Assassins Creed Rogue Remastered im Test – Freibeuter der Nordmeere

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Im Prinzip ist es ein alter Hut. Selbst gute Reihen können qualitativ schwanken. Viele Assassins Creed-Fans halten Unity von 2014 für einen der schwächsten Teile, vielleicht sogar für den schlechtesten Serienteil der Spielereihe. Und das ausgerechnet nach Black Flag, das viele als einen der besten Teile ansehen. Dabei machte der letzte nummerierte Teil vieles anders als seine Vorgänger und entfernte sich relativ weit von den bisherigen Templer- und Assassinenpfaden. Praktisch zeitgleich mit Unity kam vor dreieinhalb Jahren auch Assassins Creed Rogue, spielerisch ein direkter Black Flag Nachfolger und nach Meinung vieler Spieler deutlich besser als Assassins Creed Unity. Dummerweise erschien Rogue nur für die alte Konsolengeneration. Xbox One und PlayStation 4 Besitzer gingen leer aus, zumindest bis jetzt.

54, 76, 2018

Nein, es geht nicht um die WM, die 76 ist also auch kein Schreibfehler. Es geht um die 1750er bis 1770er Jahre. Um den britisch-französischen Krieg in Nordamerika und die Zeit der französischen Revolution und natürlich um die Gegenwart. Kurzum, Assassins Creed Rogue versucht, viele lose Enden miteinander zu verknüpfen. Und um das direkt vorweg zu nehmen: Das klappt erstaunlich gut.

Schwachpunkt sind endgültig die Gegenwartspassagen. Hier sind wir wieder in Ego-Perspektive als Abstergo Mitarbeiter unterwegs. Irgendwie haben wir die Erinnerungen von Shay Cormac geladen und nebenbei die Server zerschossen. Letzteres dient als faule Ausrede, ab und zu durch das Abstergo Entertainment Gebäude streifen zu müssen, über meist unspannende Dokumente und Tonaufnahmen zu Assassinen und Templern zu stolpern und dem sehr inhaltsleeren Gegenwartsabschnitt zu folgen. Das Gute daran: Die Passagen sind nur wenige und sie lassen sich schnell absolvieren. Tatsache ist aber, dass mit Abschluss der Desmond Miles Handlung die Gegenwartspassagen endgültig überflüssig sind wie ein Kropf.

Die gute Seite ist, dass Handlung und Hauptfigur aus dieser Zeit rundum überzeugen können. Unser Protagonist Shay Cormac ist angehender Assassine, etwas draufgängerisch, gleichzeitig aber auch immer wieder hinterfragend, teilweise sogar mehr, als seinen Lehrmeistern lieb ist. Wie bereits bei Black Flag spielt auch die Seefahrt eine wichtige Rolle. Mit unserem zu Spielbeginn erbeuteten Schiff, der Morrigan, dürfen wir den Nordatlantik und das River Valley ähnlich frei erkunden wie im Vorgänger bereits die Karibik. Anders als beim ersten Piratenabenteuer stehen Assassinen und Templer aber von Beginn an im Fokus. Ohne hier allzu viel über die Handlung zu verraten, sind dieses Mal die Assassinen die Gruppe, die eher negativ wegkommt. Gerade Achilles, den Serienveteranen aus Assassins Creed 3 kennen, kommt hier engstirnig und machtbewusst daher. Aber auch der gealterte Adewale (Black Flag) zeigt charakterliche Schattenseiten. Im Gegenzug kann die Templerfraktion, die ebenfalls mit bekannten Gesichtern aufwartet, dieses Mal als besonnene Fraktion punkten, die auf ihre Weise eben auch um das Wohl der Allgemeinheit bemüht ist.

So zeigt sich im Spielverlauf etwa, dass Templer um Wohl und Schutz der New Yorker Bevölkerung bemüht und bereit sind, einem befreundeten Indianerstamm zu helfen, der von Assassinen angegriffen wird. Kurzum, das immer negativer gewordene Image der Templer wird bei Assassins Creed Rogue deutlich umgekrempelt. Dabei treffen wir auch immer wieder auf bekannte Figuren der ‚Amerika-Trilogie‘, sei es ein Kurzauftritt des jungen George Washington, ein alter Haudegen wie Adewale oder der verpeilt-brillante Benjamin Franklin. Auch gelungene Verknüpfungen zu Unity kann Rogue herstellen.

Leider konnten mich Handlung und Figuren nie so ganz mitreißen wie bei Black Flag. Das liegt zum Teil sicher daran, dass ich Assassinen und Templern immer noch ein bisschen überdrüssig bin. Mich reizen eher die historischen Settings als die klassische Assassins Creed Handlung. Aber auch die Figuren wirkten auf mich selten so ausgefeilt wie beim direkten Vorgänger. Gegenüber Assassins Creed 3 kann Rogue aber in jeder Hinsicht punkten.

Black Flag Plus

Auf spielerischer Ebene ist Rogue am ehesten als Add-on mit Detailverbesserungen zu bezeichnen. Bis auf Eisschollen und Schneestürme kommt einem der Seefahrt-Aspekt praktisch identisch vor. Verbesserungen finden sich bestenfalls im Detail. Gegnerische Schiffe sind beispielsweise nach wie vor in fünf Kategorien vom Kanonenboot bis zum Linienschiff unterteilt. Dabei können ab Schonergröße alle Schiffe geentert werden. Erstmal sturmreif schießen und dann je nach Schiffsgröße X Besatzungsmitglieder töten und ggf. weitere Ziele erfüllen. Auch legendäre Schiffe gibt es wieder. Will man sich mit denen anlegen, sollte die Morrigan aber voll aufgerüstet sein. So kann man sein Schiff mit Mörsern ausstatten und mit der Puckle Gun. Jenes ist eine Art Schnellfeuer-Drehbasse und praktisch, um besonders empfindliche Stellen zu beharken. Die Seegefechte funktionieren wirklich gut, machen Spaß und können, vor allem gegen mehrere Feindschiffe, auch wirklich fordernd sein.

Natürlich kann man ab einem gewissen Punkt auch eine Flotte aufbauen und mit dieser in Minispiel-Manier Missionen erfüllen. Eroberte Festungen und renovierte Gebäude bringen uns wiederum Bankguthaben ein.

Und klar, Black Flag Plus, sorry, Assassins Creed Rogue, bietet natürlich klassische Assassinen Aufgaben und Unmengen an Sammelkram. Gerade der Sammelkram, angefangen von Tieren, die wir für verbesserte eigene Ausrüstung töten sollen, über unzählige Schatztruhen bis hin zu ungezählten Erinnerungsfragmenten, ist einfach zu viel des Guten. Ab und an findet man jedoch Stellen, die zu erkunden wirklich Spaß macht, etwa Schiffswracks im ewigen Eis des Polarmeeres, nur noch von Riesenalken und einem Eisbären bewohnt und ein wirklich gelungener Kletterparcours. Konzentriert man sich auf die Hauptgeschichte, was den Spielumfang übrigens dramatisch kürzen kann, gibt es ganz klassische Assassins Creed Kost: Nähere dich unbemerkt dem Ziel, schalte es aus, entkomme aus dem Areal beispielsweise.

Ziemlich oft allerdings kann man bei Rogue auch ganz rabiat zu Werke gehen. Solange man keine Zivilisten tötet, gibt es wenige Situationen, in denen Gegner niedermetzeln einen in Bedrängnis bringt.

Alte Probleme in schöner

Assassins Creed Rogue ist ein Remaster, kein Remake. Dementsprechend darf man sich mit alten Problemen rumschlagen, namentlich der semiautomatischen AC-Steuerung und dem Kampfsystem. Letzteres funktioniert eigentlich wie gehabt. Und eigentlich bietet das Arsenal mit netten Gimmicks wie einem Granatwerfer sogar Neuerungen. Eigentlich, denn nach wie vor bleibt das Kampfsystem im Prinzip ultrasimpel, während es sich mit alten Problemen rumschlägt. Das Arsenal an Zweitwaffen lässt die Steuerung oft überladen wirken. Klassisches Dauerkontern hilft nach wie vor, aber wenn man es mit mehreren Gegnern zu tun hat, weigert sich Shay immer wieder hartnäckig, den anzuvisieren, der uns gerade attackiert. Ab und an, gerade beim Kapern großer Schiffe, kann das schon mal zu völlig unnötigen Toden führen. Dazu tragen auch die Kletterpassagen bei. Ziemlich oft macht unser Protagonist zwar ungefähr das, was er soll, aber es kommt auch regelmäßig vor, dass er genau das nicht macht. Gerade mit Schützen auf dem Dach oder einem Sprung, den man nicht oder wenigstens nicht in diese völlig idiotische Richtung machen wollte, kann Assassins Creed Rogue immer wieder die Nerven strapazieren. Hier zeigen andere Spiele mittlerweile einfach, wie man die Steuerung deutlich präziser und trotzdem intuitiv gestalten kann, während Rogue tatsächlich immer wieder unnötig Nerven kostet.

Audiovisuell kann das Remaster allerdings wirklich überzeugen. Hatte Rogue auf den Last-Gen-Konsolen mit Flimmeroptik, Ruckeln und anderen Problemen zu kämpfen, gibt es jetzt 1080p auch auf Xbox One und natürlich 4K auf Pro beziehungsweise X, absolut stabile 30 Bilder pro Sekunde und viele Detailaufhübschungen. In den Städten sind beispielsweise mehr Passanten unterwegs, Bäume und Sträucher werden deutlich früher und unauffälliger eingeblendet, die Texturen sind wesentlich schärfer und eine ganze Reihe Effekte wurde deutlich aufgewertet. Dabei kann Rogue seinen Last-Gen-Ursprung allerdings nie verbergen. Spiele wie Witcher 3 machen optisch deutlich mehr her. Auch Animationen, insbesondere in Zwischensequenzen, sind nicht mehrwirklich auf der Höhe der Zeit. Trotzdem bleibt der optische Eindruck immer sauber.

Sprecher und Sound müssen hier kein bisschen zurückstecken. Einzig dass viele NPC’s auch bei deutscher Sprachausgabe englische Kommentare von sich geben irritiert vielleicht. Musikalisch bleibt Rogue allerdings irgendwie belangloser als Black Flag. Gewohnt gelungen, aber auch oft vertraut wirken die Gesänge der Schiffsmannschaft auf hoher See.

Etwas fehlt, vieles ist da

Assassins Creed III und Black Flag habe ich seinerzeit auf Wii U gespielt. Zugegeben, das lag auch daran, dass ich beide damals sehr günstig bekommen habe. Dabei hab ich Assassins Creed IV aber trotz technischer Probleme mit Begeisterung gespielt und vermutlich alleine 100 Stunden auf hoher See verbracht. Trotz hoher Qualitäten und vieler Detailverbesserungen und trotz deutlich besserer Technik, will der Funke von damals bei Rogue nicht so ganz überspringen. Das mag zum Teil daran liegen, dass die Assassinenpfade für mich ausgetreten sind und das Piratensetting auf mich deutlich frischer wirkte. Vielleicht lag es auch nur am karibischen Flair. Denn schlecht ist Assassins Creed Rogue trotz aller Kritikpunkte wirklich nicht. Die mindestens 10 Stunden, die man für die reine Haupthandlung brauchen dürfte, können schon gut unterhalten, mit Nebenaufbgaben und Sammelkram kann Rogue aber auch erheblich länger beschäftigen. Warum Ubisoft die Gelegenheit für einen Switch Port nicht genutzt hat, ist allerdings schleierhaft.

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Assassins Creed Rogue Remastered
Präsentation (Grafik, Sound) 80%
Amtosphäre/Story 85%
Gameplay 79%
Spielspaß 86%
82%
Readers Rating 64%
1 votes

Nichts ist wahr, alles ist erlaubt. Wem der Satz zum Hals raushängen sollte, der macht um Assassins Creed Rogue besser einen großen Bogen. Wer mit dem Seeräuber-Aspekt von Black Flag nicht glücklich wurde, ist hier auch nicht so gut bedient. Alle anderen bekommen ein richtig gutes, klassisches Assassins Creed und ein verbessertes Black Flag nur eben wieder mit mehr Templern und Assassinen. Dabei können Story und vertraute Charaktere sogar mit neuen Seiten und Sichtweisen punkten. Leider machen sich die klassischen Problemzonen der Reihe, insbesondere die Steuerung, aber auch stärker bemerkbar als vor dreieinhalb Jahren schon.

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About The Author

1986, ein strahlender Sommer, ein Freund mit VCS, Schwarzweißfernseher, Space Invaders und Pacman. Seitdem lässt mich das Thema Telespiele nicht mehr los, egal ob Game Boy, Amiga, PlayStation, Xbox oder Wii U. Nicht mal vor dem PC hab ich halt gemacht. Einzig von Sportspielen lass ich generell die Finger.

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