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Crackdown 3 hat bereits eine bewegte Geschichte hinter sich. Als das Spiel 2014 auf der E3 in Los Angeles angekündigt wurde hatte man einen Release im Jahre 2016 anvisiert, und wie wir alle wissen wurde daraus nichts. Nach mehreren Verschiebungen auf 2017 und 2018, ist der Titel nun Anfang 2019 endlich erschienen. Doch von dem Spiel, welches uns auf der Gamescom 2015 präsentiert wurde, ist heute nicht mehr viel übrig. Von Unterstützung durch die mächtige Cloud, welche dafür sorgen sollte, dass quasi alles auf der Map zerstörbar ist, ist zumindest in der Kampagne keine Rede mehr. Zugegeben, es sah in der Tech-Demo beeindruckend aus, aber mittlerweile hat man sich bei Microsoft eingestanden, dass die Pläne zu ambitioniert waren und man nicht das Spielerlebnis realisieren konnte, welches den Fans versprochen wurde. Schon auf der Gamescom 2017, als man es hierzulande das erste Mal spielen konnte, präsentierte sich Crackdown 3 ganz anders. Wobei ich zugeben muss, dass mir das Spiel damals irgendwie gefallen hat. Es wirkte kurzweilig und schnell, eine Art Parcour Shooter in einer kunterbunten Stadt mit kräftiger Unterstützung von Terry Crews.

Vor zwei Wochen konnte ich bei einen Preview-Event in London bereits die Kampagne von Crackdown 3 anspielen und nun konnte ich Hand an die Vollversion auf der heimischen Xbox One X anlegen. Ob sich in den zwei Wochen etwas verändert hat, erfahrt ihr in unserem Test.

Niemand interessiert das

Die großen Städte wie New York, London, Tokyo wurden durch die sogenannten Verdunklungsangriffe komplett zerstört und auf dem Weg zur letzten bewohnbaren Stadt New Providence wurde auch das Raumschiff der Agency, ein Haufen ziemlich prolliger Agenten, mehr oder weniger pulverisiert. Es kam wie es kommen musste, die Mächtigen leben in Saus und Braus, während die einfache Bevölkerung mit ihren Tausenden von Flüchtlingen aus der Verdunklungszone in bitterer Armut leben und nach Belieben ausgenutzt werden.

Die letzte Hoffnung war die Agency, die eigentlich schon zerstört war, die aber dank DNA-Resten geklont werden konnte. Klingt ziemlich bescheuert und ist es irgendwie auch, aber Crackdown nimmt sich ja ohnehin nicht ganz so ernst. „Quack, Quack! Motherducker!“  Machen wir uns also mit dem geklonten Terry Crews oder einem anderen der getöteten Agenten auf den Weg nach New Providence, um die Oberbösewichtin Elizabeth Niemand – ja heißt auch im englischen Original so – das Handwerk zu legen und die Bevölkerung von der Schreckensherrschaft zu befreien.

Wenn man so will bietet Crackdown 3 was den Aufbau der Story angeht Einheitsbrei aus dem Actiongenre, welchen man so oder zumindest so ähnlich schon des Öfteren vorgesetzt bekommen hat. Eine schöne Geste seitens Microsoft ist übrigens die Verewigung von Mike Forgey. Ehemaliger Producer der viele Spiele mit Microsoft produziert hat und 2016 nach langem Kampf an einem Gehirntumor gestorben und in Crackdown 3 Teil der Agency ist. Nachdem er schon in einem DLC zu Mittelerde: Mordors Schatten verewigt wurde, lebt er auch in Crackdown 3 weiter.

Niemand blickt hier durch

Nachdem wir uns gleich am Anfang einem kleinen Bossfight mit dem Wächter des Stadttors stellen müssen, sind wir also mittendrin in der letzten bewohnbaren Stadt auf dem Planeten. Genau wie schon bei den beiden Vorgängern öffnet sich dem Spieler hier eine Open World, bei der nicht festgelegt ist in welcher Reihenfolge man die Missionen absolviert. Aufgeteilt in verschiedene Bezirke, welche sich natürlich in ihrem Schwierigkeitsgrad unterscheiden, wodurch man nicht ganz frei in der Wahl der Missionen ist, begegnen uns eine Handvoll verschiedene Typen von Missionen. Monorail-Stationen die befreit, Fabriken die zerstört oder Propaganda-Türme die erklommen und deaktiviert werden müssen.

Auch wenn es auf den ersten Blick nach wenig Abwechslung aussieht, sorgen die zahlreichen Bezirke und Schwierigkeitsstufen dafür, dass man zumindest nicht das Gefühl bekommt dies schon ein paar Mal gemacht zu haben. Für mich, der gerne mal Probleme mit Sprüngen in 3D-Umgebungen hat, waren vor allem die Propaganda-Türme gar nicht so einfach zu meistern. Ärgerlich, wenn man fast oben ist und dann wegen der eigenen Unfähigkeit wieder nach ganz unten stürzt. Glücklicherweise haben die Entwickler an bestimmten Punkten Checkpoints eingebaut, an die man per Knopfdruck zurückkehren kann. Viel wichtiger und schon immer das A und O bei Crackdown waren die Waffen und mit möglichst spektakulären Explosionen einfach alles kurz und klein zu bomben. Je krasser die Waffe und je mehr Gegner auf dem Bildschirm auftauchen, desto besser. Denn mit jedem getöteten Gegner oder absolvierter Mission bekommt ihr  Orbs und damit Punkte die ihr benötigt, um die jeweiligen Skills in die Höhe zu treiben und weitere Fähigkeiten oder Gadgets zu erhalten. Aufgeteilt sind die Skills in Wendigkeit, Schusswaffen, Stärke, Sprengstoff und Fahren. Welche neuen Fähigkeiten ihr dazu bekommt hängt vom jeweiligen Skill ab. Mehr Schaden, schnelleres Nachladen oder stärke Nahkampfangriffe lassen euren anfangs eher etwas schwächlichen Agent schon bald nur so vor Kraft strotzen.

Das sorgt allerdings auch dafür, dass während dieses fulminanten Actionspektakels das komplette Chaos ausbricht. Irgendwann verliert man die komplette Orientierung und die Geschosse fliegen einem aus allen Richtungen nur so um die Ohren. Die roten Pfeile, die einem die Richtungen anzeigen sollen, aus der die Schüsse kommen, sind aufgrund der Masse komplett nutzlos und verwirren mehr als sie nutzen. Ihr könnt euch glücklich schätzen, wenn ihr den Decimator euer Eigen nennt. Diese Waffe schießt 12 Raketen gleichzeitig auf alles was in eurem Sichtfeld nach etwas Gegnerischem aussieht. Wenn ihr die Waffe allerdings noch nicht habt, braucht man nicht selten mal eine etwas ruhigere Ecke, um sich einen Überblick zu verschaffen. Tatsächlich zieht Crackdown 3 genau aus solchen Situationen trotzdem seinen Spielspaß.

Im Prinzip macht ihr nichts anderes als einfach auf alles und jeden draufzuballern, bis ihr über die Bossfights letztendlich im größten Wolkenkratzer vom Endgegner Elizabeth Niemand angekommen seid. Auch hier gilt es wieder, zu ballern was das Zeug hält. Taktische Möglichkeiten beschränken sich hauptsächlich darauf, dass ihr die Beste Kombination aus den verschiedenen Waffen auswählt. Ich habe beispielsweise viel mit dem bereits erwähnten Decimator gespielt, einem Raketenwerfer mit zielsuchenden Raketen und für die Bekämpfung einfacher Gegner noch ein Plasmagewehr. Welche Waffen für die eigene Spielweise die richtige sind, findet man aber relativ schnell raus. Ich hab mich für viele und große Explosionen entschieden.

Im übrigen hält Crackdown besonders zum Ende hin ein wenig unfreiwillige Komik für euch bereit und vielleicht wäre es besser gewesen den Namen von Elizabeth Niemand für die deutsche Fassung zu ändern. Dann hätte man solche Sätze wie „Niemand wartet auf dich“, „Was Zum Teufel tut Niemand da?“ oder „Zeigen Sie Niemand was die Agency drauf hat“ verhindern können. Wobei ich zugeben muss, dass ich schon irgendwie darüber lachen musste.

Niemand findet das schön

Während ich mit Crackdown 3 mehr Spaß hatte als ich vorher gedacht habe, konnte ich mich an die Grafik nicht so richtig anfreunden. Zwar ist der an Borderlands erinnernde Look ganz nett anzusehen, aber insgesamt wirkt die Spielwelt deutlich zu karg und eintönig. Insgesamt ist das Spiel nicht auf der Höhe der Zeit, man ist mittlerweile einfach besseres gewohnt. Vor allem was den Detailgrad der Spielwelt angeht wirkt Crackdown 3 etwas zu clean und die Elemente wiederholen sich zu oft.

Als das Spiel angekündigt wurde und zum ursprünglichen Erscheinungstermin wäre die Schere zwischen den grafischen Vorreitern und Crackdown 3 sicherlich noch nicht so weit auseinander gewesen. In den letzten zwei Jahren hat sich aber einiges getan. Aus heutiger Sicht wirkt das Spiel eher wie ein Xbox 360-Remaster mit neuen Charakter-Modellen, die im Gegensatz zur Spielumgebung deutlich besser und detaillierter ausgearbeitet sind. Insgesamt setzt mir das Spiel aber grafisch zu sehr auf den etwas comicartigen Look mit dem derzeit anscheinend sehr beliebten Neon-Kontrast, an dem man sich zu schnell satt gesehen hat und der zu wenig Abwechslung bietet.

Niemand will Multiplayer

Was den Multiplayer angeht haben sich die Macher mal etwas ganz anderes ausgedacht. Denn im Prinzip gibt es zwei Crackdown 3 Spiele mit ihren eigenen Erfolgen und Gamerscore. Einmal die Kampagne, die man erfreulicherweise auch im Online-Coop spielen kann und dann noch die Wrecking Zone (Abrisszone), bei dem es sich um die PVP Variante des Spiel handelt.

Leider bewegt man sich dabei aber nicht in New Providence, sondern auf eigens dafür erstellten Maps. Wer bisher die Möglichkeit vermisst hat Gebäude zerstören zu können, welche in der Kampagne komplett fehlt, wird hier fündig. Ganz weggelassen haben die Entwickler dieses Feature nämlich nicht, wenn auch in deutlich abgeschwächter Form. Die Maps lassen sich Dank Azure-Cloud nahezu komplett zerstören.

In der Wrecking Zone gibt es zwei Spielmodi. Einmal Agent Hunter in dem man versucht im Team die Gegner auszuschalten. Punkte gibt es aber auch nur, wenn man den Badge innerhalb von 10 Sekunden aufsammelt, den der gestorbene Agent zurücklässt. Schnell sein lohnt sich und wenn jemand aus dem eigenen Team gestorben ist lohnt sich das verteidigen des Badges, um dem gegnerischen Team den Punkt streitig zu machen. Der andere Spielmodus ist Territory, bei dem man bestimmte Bereiche auf der Map für sich erobern muss.

Insgesamt spielt sich die Wrecking Zone deutlich schneller als die Kampagne. Zwar ist die Steuerung identisch, aber durch die Umgebung und deren Katapulte bewegt man sich deutlich schneller über die Map. Dadurch entsteht eine Dynamik, die mich ein wenig in meine Anfänge des kompetitiven Gaming zurückversetzt hat. Zumindest in meiner Erinnerung haben sich Quake oder Unreal Tournament ähnlich gespielt wie die Wrecking Zone. Was etwas gewöhnungsbedürftig ist, dass es sich eher darum dreht sich freies Schussfeld zu erspielen, da das Spiel das Zielen für einen übernimmt, sobald man anvisiert. Bei der Geschwindigkeit würde man ansonsten aber auch wenig bis gar nichts treffen, es sei denn überhaupt in die Lage zu kommen einen Spieler zu töten.

Wenn Microsoft die Wrecking Zone mit weiteren Spielmodi und vor allem mehr als nur die zwei zur Verfügung stehenden Maps erweitert, dann kann ich mir gut vorstellen, dass diese Crackdown 3 ein wenig über Wasser hält.

Fazit

Crackdown 3 ist genau wie seine Vorgänger ein wildes Actionspektakel, welches viel Wert auf ansehnliche Explosionen und eine Armee von Gegnern legt. Irgendwie hat mir der Titel schon Spaß gemacht, aber es ist nicht der Top-Hit den die Xbox One mal wieder gebrauchen könnte. Es hält einen zwar bei der Stange solange man es spielt, aber hat man das Spiel einmal zur Seite gelegt, ist es auch schnell wieder vergessen. Zu schwer wiegen die grafischen Defizite mit ihren zu oft wiederholenden Texturen und Elementen. Dazu kommt noch die teilweise unübersichtliche und verwirrende UI. Spaßig ist die Wrecking Zone, die aber gerne im Umfang noch erweitert werden kann.

Crackdown 3
Niemand findet das lustigKampagne im Online-Coop
Grafisch etwas eintönigVerwirrende UI (Rote Pfeile)08/15-StoryUmfang Wrecking-Zone
74%Gesamtpunktzahl
Präsentation (Grafik/Sound)70%
Story/Atmosphäre72%
Gameplay75%
Multiplayer77%
Spielspaß75%
Leser Bewertung 0 Stimmen
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