Videospiele und Gewalt, immer ein heikles Thema gerade in deutschen Spielerkreisen. Kein Wunder, musste doch kein anderes Medium so lange und dermaßen ausgeprägt unter Zensur leiden (siehe dazu unseren Jugendschutz Artikel). Mit wachsender Videospielhistorie, vor allem aber mit wachsender Akzeptanz gegenüber dem Medium ist es allerdings locker einen Blick wert, auch die Entwicklung virtueller Gewalttaten zu betrachten. Und vielleicht auch darauf, wie sich mit steigender Akzeptanz der Umgang langsam ändert. Die Killerspieldiskussion darf allerdings gern zu Hause bleiben. Besonders interessant ist dabei trotzdem der Blick auf die Entwicklung in pingeligen deutschen Landen. Werten darf letztlich aber jeder selbst.

Pixelkrieg

1942 aWer sich mal mit indizierten Frühwerken der Spielgeschichte beschäftigt stellt ganz schnell fest, Kriegsspiele wurden unglaublich gern indiziert. Dabei fragt man sich dreißig Jahre später schlicht, warum denn bloß? Wo ist denn der große Unterschied zwischen Pixelpanzer und Space Invader? Ein Grund ist, zumindest aus der Sicht damals übereifriger Jugendschützer, Kriegsverherrlichung. In Zeiten eines beliebigen Call of Duty wirkt es zwar witzlos, Mitte der Achtziger wird die legale Verbreitung eines River Raid, Raid over Moscow oder sogar 1942, allesamt eher harmlose Shoot em Ups, aber massiv erschwert. Die obligatorische Schulhofkopie hilft so einer Indizierung aber meist enorm. Das eigentlich total harmlose Wings of Fury hatte damals so ziemlich jeder Amigabesitzer den ich kannte.

Allgemein ist der Umgang mit dem Thema sehr lange Zeit für Zocker gar nicht nachvollziehbar. So einige Flugsimulationen, aber auch ein Desert Strike, bei dem man auch feindliche Pixelsoldaten niedermähen kann bleiben völlig unbehelligt, während mit Panzer General ein komplexer Rundenstrategie Titel auf dem Index chaosengine 1landet. Spielehersteller versuchen gerne, die Indizierung mit fiktiven Szenarien zu umgehen. Mal klappt das, ein anderes mal nicht, etwa bei Cannon Fodder 2.

Anderen Spielen, wie zum Beispiel Command & Conquer, hilft ein kleiner Kniff in der deutschen Handlung. Hierzulande kämpfen nicht etwa Soldaten sondern Roboter, im Rahmen der Handlung zwar völlig Banane, aber hey. Mir hat es das einfacher gemacht. In den Neunzigern findet allerdings auch ein langsames Umdenken statt. Bloß weil ein Spiel auf ein historisches Kriegsvorbild zurückgreift wird nicht mehr automatisch indiziert. So landet bereits das erste Medal of Honor nicht auf dem Index. Zumindest nicht, solange man keine Hakenkreuze sieht.

Pixelblut

Naja. Das mit dem Blut ist so eine Sache. Mal ist es im Spiel, mal nicht. Tatsächlich reagieren deutsche Behörden lange Zeit überempfindlich auf virtuelle Gewalt, aus Sicht der Spieler aber oft völlig willkürlich. Bei Speed Racer für C64 und andere Heimcomputer gehört fleißiges Überfahren von Passanten zum Spielprinzip, die sich tatsächlich auch mit einer roten Pixelpfütze verabschieden.

goldenaxe2 1Golden Axe wiederum spart sich einige Jahre später den virtuellen Lebenssaft, vor Indizierung schützt das aber keineswegs. Hier stoßen sich die Jugendschützer an all zu menschlichen Gegnern. Deja vu? Richtig, hatten wir weiter oben schon bei Command & Conquer Bots, tauschen auch andere Spiele gerne Gegner gegen Roboter. Zu den prominenteren Vertretern gehören etwa Turok und das erste Half Life. Anderswo hilft akute Blutarmut zwar dem legalen Vertrieb, nur will kein Teenager der was auf sich hält ein Mortal Kombat ohne großes Gedärmgematsche.

Allgemein wird dennoch indiziert was das Zeug hält, gerade Ego Shooter nehmen die Prüfer allzu gern aufs Korn, sei es Doom oder das eher harmlose Star Wars Dark Forces. Nicht immer werden Spiele um ihren Blutgehalt erleichtert. Das erste Fallout beinhaltet in der US-Fassung auch Kinder, die allerdings nicht nach Europa migrieren dürfen, natürlich auch wieder des Jugendschutzes wegen. Allerdings reagiert man auf killbare Kinder tatsächlich nicht nur in good old Germany empfindlich, entsprechend schwer tun sich Entwickler generell damit.

C&CRA 1Dennoch macht sich nach und nach erstes Umdenken bemerkbar. Zwar sind die in den Neunzigern populären Lightgun Shooter bei deutschen Behörden nach wie vor verpönt, immer öfter werden Spiele aber durchgewunken, wenn sie zumindest blutleer genug daherkommen. Zur Jahrtausendwende landet zwar Unreal Tournament auf dem Index, ein Timesplitters allerdings nicht mehr. Resident Evil wiederrum muss noch Teile des Intros auf der Strecke lassen, das Spiel selbst bleibt aber bereits ungeschnitten. Damit etabliert sich auch der Status Quo der folgenden zehn Jahre. Solange Gegner nicht zu menschenähnlich sind oder aber Gewalt nicht zu explizit dargestellt wird bleiben Spiele vom Index verschont. Auch die Etablierung und rechtliche Anerkennung der USK sind hier für viele Publisher hilfreich, denn etwas einmal geprüft ist wird nicht mehr indiziert.

So führt allmählich eins zum anderen, immer noch wenig transparent für Außenstehende wird, wenn auch sehr langsam, immer häufiger durchgewunken. Bei God of War dürften wohl viele überrascht gewesen sein als es ohne große Schnitte veröffentlicht wurde. Allerspätestens beim deftigen dritten Teil hätte ich jedenfalls nicht damit gerechnet, dass es ohne Schnitte durchkommt. Immerhin wird im gleichen Jahr ein Fallout 3 noch um fliegende Körperteile und den ein oder anderen Liter Blut erleichtert und so manches Spiel muss immer noch seine Ragdoll Physik auf der Strecke lassen. Auch Fallout New Vegas kommt noch zensiert nach Deutschland, die Ultimate Edition aber bleibt überraschend von Schnitten verschont.

Pixelakzeptanz

doom 4 1Klar. Ganz so pingelig ist man heutzutage nicht mehr. Filme werden auch nicht mehr ganz so hart eingeteilt und gar so schnell geschnitten wie früher. Man kann aber definitv sagen, dass Videospiele lange Zeit besonders hart bewertet wurden. Inhalte, über die man heute vielleicht amüsiert lächelt waren vor zwei Jahrzehnten noch ein Grund für eine Indizierung. Gesellschaftliche und kulturelle Akzeptanz ist definitiv wichtig für ein Medium und das, was innerhalb dieses Mediums erlaubt ist.

Dabei kann Gewaltdarstellung auch ein erzählerisch wichtiges Mittel sein. Jackie Estacado aus The Darkness wirkt ungeschnitten wesentlich ambivalenter als in der gekürzten Fassung, gerade weil er eine brutale und eine liebende Seite hat. Die überzogene Gewalt in Fallout gehört seit Serienbeginn zur schwarzhumorigen Seite und nimmt durch die überzogene Inszenierung durchaus etwas von der Ernsthaftigkeit, die das postnukleare Setting so mit sich bringt. The Last of Us schafft es, Gewalt erzählerisch sinnvoll einzubinden. Bulletstorm dagegen überstilisiert Gewalt in einem absurden Maß. Ernst nehmen kann man das eigentlich nicht. Eine Altersfreigabe wurde dem Spiel trotzdem noch verweigert.

doom 2 1Ebenfalls recht deftig in der Darstellung war Spec Ops: The Line von Yager Entertainment. Gerade hier ist das USK Fazit ernsthaft zitier-würdig (Quelle: EinsPlus Interview): „Ausschlaggebend, dass das Spiel als jugendbeeinträchtigend [Anmerkung: Frei ab 18 Jahren] dargestellt wurde und eben nicht jugendgefährdend [Anm.: Voraussetzung für Indizierung], war unter anderem die moralische Botschaft, die das Spiel hatte. Der große Unterschied war die Geschichte. Die Gewaltdarstellungen in Spec Ops: The Line werden gerahmt von einer tragenden Geschichte, die glaubwürdig ist und keinerlei Botschaften vermittelt, die zum Beispiel Gewalt verherrlichen oder kriegsverherrlichend sind. Sondern die Gewaltdarstellungen in Spec Ops dienen in erster Linie auch [dazu], die Schrecken des Krieges zu zeigen.“ Allgmemein wird gerade das Thema Krieg mittlerweile von mehr Spielen anderweitig bearbeitet. Ob nun Spec Ops, Valiant Hearts oder This War of Mine. Gleichzeitig ermöglicht aber auch erst gesellschaftliche Akzeptanz, ernsthaftere Töne anzuschlagen, selbst wenn das wie in Far Cry 2 bis 4 eher am Rande passiert.

Pixelkultur

Videospiele gehören mittlerweile zum Kulturgut. Damit stellt sich auch die Frage, wo die Reise zukünftig hingehen kann, darf und soll. Ersteres gerade mit Blick auf immer größere, technische Möglichkeiten. Mit Oculus Rift, Playstation VR und Konsorten klopft immerhin schon der nächste vielleicht große Schritt an unsere Wohnzimmertüren.

Letztendlich sollte das jeder Spieler für sich selbst entscheiden, vor allem aber auch entscheiden können. Allerdings sind auch die Entwickler gefragt, ja, eigentlich sogar in der Verantwortung. Ist ein Doom 4 etwa noch korrekt? Es bietet zwar wie eh und je völlig überzogene Gewaltdarstellung, allerdings auch in einem entsprechenden Setting. Die Prämisse, ein Tor zur Hölle auf dem Mars und dann bei Doom 2 auf der Erde, war seit Serienbeginn nicht unbedingt das, was man als realitätsnah bezeichnet. Auch die Gegnerscharen wie der gute alte Cyberdemon vermitteln nicht unbedingt das Gefühl übermäßiger Realitätsnähe. Es mag ja sein, dass ich Gegnern Löcher in den Bauch ballern, den Kopf zermatschen und wer weiß was für Sauereien anstellen kann. Doom bietet hier das was die Serie auszeichnet, eine Neuerung stellen bestenfalls Meleekills dar. Wer sich darüber aufregt dürfte aber eigentlich auch kein Mortal Kombat spielen.

Fallout 4Anders sieht es schon mit einem Hatred aus. Oder mit Amok Mods für Half Life. Statt böser Dämonen soll man möglichst viele Unbeteiligte niedermetzeln. Studios und Modder schieben hier neuerdings auch gerne den Kunstaspekt vor oder argumentieren mit überzogener Political Correctness. Aber auch der viel zitierte Flughafenlevel eines Modern Warfare 2, und nicht nur der, ist da vielleicht erheblich kritischer zu sehen, weil er letztlich primär drastisch inszeniert ohne wirklichen inhaltlichen oder auch nur spielerischen Wert.

Es geht eigentlich gar nicht so sehr darum, was dargestellt wird sondern in welchem Kontext. Insofern sollte, muss womöglich sogar, klar differenziert werden, was ein Spiel, wie übrigens auch andere Medien, mit Gewaltdarstellungen erreichen will und in welchem Kontext. Was ist an extremer grafischer Darstellung schlimmer, als schlafende Soldaten schön still und leise per Messer zu killen?

Gewalt ist auch mehr als die Darstellung von Blut und fliegenden Körperteilen. Während unser Lieblingshobby so langsam aber sicher, gerade auch erzählerisch, erwachsen wird, spielen auch psychische Gewalt, Unterdrückung und mehr immer öfter mit rein. Bisher spielt die grafische Darstellung aber noch die Hauptrolle. Und anders als bisherige Medien sind Videospiele interaktiv, das Erlebnis also ein anderes als einen Film zu schauen oder ein Buch zu lesen. Damit sollte sich vielleicht jeder Spieler die Frage selbst stellen, was er zukünftig eigentlich in welchem Maß erleben will und wo man am Ende vielleicht doch Grenzen ziehen sollte. Gewaltdarstellung in Spielen allgemein ist tatsächlich ein diskussionswürdiges Thema. Ganz sicher aber keines, das man nur an einem einzigen Spiel festmachen sollte.