Es war einmal vor langer Zeit in einer noch sehr analogen Welt. Der nicht mehr ganz so kleine Michael wollte sich nicht mehr mit seinem Game Boy zufrieden geben, er wollte endlich eine richtige Konsole. Die beiden Herrscher des Reiches (auch Eltern genannt) waren davon nicht einhellig begeistert, auch weil sie nicht wollten dass der junge Michael noch mehr Zeit vor dem großen Zauberspiegel im herrschaftlichen Wohnzimmer verbringt. Letztlich konnte unser junger Held nach langer Odyssee und hartem Kampf (mit Worten) jedoch einen eigenen Zauberspiegel für sich sichern. Besagte Konsole sollte eine innige Dreiecksbeziehung zwischen Held und Zauberspiegel eingehen. Und das schön weit außerhalb der diabolischen, bösen Schwester. Muahahaha!

Ok, wir weichen geringfügig ab. Tatsächlich war das Super Nintendo nicht nur die Konsole meiner Wahl, meine Eltern winkten auch einen ersten, kleinen Fernseher für mich durch. Wohl auch damit der große im Wohnzimmer nicht ständig von mir belagert würde. Der schlichte Grund hierfür, ich hatte mir vorher das SNES eines Klassenkameraden ausleihen können und die elterliche Röhre zeitlich ziemlich stark in Anspruch genommen. Das bedeutet natürlich auch, dass Nintendos 16Bit Maschine bei mir einen ganz besonderen Stellenwert innehat. Und natürlich musste ich das SNES Classic Mini deswegen sofort haben. Dabei spielten auch die Spiele eine wichtige Rolle. Insbesondere die offizielle Unterstützung des SuperFX Chips und ganz speziell der offizielle Release von Star Fox 2 wären da zu nennen. Das erste Star Fox liebe ich, unter anderem wegen der Musik, ohnehin bis heute und Super Mario World 2 – Yoshi’s Island ist wohl eines der besten 2D Jump & Runs überhaupt. Natürlich enthält die kleine Kiste noch einiges mehr, darunter auch Spiele die man damals haben wollte, welche aber nur als teurer Import zu haben waren und teils auch nicht mit jedem Importadapter liefen. War halt doch nicht alles besser früher.

Tatsächlich konnte die kleine, graue Kiste mich schon auf der Gamescom überzeugen. Schon alleine wie die Controller einem „Ich bin da, wer noch?“ entgegen rufen, das bringt ein Stück Neunziger zurück. Jurassic Park im Kino und Zurück in die Zukunft auf VHS. Und natürlich Simon Belmont, Captain Falcon, Link und Mario. Vielleicht alles etwas einfacher, allerdings nicht beim Schwierigkeitsgrad. Hallo 2010er und herzlich willkommen Rückspulfunktion. Neben den vier Speicherpunkten pro Spiel wohl der Punkt, bei dem man ab und an doch sehr froh ist, wieder in der Gegenwart zu sein. Tatsächlich schlägt das SNES Classic Mini hier in vielen Punkten noch besser die Brücke zwischen den Jahrzehnten als das NES Mini im vergangenen Jahr. Schönheitsfehler leistet es sich kaum. Ein wenig schade beispielsweise sind die Controllerports hinter der Frontabdeckung. Automatisch stellt man sich die Frage ob die Wiimote-kompatiblen Anschlüsse im Modulschacht nicht besser versteckt wären. Dafür macht es irgendwie einfach Spaß, Power- und Resetschalter zu drücken. Klar, der deutlich größere Ein-Schalter des Originals rastete deutlich satter und lauter, aber hier darf das Mini einfach Mini und eben niedlich sein. Und trotz der Anschlüsse, auch die Konsole selbst vermittelt ein bisschen ‚Damals‘. Schade an der Stelle, dass die Verpackung da nicht ganz mithalten kann. Das liegt nicht nur am riesigen USK-Logo moderner Zeiten, damals gab es einfach mehr Styropor und Anleitungen. Dennoch, auch der Karton ist nett aufgemacht. Nüchterner aber als in den wilden Neunzigern mit ihrer Super-16-Bit Technologie. Klar, das Netzteil fehlt. Aber seien wir mal ehrlich, wer hat noch nen Fernseher ohne USB-Anschluss und wer hat bitteschön nicht sowieso mehrere USB-Netzteile von Smartphone, Tablet und Co.? Kritischer ist da schon die Kabellänge der Controller. Die Strippen sind zwar deutlich länger als beim NES Mini, aber viel zu kurz um im Wohnzimmer entspannt von der Couch aus zu spielen. Früher oder später müssen Verlängerungen her.

Davon will sich der Nostalgieflash am Ende aber einfach nicht abhalten lassen, also einschalten und losspielen. Angenehmer Weise ist das wirklich so einfach. Bootzeit praktisch nicht vorhanden, dank originalgetreuem Controller und sehr sauberer Emulation auch sonst keine Probleme, zu konfigurieren gibt es auch nicht viel. Mit dem annehmbaren Scanline Filter kommt sogar gewisses Röhrenfeeling auf. Obendrein laufen die Spiele durch die Bank weg in 60Hz. Also alles super? Nicht so ganz. Da wäre die schlichte Tatsache, dass alle Titel auf Englisch sind. Gut für meine Tochter, die in einer halben Stunde Super Mario RPG mehr lernt als in einer Woche Englischunterricht. Schlecht für alle die etwa die klassische Claude M. Moyse Übersetzung von Secret of Mana mögen (nur echt mit Lindenstraße). Und natürlich ist da noch die vielleicht einzige populäre Zensur der Videospielgeschichte. Statt cooler Roboter in Super Probotector dürfen lahme Anabolikasöldner in Contra 3 durch Alienhorden ballern. Jüngere Spieler mögen das schulterzuckend abtun, in wochenendlicher Retrorunde stand es aber tatsächlich vier zu eins für die Probotectoren. Sieht man davon mal ab ist das Spieleangebot eine sehr runde Sache. Mit Earthbound, Final Fantasy III (eigentlich Teil sechs) und Super Mario RPG finden sich gleich drei Rollenspielklassiker ein, von denen man damals als Mitteleuropäer nur träumen durfte. Und ziemlich sicher in Total!, Video Games oder Mega Fun gelesen hat. Ach ja, Nostalgieflash.

Mega Man X, Contra 3 oder auch Super Ghouls & Ghosts werden wiederum eher dafür sorgen, dass sich viele über Speicherstände und Rückspulfunktion freuen. Kurz aber schwer war es damals. Gleichzeitig merkt man schnell, wie viel bei gerade mal 21 Spielen fehlt. Street Fighter Alpha 2 hätte ich beispielsweise furchtbar gern auf der kleinen Kiste gehabt, genauso aber R-Type 3 oder Parodius. Tatsächlich hätten es zumindest gerne wieder 30 Spiele sein dürfen. Sicher, es kann am Ende gar nicht genug sein. Aber alles von damals muss man auch nicht mehr spielen.

Tatsächlich gibt es gerade Kindheit im Doppelpack. Meine Tochter findet zwar nicht alle, aber doch ziemlich viele Spiele auf der kleinen grauen Kiste ziemlich gut. Und will natürlich zu vielem wissen wie das damals so war und was anders war. Für mich selbst schwingt hier natürlich noch deutlich mehr mit. Damals, das war eine gar nicht mal sonderlich lange, aber extrem wichtige Zeit. Es gab Spiele in Vitrinen, höchst selten im Ramschkorb. Wenn man mal so richtig gucken wollte musste man erstmal den Verkäufer fragen. Damals war die große Zeit vieler Videospielhefte. Das Internet noch in weiter Ferne. Und damals war man noch richtig jung. Ironie dabei ist, dass das SNES Classic Mini bei mir eher mehr das Gefühl von damals und vor allem Erinnerungen weckt als die echten Retrogeräte. Gerade weil es eben doch neu ist, genau das also, was A Link to the Past, F-Zero oder auch Star Fox damals eben waren. Tatsächlich dachte ich erst beim Auspacken des Mini daran, dass ich mein großes Super Nintendo, zusammen mit Wing Commander, damals beim Extra Supermarkt gekauft hab, der mittlerweile selber längst Geschichte ist.

Mit dem SNES Classic Mini ist Nintendo tatsächlich ein feines Stückchen Hardware gelungen, das längst nicht nur alte Hasen begeistern kann. Sicher werden an der Stelle viele über den Preis diskutieren. Aus meiner Sicht, und übrigens als Besitzer eines Raspberry Pi, ist die kleine Kiste ihre 99,-€ aber definitiv wert.