Drei Jahre nach der ursprünglichen Veröffentlichung des Spiels läuft Civilization VI nun auf den Konsolen der aktuellen Generation. Kann das derzeit vielleicht bekannteste und erfolgreichste 4X-Strategietitel auf dem Markt auch auf anderen Plattformen überzeugen oder geht die Konsolenversion unter wie die Mayas?

Worum geht’s?

Das Ziel von Civilization VI ist einfach: Wir müssen die Welt beherrschen, auf einer Reise, die uns von der Vorgeschichte bis zur Gegenwart führt (allerdings mit einigen weiteren Fortschritten in Bezug auf Science-Fiction). Dies zu erreichen ist natürlich nicht so einfach: Wir müssen Städte erforschen, gründen, Gebiete erobern, mit anderen Nationen verhandeln und entscheiden, welche Aspekte unserer Zivilisation wir entwickeln möchten, ohne zu vergessen, die Zivil- und Militärbevölkerung zu verwalten. Unsere Entscheidungen und Entdeckungen werden nicht nur die politische Geschichte unseres Reiches prägen, sondern auch seine wirtschaftliche, religiöse und kulturelle Entwicklung. Die Vorherrschaft über andere Nationen – und damit der Sieg des Spiels – wird durch eine Reihe schwieriger Entscheidungen geprägt, die Allianzen, Rivalitäten, Kriege und Wirtschaftsembargos provozieren können.

Das alles gibt’s seit 1991 auf dem PC und geht nun auch auf PS4 und Xbox One in die nächste Runde. Neben dem Grundspiel aus 2016 enthält die Konsolenversion sowohl wichtige Erweiterungen als auch die Addons Rise & Fall und Gathering Storm. Vor allem letzteres ist ein wirklich erfrischendes Element für die Serie:  Naturkatastrophen haben einen enormen Einfluss auf die Karte, während Umweltverschmutzung und Klimaerwärmung den Planeten bedrohen. Der hier gebotene Umfang ist bemerkenswert, in Tiefe ebenso wie Qualität.

Geschichte schreiben

Wenn man zum ersten Mal eine Partie startet, sind die Ladezeiten wahnsinnig lang. Doch das legt sich im eigentlichen Spiel, was uns zum nächsten Punkt bringt: Civilization ist ein rundenbasiertes Spiel. Je mehr rivalisierende Nationen in eine Partie einbezogen sind, desto länger muss man darauf warten, dass alle Gegner ihre Züge absolvieren. Es bleibt mitunter genug Zeit, um aufzustehen und eine Tasse Kaffee zu trinken, während man wartet. Das ist kein Drama und war schon immer so, aber es wäre schön, wenn der Prozess etwas beschleunigt werden könnte. Andererseits kann man diese Minuten der Entschleunigung auch dazu nutzen, seine nächsten Schritte zu planen.

Und wenn man gerade schon mal die Geschichte des Planeten neu schreibt, machen die anderen das natürlich auch: Die Römer, die die Pyramiden bauen, oder Gandhi, der einer rivalisierenden Nation den Krieg erklärt, sind Ereignisse, die einen immer wieder zum Schmunzeln bringen. Es ist ein Spiel mit einem gewissen Rhythmus, mit einem magnetischen Charme, einer gigantischen Langzeitmotivation.

Neulinge, die noch nie ein Civ gespielt haben, benötigen viel Geduld und ein paar Partien, um die komplexen Systeme des Spiels zu verstehen. Jede Partie benötigt sorgfältig durchdachte Planung, um die eigene Zivilisation durch die Jahrhunderte führen zu können. Diplomatie oder Militärmacht? Und das ist nur eine von hunderten Entscheidungen. Civ VI braucht extrem viel Zeit, ein Investment, das vom Spiel zigfach wieder zurückgegeben wird. Wer da jetzt zurückschreckt, braucht keinen falschen Respekt zu haben: Es gibt mehrere Tutorials, bei denen wir wählen können, ob wir Civ VI schon kennen, noch nie ein Civ gespielt haben oder immer ein Joypad verkehrt rum halten.

Beeindruckendes Gameplay

Das Gameplay ist überragend. Firaxis übertrifft sich selbst und macht es sehr angenehm, mit dem Gamepad eines der komplexesten Strategiespiele zu spielen. Das Ergebnis ist beeindruckend: Viele clevere Einstellungen sowie Hilfsmittel für neue und erfahrene Spieler setzen neue Maßstäbe dafür, wie das komplexe Genre auf Konsole umgesetzt werden kann. Natürlich sind Maus und Tastatur noch immer erste Wahl, doch die hier angebotene Steuerungslösung ist außerordentlich gut. Während der Cursor und die Ansicht mit den Analogsticks gesteuert wird, ist wir die Verwaltung des Reiches dank einer Reihe von Verknüpfungen vereinfacht zu bewältigen. Das Steuerkreuz beispielsweise bewegt den Cursor horizontal entlang der Aktionsleiste, während vertikal zwischen Einheiten gescrollt wird. Auf dem Hauptbildschirm werden die Backbones zum Aktivieren der Kontroll- oder Diplomatiemanagement-Panels verwendet, während auf dem Stadtkonstruktionsbildschirm mit Geld oder mit anderen Währungen eingekauft wird.

Leider wurde die Benutzeroberfläche nicht genug umgestaltet. Es gibt so viele winzige Symbole und Texte, dass man diese kaum aus Sofadistanz auseinanderhalten kann. Doch abgesehen davon steuert sich Civ VI fantastisch.

Die Karte ist in sechseckige Felder aufgeteilt, und jedes hat einen Wert. Vielleicht eine Ressource wie Weizen oder Kohle. Vielleicht ist es ideal für Ackerland oder Sümpfe. Jede Stadt kann die umliegenden Felder nutzen. Städte brauchen in ihrem Umfeld Lebensmittel, frisches Wasser, Luxusgegenstände. Wo kommt die Hauptstadt also hin? Da geht das Geknobel schon los.

Wir können Städte verbessern, indem wir sie mit Einrichtungen ausstatten, die sich der Produktivität, Religion, Bildung und vielem mehr widmen. Je mehr Städte wachsen, desto mehr dieser Institutionen können wir hinzufügen. Bibliotheken und Universitäten sind auf dem Campus untergebracht, was die Forschungsgeschwindigkeit steigert, während Galerien und dergleichen im Theaterviertel ihre Heimat finden und Kultur erzeugen.

Und das ist nur ein kleiner Teil der Infrastruktur. Politik, Wissenschaft, Religion, Industrie und so weiter – auch das will alles bis ins kleinste Detail geregelt und gemanaged werden.

Nur für Solisten grandios

Das vielleicht größte Problem ist das Thema Multiplayer. Switch-Benutzer haben einfach gar keinen Mehrspielermodus, wahrscheinlich der im Allgemeinen bizarren Online-Umgebung der Konsole geschuldet. Was für eine Schande! Für PS4 / Xbox One-Besitzer ist Civilization VI mit den gleichen Modi ausgestattet, die es auch auf dem PC gibt. Funktioniert nur nicht so gut: Viele Foren sind voll von Nutzern, die sich beschweren, dass das Spiel zu viele Stabilitätsprobleme hat oder dass sie sich nicht einloggen können, um zu spielen.

Die Grafik hat nicht den Detailgrad und die Qualität der PC-Fassung. Doch sie hat ihren eigenen Charakter, wirkt knuffig, ohne kindisch zu sein. Auf den Karten ist alles gut erkennbar, lediglich einige Menüs sind wie oben angesprochen etwas schwer lesbar. Der Sound ist immer noch großartig, von den Musiken über die eingesprochenen Texte bis hin zu den Effekten. Christopher Tins gigantisches „Sogno di volare“, das Hauptthema, ist derart epochal orchestriert, dass dem Joypad-Feldherrn schon im Titelbildschirm die Nackenhaare steil stehen. Eines der besten Themes der Spielegeschichte. Dieses Niveau wird nahezu durchgängig gehalten.

Fazit

Hinter der vermeintlich niedlichen Grafik verbirgt sich ein knallhartes 4X-Strategie-Momumentalwerk, das seinesgleichen sucht. Einsteiger werden mit Komplexität und Umfang regelrecht erschlagen, doch das Reinarbeiten lohnt sich. Die Umsetzung auf Konsole ist absolut vorbildlich und herausragend. Dass es ausgerechnet beim Multiplayer hakt, ist der einzige Wermutstropfen. Ansonsten haben wir hier im Spätherbst der aktuellen Konsolengeneration eines der besten Spiele, die jemals für PS4 oder Xbox One veröffentlicht wurden. Von der ausgeklügelten Joypad-Steuerung und dem unfassbar phänomenalen Soundtrack bis hin zur nie versiegenden Langzeitmotivation – Civ 6 ist auf Konsole auch dank der beiden integrierten Addons ein absoluter Pflichtkauf.

Civilization IV
Epischer Umfanglegendäre Musikfantastische Spielbarkeit mit JoypadLangzeitmotivation extrem hoch
Multiplayer zu instabil
89%Gesamtpunktzahl
Grafik/Präsentation91%
Story/Atmosphäre92%
Gameplay84%
Spielspaß88%
Leser Bewertung 2 Stimmen
100%