrzeugs nutzen kann, um sie möglichst eng zu fahren.

Das funktioniert so gut, dass man sich ruckzuck festgebissen hat. Jeder noch so kleine Fahrerfolg stachelt an, das Auto noch weiter zu treiben und andere Manöver auszuprobieren. Das haben die Entwickler prima hinbekommen, die Lernkurve passt ebenso gut wie die Langzeitmotivation.

Natürlich gibt es nach wie vor auch die Möglichkeit, an den Einstellungen von Fahrwerk und Getriebe herumzuschrauben. Die hier angebotene Tiefe reicht allerdings bei weitem nicht an die Konkurrenz ran, sondern bleibt im Vergleich nahezu oberflächlich. Dafür hat es dem Fuhrpark qualitativ gutgetan, den Rotstift an der Masse anzusetzen. Die noch verfügbaren 160 Fahrzeuge sind umfassend und nahezu erschreckend detailgetreu nachmodelliert, dass es eine Pracht ist. Und im Gegensatz zu GT6 warten nicht mehr 40 verschiedene Varianten ein und derselben japanischen Familienkutsche auf den Spieler. Der Detailgrad geht so weit, dass sogar die Anzahl der Nähte auf dem Lenkrad originalgetreu übernommen wurden. Qualität zu Lasten der Quantität? Das gefällt!

Augen- und Ohrenschmaus

Endlich keine Motorensounds mehr, die nach Staubsauger klingen! GT Sports steht akustisch auf völlig neuen Beinen, und das sehr stabil. Die musikalische Untermalung kann sich hören lassen, die Effekte der Motoren und Fahrzeuge sind jetzt differenziert, authentisch und teils angenehm brachial. Das Geräusch, wenn man die Curbs befährt, ist unverkennbar und das Jammern von an ihre Grenzen gebrachten Reifen geht durch Mark und Bein.

Den Vogel schießt das Spiel aber mit seiner Grafik ab – ob HDR oder nicht, GT Sports sieht so fantastisch aus, dass einem da unweigerlich der Begriff „Car Porn“ in den Sinn kommt. Wie schön kann ein Rennspiel aussehen? Polyphony zeigt es uns mit diesem Titel und verblüfft mit spektakulärer Optik. Konstant 60 Frames pro Sekunde sind sowohl im „normalen“ Modus als auch in der HDR-Version selbstverständlich. Das Beleuchtungsmodell mit seinen Lichteffekten ist ebenfalls hervorragend, lediglich auf dynamische Wetterwechsel während eines Rennens muss man verzichten.

In der Grafik kann man nun auch in einem Modus namens Scapes schwelgen, der es ermöglicht, die Wunschkarossen aus dem Spiel in eine Art Wandtapete reinzukleben (davon gibt es über 1000 verschiedene). Das passiert mithilfe hochprofessioneller Werkzeuge für Fotografen, die bereits Daten für die korrekte Beleuchtung und Tiefeninformationen enthalten. Die verfügbaren Szenarien umfassen Orte aus Stadt, Land, Natur und Rennstrecke von der ganzen Welt.

Eine kleine Enttäuschung ist der VR-Modus. Hier reduziert das Spiel die grafische Qualität deutlich, zudem ist der Spieler leider nur mit maximal einem Gegner auf der Strecke unterwegs, was deutlich Spannung aus den Rennen nimmt. So ist es leider nur ein netter Gag geworden. Das Fahrgefühl ist beeindruckend, aber die Umsetzung zu lieblos.

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Gran Turismo Sport
Präsentation (Grafik, Sound) 92%
Story/Atmosphäre 60%
Gameplay 83%
Multiplayer 85%
Spielspaß 72%
78%
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Gran Turismo Sport ist ein gewagtes Experiment, der fast völlige Verzicht auf Einzelspielermodi wird nicht jedem schmecken. Wer bisher mit Online-Rennen nichts anfangen konnte, der sollte von GT Sport die Finger lassen. Wer bisher die Einzelspielermodi links liegen ließ, wird das Spiel hingegen lieben. Besonders das gelungene Matchmaking und das Sportsgeist-System sorgen für eine hervorragende Balance. Technisch ist das Ding nur geil: Visuell feuert Polyphony hier aus allen Rohren, auch akustisch passt es – selbst die Menümusiken sind dezent, aber stylish, unaufdringlich, aber nie langweilig. Der reduzierte Umfang an Fahrzeugen fällt schnell gar nicht mehr auf, die Streckenvielfalt ist dagegen aber merklich zu gering und lässt eine Vielzahl realer Pisten vermissen. Die Fokussierung nur auf den eSport ist für ein Gran Turismo dann aber doch zu wenig, der fehlende Karrieremodus schmerzt. Die verbliebenen Solo-Modi sind zu schnell durchgespielt und bieten in ihrer trockenen Ausführung wenig Anreiz zum Weiterspielen. Und den lieblos dahingeklatschten VR-Modus hätten sich die Entwickler lieber gleich gespart. Driving is eben doch nicht for everyone – GT Sport fühlt sich an wie Gran Turismo light und der fehlende Karrieremodus lässt Forza 7 im Rekordtempo davonziehen.

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About The Author

1990 fing alles mit dem Game Boy an, danach folgte eine Zockerlaufbahn über diverse Konsolen und seit 1996 auch dem PC. Gerne gespielt wird alles aus den Bereichen Sport und Wirtschaft sowie alle Spiele nach Bushnells Gesetz („Einfach zu lernen, schwierig zu meistern“).

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