Alan Wake Remastered im Test: Ein Nerd gefangen im Spiel von Licht und Schatten

Remedy Entertainment bringen in Zusammenarbeit mit Epic Games Alan Wake zurück. Denn in Alan Wake Remastered, worin sich das Hauptspiel und die beiden DLCs vereinen, kehrt der einst Xbox exklusive Titel aus dem Jahr 2010 zurück und kommt erstmals auch auf Sonys Konsolenfamilie. Denn Alan Wake Remastered erscheint auch für die Playstation 4 und für die PlayStation 5. Die Version der PlayStation 5 habe ich mir im Test für euch angesehen und mich mit Taschenlampe in der einen und Revolver in der anderen Hand dem Horror im Wald gestellt.

Just a walk in the park

2012 erschien Alan Wake übrigens auch erstmals für den PC. Und auch das Stand-Alone Addon Alan Wake’s American Nightmare erschien bei Release 2012 zeitgleich für PC und Xbox 360. Warum American Nightmare nicht Teil des Remasters ist, liegt im Dunkeln.

Und um das Dunkle geht es auch in Alan Wake. Der berühmte Beststeller Schriftsteller will einfach etwas ausspannen und macht Urlaub in einer typischen amerikanischen Kleinstadt, umringt von Bergen, Tälern, dichten Wäldern und Seen. Doch bereits in den ersten Spielminuten wird klar, warum die Entwickler seinerzeit die TV-Serien Akte X, Twin Peaks und die Werke von Stephen King als ihre Quellen der Inspiration nannten. Denn endlich an der Hütte am See angekommen, verschwindet seine Frau. Alan wacht eine Woche später in einem Auto auf, mit dem er von der Straße abgekommen zu sein scheint. Was ist in der Woche passiert und wo ist seine Frau? Warum wird er im dunklen Wald auf dem Weg zu einer Tankstelle plötzlich von unheimlichen Gestalten angegriffen, die empfindlich auf das Licht seiner Taschenlampe reagieren? Weshalb kann er einfach so, ohne Übung, mit Schusswaffen umgehen? Nach dem ruhigen Einstieg beschleunigt das Spiel schnell in den Verwirrmodus und gemeinsam mit Alan müssen wir als Spieler herausfinden, was hier eigentlich los ist. Bildet sich Alan alles nur ein oder steckt doch mehr dahinter? Ist die Kleinstadt Bright Falls mehr als auf den ersten Eindruck erkennbar ist?

Fragen über Fragen. Und diese werden, neben dem Aufwerfen weiterer Fragen, im Spielverlauf auch beantwortet werden, keine Sorge. Und auch wenn das Spiel seine Kapitel als Episoden einer TV-Serie aufmacht, inkl. Abspann und Rückblenden, ist es doch ein vollständiges Storyerlebnis.

Atemlos durch die Nacht

Was auch immer in Bright Falls los ist, klar ist hier werden Konflikte nicht durch Diskussionen beigelegt. Stattdessen gilt es die zahlreichen Gegner mit der Pistole oder einem Jagdgewehr, später auch einer Pumpgun, zu erledigen. Doch lassen sich die sogenannten Besessenen nicht einfach mit ein paar gut gezielten Schüssen aufhalten. Denn sie sind von der rätselhaften Dunkelheit besessen. Die scheint die Kontrolle übernommen zu haben und schützt sie gleichzeitig mit einer Art schwarzem Nebel. Um ihnen nun schaden zu können muss Alan zunächst mit der Taschenlampe diese Nebel lichten, ehe seine Schusswaffen etwas ausrichten können. Besiegte Gegner lösen sich dann in grellem Licht auf. Aber die Energie der Taschenlampe ist begrenzt. Zwar lädt sie sich im Laufe der Zeit selbstständig wieder auf, dennoch wird es schnell eng, wenn mitten im Gefecht plötzlich keine Lichtquelle mehr zur Verfügung steht. Hier kann Alan Batterien, die er in der Spielwelt genau wie Munition für seine Schusswaffen findet, einsetzen. Dann ist die Leuchtkraft der Taschenlampe sofort wiederhergestellt und der Kampf kann weitergehen. Früh im Spiel gesellen sich weitere Lichtquellen zum Arsenal des Schriftstellers.

Leuchtfackeln, Leuchtpistole und Blendgranaten gehören beim nächtlichen Spaziergang im Wald, und davon gibt es reichlich im Spiel, zum guten Ton. Und trotz hoffnungslos veralteter Texturen kaschieren die herrschende Dunkelheit und die auch nach mehr als 10 Jahren immer noch ansehnlichen Lichteffekte eben genau dieses technische Manko. Dabei sprintet Alan auf der PlayStation 5 in 1440p und stabilen 60 Bildern pro Sekunde durch die Dunkelheit. Zumindest kurz. Denn ihm geht schnell die Puste aus, was manchmal durchaus etwas nervig werden kann und eine Überarbeitung hätte vertragen können. Aber dann hätte es wohl Probleme mit dem Balancing geben. Sei’s drum.

Und von wegen guter Ton: die Soundkulisse hat nichts von ihrem Charme verloren und muss sich auch im Jahr 2021 nicht vor aktuellen Titeln verstecken. Egal ob Kopfhörer oder Heimkinoanlage: die Soundkulisse ist, wenn man diese Grusel- und ständige Bedrohungsatmosphäre aushalten kann, immer noch überragend! Trotzdem schade, dass außer überarbeiteten Cutscenes, der Bildwiederholrate und Auflösung sowie den Charaktermodellen nichts am Grafikgerüst getan wurde. Andererseits muss man sich bei ca. 15 Stunden Spielzeit inklusive der beiden DLCs und einem Preis von ca. 30 € auch nicht über Umfang oder die absolut solide und im Test sich frei von Abstürzen oder Bugs zeigende technische Qualität des Spiels beschweren. Die Motivation zum Weiterspielen liefert aber wohl die Story.

Wald, Wald, Wald, Farmhaus, mehr Wald?!

Zugegeben, ich bin Alan Wake Fan und warte seit 2010 auf eine waschechte Fortsetzung. Quantum Break und Control von Remedy Entertainment haben mir, neben Max Payne und Max Payne 2, sehr gefallen. Und auch der Alan Wake DLC für Control und die Verbindung der beiden Spiele haben mich schon Gespräche führen lassen, die fast schon an Spekulationen um die anstehenden Entwicklungen in Marvels Kinouniversum heranreichen.

Und es war wie ein Wiedersehen mit einem alten Freund, als ich erneut in Alans Rolle geschlüpft bin. Doch erinnern konnte mich nur neben der tollen Story, die auch ein wenig an den zu Unrecht wenig beachteten Horrorfilm Phantom erinnert, nur an zwei Stellen im Spiel. Nämlich einen größeren Kampf, ungefähr zur Mitte des Spiels, den ich hier nicht spoilern will. Aber sagen wir mal so: es war eine Mordsshow! Und die andere Erinnerung war: Wald. Viel Wald! Ständig Wald? Und das ist auch 2021 der wohl größte Kritikpunkt an diesem linearen Horrorspiel. Denn ständig verliert Alan seine Ausrüstung und strandet dann wo? Genau! Im Wald! Und der Wald nutzt sich mit seinen sicher wiederholenden Gameplaymechaniken schnell ab. Die wenigen Gegnertypen machen das noch deutlicher. Der eigentliche Horror verschwindet, vor allem auf dem unteren Schwierigkeitsgrad, recht schnell. Ja, ich weiß gleich spawnen wieder die gleichen Gegner in diesem Waldabschnitt. Ich muss die rettende und meine Lebensenergie aufladende Straßenlaterne dort vorne erreichen oder einen Generator starten, um die Beleuchtung mit Strom zu versorgen. Etwas Munition und Leuchtkörper aufsammeln und weiter geht es. Dieser Ablauf wiederholt sich immer wieder. Die Manuskriptseiten, die man unterwegs findet und die Telefonate oder Monologe von Alan liefern zwar auch hier kontinuierlich Storyhäppchen, aber im Grunde warte ich eher auf die nächste Cutscene. Denn dann erfahre ich endlich wie es weitergeht.

Dabei gibt das Spiel sich alle Mühe Abwechslung zu schaffen: immer wieder mal gibt es eine spielbare Erinnerung oder einen Abschnitt bei Tageslicht zu spielen. Oder man wird Zeuge dessen, was vom ursprünglich als Open World Titel geplanten Spiel übrig blieb, wenn man in ausladenden Fahrzeugabschnitten mit verschiedenen Autos durch das Umland von Bright Falls reist. Alan Wake stammt aber aus einer Zeit, als es „bingen“ noch nicht gab. Aus einer Zeit, wo wir als Zuschauer des linearen Fernsehens nach dem Cliffhänger bei Akte X oder Twin Peaks auf die nächste Folge eine ganze Woche warten mussten. Und wer Alan Wake heute erleben möchte, sollte es vielleicht so ähnlich spielen. Immer nur eine Episode und die Nächste erst am nächsten Abend. Aber Serienneulinge werden vielleicht von der Abwechslungsarmut gar nicht so aus der Atmosphäre gezogen wie jemand, der nach über 10 Jahren als Pollen-Allergiker schon wieder ständig bei Nacht durch den Wald muss. Das Alan aber immer noch beim Versuch über hüfthohe Zäune zu springen oder an dafür vorgesehenen Stellen hochzuklettern sich gerne mal „verkeilt“ wie ein Stück Holz sollte 2021 wirklich nicht mehr passieren. Auch nicht, wenn es sich „nur“ um ein Remaster handelt.

Fazit

Alan Wake Remastered trägt seine Tücken für ein fast 12 Jahre altes Spiel schon im Namen. Denn Remastered heißt, dass es, wenn überhaupt, nur wenige Änderungen oder technische Verbesserungen gibt. Die Cutscenes wurden überarbeitet, ebenso die Charaktermodelle und auf der PlayStation 5 und Xbox Series X läuft das Spiel nun mit 60 Bildern pro Sekunde in 1440p. Und abgesehen davon, dass auch die beiden DLCs mit an Bord sind und die Geschichte von Alan Wake noch weitererzählen, bleibt alles beim Alten. Technisch wirkt das Spiel im Jahr 2021 fast schon wie ein Indietitel, auch wenn das Spiel von Licht, Schatten, Nebel und die tolle Geräuschkulisse auch heute noch eine ebenso dichte Gruselatmossphäre schaffen, wie im Jahr 2010. Zumindest wenn man von der grausamen und teils fehlerhaften deutschen Tonspur („Wir müssen im DINNER den Schlüssel abholen“) auf den O-Ton wechselt. Härter trifft es da eigentlich das Gameplay. Denn das lineare Spiel mit starkem Storyfokus ist eben genau wegen seiner immer noch überragend gut geschriebenen Geschichte, die den Spieler genauso verwirrt die seine namensgebende Hauptfigur selbst, begeistert heute nicht weniger. Auch wenn man 2010 schon den Abspann gesehen hat. Aber mit einem Umfang inkl. der DLCs von ca. 15 h Spielzeit und einem absolut fairen Preis von knapp 30 € auf allen Plattformen, machen Horror- und Gruselfans mit Blick auf den Monat Oktober hier sicher nichts falsch. Denn hier kommen nicht nur wieder Horrorfilme ins Kino, sondern es wird auch früher dunkel und Halloween ist auch nicht weit weg. Nur über das wenig abwechslungsreiche Gameplay muss man dann hinwegsehen können. Oder es so spielen wie das Spiel auch aufgemacht ist: jeden Abend nur eine Episode spielen. Dann fallen die Abnutzungserscheinungen des Gameplays gar nicht mehr so doll auf. Und Remedy Fans, die auch Control und den Alan Wake DLC gespielt haben, kommen wohl ohnehin nicht an Alan Wake Remastered vorbei. Die Hoffnung auf eine Fortsetzung oder ein Zusammenführen mit Control wächst und gedeiht, jetzt wo die Rechte an Alan Wake ja auch wieder Remedy statt Microsoft gehören.

Grafik/Präsentation
74
Story/Atmossphäre
93
Gameplay
80
Spielspaß
75
Leserwertung17 Bewertungen
52
Pros
Spannende, wendungsreiche und zum Weiterspielen motivierende Geschichte
interessante Charaktere
Tolle (englische) Synchronisation
gruselige Soundkulisse
mit ca. 15 h Spielzeit sehr umfangreich
viel Spiel für wenig Geld
Cons
Abwechslungsarmes Gameplay
Wenige Gegnertypen
Rätsel ohne echte Herausforderung
Abwechslungsarme Waldkulisse
81