Macht es eigentlich Sinn, sich eine neue Konsole ‚ohne Spiele‘ zu kaufen? Denn echte Exclusives gibt es für Xbox Series X/S ja erstmal nicht. Selbst The Medium kommt nach einer Release-Verschiebung erst nächstes Jahr. Schon alleine, weil bei mir noch eine alte Fat One stand und ich die One X hartnäckig ausgelassen habe (was bei manchen Angeboten gerade in den letzten zwölf Monaten gar nicht so leicht war), habe ich die Antwort schon im September für mich mit ‚Ja, Hardware kaufen, sabber…‘ beantworten können. Nachdem ich bei den ersten Online Vorbestellungen Pech hatte, ging es kurzerhand in den lokalen Media Markt, die Series X wurde ordnungsgemäß vorbestellt und pünktlich zum Release abgeholt. Gut so, denn es gab tatsächlich nur Konsolen für Vorbesteller und mittlerweile berichtet Microsoft selbst auch davon, dass die Liefersituation wohl bis Ende März, Anfang April angespannt bleiben dürfte. Aber lohnt sich das alles?

(K)eine große Evolution

Überspringen wir den Part, an dem ich die Series X sanft in meine Arme schließe, bezahle, neben mir auf dem Sitz liebevoll anschnalle und zuhause mit transpirierenden Fingern nackig mache einfach mal, der Hardwareporno bleibt hier Sache der Leserfantasie. Nachdem die Series X angeschlossen ist, wird schon beim Einrichten klar, auf Softwareseite sind die Unterschiede minimal. Nahezu alles sieht so aus wie aktuell auf der Xbox One auch, Unterschiede im GUI und bei den Funktionen muss man mit der Lupe suchen. So kann man den internen Speicher aktuell nicht umbenennen. Meine externe Elayne ist deswegen schon ziemlich traurig, weil ihr Guybrush nicht mehr da ist. Zu Elayne mit ihren 4 Terabyte kommen wir aber gleich zurück.

Habt ihr Dolby Atmos oder DTS Headphone X per App, könnt ihr die wie gehabt ebenso in den Menüs einstellen wie Energiesparmodi und so weiter. Rein visuell erinnert das eher an den Wechsel von Windows 10 PC auf Windows 10 PC oder immer aktualisiertes älteres auf topaktuelles Smartphone. Die große Revolution bleibt auf den ersten Blick aus. In Wahrheit findet sie aber unter der Haube statt.

Wo selbst die One X manchmal ziemlich lange braucht, Spiele nicht immer sofort starten, Seitenwechsel eine Reihe Gedenksekunden brauchen, da passiert auf den Series Modellen alles sofort. Selbst der Kaltstart der Konsole ist vergleichsweise schnell erledigt. Stellt ihr die Series auf schnelles Hochfahren, dann ist sie ohnehin sofort da. Bei meiner One konnte selbst das manchmal einige Sekunden lang dauern.

Davon ab, natürlich hat sich das Xbox OS im Laufe der Zeit enorm weiter entwickelt. Ich hatte witzigerweise die Tage erst die Möglichkeit, mir mal eine One anzugucken, die seit Anfang 2015 kein einziges Update mehr bekommen hat. Zwischen damals und heute liegen tatsächlich Welten. Unterm Strich ist das Erlebnis Xbox Series X/S also eine Mischung aus dem evolutionären Software Ansatz, den man bei Microsoft seit Jahren verfolgt und ziemlich revolutionär wirkender Hardware unter der Haube. Mir persönlich gefällt der Ansatz. Andere werden lieber auch bei der GUI und dem Betriebssystem die klassische Next Gen Revolution haben wollen.

Harte Ware

Unabhängig davon, ob man das Bauhausdesign der Series X und S mag (ich find’s super), die Series X ist kompakter, als sie auf Bildern aussieht. Gerade meine olle Fat One ist verglichen damit ein dickes Ding. Das gilt erst recht, wenn man das externe Netzteil berücksichtigt. Über den Formfaktor kann man sich zwar prima streiten, aber bei mir integriert sie sich liegend problemlos ins TV-Board, wäre aber stehend neben dem Fernseher angenehm unauffällig. Unabhängig davon wirkt die sprichwörtliche Box ziemlich wertig. Einzig den Standfuß respektive Ring würde ich in liegender Position gerne abmachen können. Auch wenn er nicht wirklich stört. Ach ja, nicht nur die Kühlung ist leise, sehr leise, in meinem Fall macht auch das Blu Ray Laufwerk auf keinen Fall mehr Krach als bei meiner One.

Definitiv Evolution statt Revolution ist der altvertraut wirkende, aber dennoch neue Controller. Einerseits passt sämtliches Zubehör der One. Egal ob Akkupack oder Chatpad. Die Form ist auch absolut vertraut, so dass man sich sofort Zuhause fühlt. Andererseits sind die Wege für den Zeigefinger zu Bumper und Trigger minimal kürzer, der Trigger gefällt spontan durch das Mehr an Grip und auch das grundlegend überarbeitete Steuerkreuz macht einen extrem präzisen Eindruck. Auch wenn die Geräuschkulisse wahrscheinlich nicht jedem gefallen wird. Interessantes Randdetail, mit neuer Oberflächenstruktur hat der ganze Controller mehr Grip. Anders als bei Sony bleibt die große Revolution aus. Das stört mich vorläufig aber gar nicht, weil sich der Xbox One Controller zu meinem persönlichen Liebling entwickelt hatte. Mal gucken, ob es haptisches Feedback und HD-Rumble irgendwann doch noch bei Microsoft geben wird.

Was nach wie vor nicht jedem gefallen wird, das Batteriefach. Ich selbst benutze schon seit Xbox 360 Zeiten Mignon Akkus mit hoher Kapazität für meine Xbox Controller. Die halten ewig, sind schnell gewechselt und sollten sie doch mal kaputt sein problemlos zu ersetzen. Wer aber auf Lithium Akkus schwört und auf einen fest verbauten Akku gehofft hatte, der wird hier natürlich enttäuscht.

Platte dran, Spiele drauf (plus Updates)

Spiele für Xbox One, 360 und die OG Xbox laufen auch auf Series X/S von externer Festplatte bzw. SSD. Da schon die One einen USB 3.0 Speicher haben wollte, der gleiche Mindeststandard, den die neue Konsole haben will, braucht ihr für alle alten Spiele nur eure Platte dran hängen. In meinem Fall ist das eine kleine 2,5“ 4TB Western Digital namens Elayne. Damit laufen auch schon alle Spiele, die ihr auf der Festplatte habt. Ohne Ausnahme. Und praktisch durch die Bank besser. Control läuft beispielsweise durch die Bank immer mit 30fps und kürzeren Ladezeiten, außerdem gibt es fast keine Textur-Popins mehr. Die Ladezeiten bei Subnautica, Minecraft und anderen Spielen, die viele Daten dekomprimieren und/oder generieren müssen, sind teilweise sogar halbiert. Wie gesagt, von der externen Festplatte. Titel mit dynamischer Auflösung laufen spürbar am oberen Limit. Project CARS 3 beispielsweise macht gegenüber der alten One einen riesigen Sprung, fühlt sich aber auch noch eine ganze Ecke runder an als auf der One X.

Einige Spiele wollen ein kleines oder ein großes Update haben. Dabei muss man zwischen reinen Performance Patches wie bei Fallout 4 und den richtigen Series X/S Updates unterscheiden. Erstere können zwar für doppelte Bildrate, höhere Auflösung und dergleichen sorgen, im Großen und Ganzen bleibt das grafische Level aber auf Xbox One (X) Niveau.

Bei Series X/S Updates können die Spiele alle Register ziehen, müssen aber auf der internen SSD oder auf der neuen 1TB Speicherkarte installiert werden, die man aktuell noch recht teuer bezahlt. Nicht ganz unwichtig, habt ihr Spiele mit Next Gen Update bereits auf der externen Festplatte installiert, dann packt die Series X/S euch die Next Gen Fassung zusätzlich drauf. In meinem Fall waren das zum Start The Touryst, Forza Horizon 4 und Gears 5. Die Last Gen Fassungen müssen dann von Hand gelöscht werden.

In der Praxis gibt sich die Xbox Series beim Speicher aber ziemlich unkompliziert.

Neue Grafik, neue Features

Gut, die ganz große Grafikrevolution bleibt vorerst aus, zumindest wenn ihr von der One X kommt. Wobei es selbst dann reihenweise Verbesserungen gibt. Etwa doppelte Bildrate bei 4K in Forza Horizon, was einfach großartig aussieht. Oder rundum verbesserte Grafiken in Gears 5, mit höherer Bildrate und so weiter. Und ja, Titel wie Dirt 5 profitieren aus dem Stand von der Mehrpower. Und zwar deutlich. Verglichen mit der alten One ist der Grafiksprung oft riesig. Selbst ohne reine Next Gen Spiele. Der Unterschied bei Gears 5 ist in dem Fall echt enorm. Schon auf der sieben Jahre alten Hardware sah der Titel einfach gut aus und lief sauber. Nun gibt es aber viel mehr feine Details, deutlich schönere Spiegelungen und die doppelte Bildrate bei der vierfachen Auflösung. So richtig spannend wird es im Bereich Grafik zwar erst noch, aber je nachdem, von wo aus ihr startet, macht der Generationssprung doch eine Menge her.

Ein Sonderfall sind vielleicht 120fps. Das Feature unterstützt mein Fernseher nur im 1080p Modus. Und bei Dirt 5 kostet die verdoppelte Bildrate massiv Details. Und das nicht nur rein bei der Grafik. Hier scheint auch die CPU alle Hände voll zu tun zu haben, um die zusätzlichen Bilder bereit zu stellen. Ob es das wirklich wert ist? Vielleicht in kompetitiven Multiplayer Titeln. Ansonsten sollte das Augenmerk aus meiner Sicht eher bei 60fps in Spielen liegen.

Natürlich sind da auch die Ladezeiten. Und die sind selbst ohne Velocity Architecture Optimierungen wirklich kurz. Forza Horizon 4 lädt noch schneller als von der NVMe SSD meines PC’s. Die ellenlangen Wartezeiten der Xbox One (X) sind wirklich Geschichte. Die Nachladehemmungen der normalen One in der Open World sowieso. Wirklich warten muss man auch bei Dirt 5 nie. Und das dürfte den Spielfluss bei vielen Titeln ganz gewaltig verbessern. Wie viel runder sich das in der Praxis anfühlt, das lässt sich tatsächlich schwerer in Worte fassen als reine Grafikverbesserungen. Aber natürlich fehlt da noch etwas, nämlich Quick Resume.

Die schlechte Nachricht vorweg, das Feature funktioniert aktuell längst nicht mit allen Spielen. Dirt 5 startet zum Beispiel hartnäckig von vorne. Control dagegen nutzt Quick Resume bei mir absolut zuverlässig. Innerhalb von Sekunden bin ich genau da, wo ich vorher aufgehört hatte. Auch nachdem die Konsole komplett herunter gefahren war und andere Spiele gespielt wurden. Was auf den ersten Blick nach Spielerei klingen mag, ist ein ziemlicher Gewinn in der Quality of Life Ecke. Ganz besonders dann übrigens, wenn auch noch mehrere Leute in einer Familie spielen.

Der sanfte Wechsel

So bruchfrei war für mich noch kein Generationswechsel. Als Zweit- und Drittcontroller kann ich erstmal ganz normale Xbox One Controller nutzen, beim OS bin ich sofort zuhause und aktuell fehlt mir auch kein Altfeature. Wenn ich daran denke, wie lange mir auf der Xbox One Funktionen der 360 fehlten und wie beschnitten die Switch sich bis heute in extrem vielen Punkten gegenüber der Wii U anfühlt, dann ist das durchaus eine Leistung. Überhaupt gibt sich meine Series X bisher absolut problemlos. Da ist es auch keine echte Schattenseite, dass sich der Generationssprung nicht sofort bei der Benutzeroberfläche bemerkbar macht. Ich weiß auch nicht, ob ich den klassischen Generationswechsel in dem Punkt überhaupt vermissen werde. Sicher, Konsolen wie PS1 oder Gamecube haben tatsächlich ihre ikonische Bootsequenz und bei der PS3 denkt wohl jeder auch direkt an die Cross Media Bar. Andererseits bin ich mit Konsolen groß geworden, die gar keine GUI hatten. Im Alltag hab ich mich sowieso bei allem außer Konsolen längst daran gewöhnt, dass es bei der Benutzeroberfläche durchgehende Evolutionen statt großer Revolutionen gibt. Auf Hardwareseite bleiben eigentlich keine Wünsche offen. Was mir zum Start wirklich noch fehlt ist allerdings der klassische Killertitel. Hier muss Microsoft nächstes Jahr auf jeden Fall liefern. Corona hin oder her, Gears Tactics zum Start ist einfach zu wenig, auch wenn es wirklich gut ist.