Ach ja, Assassins Creed Odyssey. Anfangs von mir und, wenn man den sozialen Medien und Foren glauben darf, vielen anderen als Assassins Creed Origin 1.5 abgetan. Doch dann kam er, der Hypetrain. Zumindest bei mir. Verzögert, eher Dampflock als ICE und dann doch irgendwie so stark und schnell wie Doc Browns Zeitmaschinen-Zug am Ende von Zurück in die Zukunft 3. Ich hatte über 90 Stunden verdammt viel Spaß mit dem Spiel und ich konnte es mir nicht verkneifen, auch dieses Spiel auf der PS4 soweit zu spielen, dass auch die Platin-Trophäe aufpoppt und das zarte Pling-Geräusch mir ein zufriedenes Lächeln auf das Gesicht gezaubert hat. Was ich damit sagen will, bevor es an den Kern meiner Äußerungen geht, ist, dass es hier nicht um eine weitere Kritik am Spiel geht. Viel mehr geht es um ein mich schon länger störendes Problem bei unser aller liebstem Hobby, dass sich wie ein Grippevirus im Großraumbüro immer weiterverbreitet. Die Trophäenjagd ist übrigens nicht gemeint. Eine kritische Sicht hierzu gibt es in der Kolumne von Mara. Dieser Virus von dem ich hier erzählen möchte, ist das Gefühl, nicht das vollständige Spiel zu besitzen. Und es wird nicht um einen Musiktipp zu Annett Louisan gehen. Obwohl, gar keine üble Musik.

Drei Stufen auf dem Weg zum Glück

Endlich Freitag, Wochenende! Noch dazu halte ich endlich meine vorbestellte Version von Assassins Creed Odyssey in Händen und ich bin früher als sonst daheim. Perfekt! Während die Konsole schon den Lüfter aufdreht, kämpfe ich mit der Folie der Spielehülle. Geschafft! Die erste Stufe, die erste Hürde erfolgreich genommen und der Duft einer frisch geöffneten Spieleverpackung füllt meine Nase. OK, dieses Bild, wie ich mit der Nase an der geöffneten Hülle schnuppere, geht dann doch zu weit. Rein mit der Disc und warten, bis die Konsole für mich die zweite Stufe nimmt. Nennen wir sie die Installation. Spiele werden immer schöner, umfangreicher, technisch anspruchsvoller und damit einhergehend auch die Daten immer größer. Also dauert auch die Installation von Disc bzw. der Download bei digitalen Versionen immer länger. Letzteres zumindest dort wo der Netzausbau auch eher der zitierten Dampflock gleicht als dem ICE. Sei es drum. Die Zeit lässt sich doch nutzen, um parallel auch die letzte Stufe durch die Konsole nehmen zu lassen: der Day-One-Patch. OK, die Vorbesteller der Gold-Edition dürfen dieses Jahr schon ein paar Tage früher spielen. Also ist deren Day-One-Patch für mich in diesem Moment vielleicht eher der Day-Five-Patch oder der want-to-install-before-the-first-start-Patch.

Kurzer Blick ins entsprechende Menü. Wie man als erfahrener Playstation-Besitzer ja schon weiß, kann man hier schauen, wie der Patch parallel zur Installation runtergeladen wird. Hier aber nicht. Komisch. Ob es gar keinen gibt? Ist das Spiel so perfekt? Höre ich dort Doc Browns Zug in der Ferne? Also weiter warten. Als die Installation fertig ist, versuche ich eine Suche nach einem Update von Hand zu starten. Zack, da ist es ja. OK, weiter warten. Ich will ja schließlich das bestmögliche Spielerlebnis und mich nicht mit einem zu befürchtenden Bugfestival abgeben. Warum denke ich gerade an den Ausfall von Klimaanlagen in Zügen der deutschen Bahn? Untersuche ich doch einfach mal die Inhalte der ungewohnt schweren Hülle des Spiels. Hui, einige Extras stecken drin. Dazu gehören auch die üblichen Hinweise auf Season Pass/DLC und Mikrotransaktionen.

Doch eher die große Treppe aus Hogwarts?

Die große Treppe in den Harry Potter Filmen sah schon cool aus. Als Nichtbuchleser fragte ich mich damals, wie man dort bei diesen ganzen stetigen Veränderungen den Weg finden sollte und ob man sich nicht auf den Stufen, wie in einem Labyrinth, verlaufen könnte. Verlaufen habe ich mich auch. Da ich den Season Pass nicht sofort kaufen möchte, sondern abwarte, wie die Zusatzepisoden bei Tests abschneiden, kommt der Zettel erstmal weg. Hm, da ist es. Das Gefühl, der Virus. Habe ich denn dann jetzt, wo der Patch fertig installiert ist und ich hier nun seit einer Stunde warte, überhaupt eine Chance auf das richtige, fertige, komplette Spiel mit der maximal bestmöglichen Spielerfahrung? Fehlt mir nicht was? Stimmt! Mir fehlt was, aber der Season Pass ist es nicht! Naja, noch nicht.

Aber hier ist doch noch ein Code, den ich eingeben kann. Omega-schlag-mich-tot Paket. OK, auch dass will ich dann aber jetzt vor Spielstart haben. Ab in den Playstation Store und den zwölfstelligen Code per (Argh!) Bildschirmtastatur eingeben – fertig. Jetzt kann ich aber endlich starten. Nein. Doch. Oh! Moment! Bei der Vorbestellung war doch noch ein Code auf der Quittung! Ha! Ich will noch mehr Spiel haben! Die Quittung habe ich schnell gefunden. Aber einen sechzehnstelligen Code drei Mal hintereinander im PSN Store einzugeben, wo ein zwölfstelliger Code verlangt wird, war jetzt auch nicht so schlau. Puh. Nerviges Labyrinth-Virus. Ich denke aufgrund meiner steigenden Ungeduld und dem Fortschreiten der Zeit verbrauche ich hier gerade weitere zwanzig Minuten daran, mein UPlay-Passwort zurückzusetzen und über die Webseite des Ladens in Verbindung mit der Webseite von UPlay auch diesen Code zu aktivieren. Während der ganzen Aktion vergesse ich auch, was ich hier überhaupt gerade freischalte aber Hauptsache ich habe es. Vielleicht gibt es ja tolle Socken für meine Kassandra. Typisch deutsch eben, Sandalen und Socken. An der Stelle könnte man eine Art Jack Nicholson/The Shinning Gedächtnis-Grusellachen von mir einblenden.

Danke für gar nichts Bethesda!

Nein, über Skyrim und Co. werde ich hier jetzt nicht ablästern. Keine Sorge! Trotzdem habe ich gerade meine grummeligen fünf Minuten und frage mich, wie dieser ganze DLC-Wahnsinn angefangen hat. Pferdedecke! Pferdedecke? Ja verdammt, Pferdedecke! Auch wenn Unreal Tournament Championship das, zumindest für mich persönlich, erste Konsolenspiel war, was einen Patch bekam, war ein anderes Spiel der Vorreiter in Sachen DLC. The Elder Scrolls Oblivion. Da gab es plötzlich eine schönere Pferdedecke zu kaufen. Für Geld. Geld für eine schönere Textur. Zwar im einstelligen Euro-Bereich, aber trotzdem. Das Ding war nichts für mich und ich fand sie damals auch nicht schön. Gekauft wurde es trotzdem von vielen anderen und seitdem sind DLCs aus unserem Hobby nicht mehr wegzudenken. Sie haben ganz unterschiedliche Formen angenommen: DLCs mit Gameplay/Story-Inhalten, Mikrotransaktionen, die das Vorankommen erleichtern, Waffen, Reittiere oder einfach nur Skins. Alles irgendwie ne Art DLC. Blöde hässliche Pferdedecke. Ich bin soweit, ich kann loslegen. Das Ende des Labyrinths ist in Sicht und ich freue mich darauf, endlich ins antike Griechenland abfahren zu dürfen. Hier sitze hier nun schon über anderthalb Stunden mit meiner Couch an Gleis 9 ¾. Nur noch kurz das Handy checken. Na toll. Nachricht von einem Kumpel, Markus, auch hier aus dem Gamingnerd-Team. Es gibt eine Aktion bei einem Gaming-Videostreamdienst. Da gibt es einen kostenlosen Code. Für irgendwas. Schiffscrew oder so? Mhm, naja, da kann ich jetzt auch nochmal schauen. Ich will ja nichts verpassen. Das Rumgefummel bis ich ungeduldiger, mittlerweile leicht wütender (auf mich, das Spiel selbst und mein Handy. Oder auf Markus?) Wochenendzocker auch hier alles geregelt habe, strapaziert meine Nerven. Blöde stinkende Pferdedecke! – spreche ich, sagen wir mal laut und bestimmend, aus. OK, das wars! Alle Codes und Co. die mir bekannt sind, wurden aktiviert. Vermutlich starte ich im Spiel mit Charakterlevel 51 von 50 und reite auf einem fliegenden Schwein mit Raketenantrieb durch Griechenland. Hauptsache haben.

Wenn der Fortschrittsbalken einem vor den Kopf stößt

Nun lege ich das Handy weit weg, bedanke mich artig bei Markus für den Tipp und starte endlich das Spiel. Hui, das dauert mir jetzt aber auch zu lange mit der Ladezeit, also schaue ich parallel nochmal in der Zettelsammlung in der Hülle des Spiels. Redeem your Audio Pack. Redeem what now? Nein, nein das brauche ich nicht. Ist ja schließlich auch kein Code drauf und da mich das ganze Marketingmaterial so darauf angefixt hat, die deutschsprachige Version von Kassandras Abenteuern zu spielen, ist der Zettel für mich ja total irrelevant. Ich habe Nerven und auch meinen ganzen Zeitvorsprung mittlerweile verbraucht. Von wegen früher nach Hause kommen und früher spielen. Ist ja die Konsolenversion – einlegen und losspielen und nicht am PC mit irgendwelchen Treibern etc. rumfummeln müssen. Schön bequem auf der Couch direkt mit dem Abenteuer loslegen. Nach den ersten drei Stufen ins Glück bzw. ins Abenteuer, die es eben heutzutage zu nehmen gilt.

Ein lauter Aufschrei eines englischsprachigen Begriffs für Geschlechtsverkehr später erkenne ich die bittere Wahrheit: Redeem your Audio Pack. Jup, der deutsche Ton muss runtergeladen werden und ist nicht auf der Disc und somit auch nicht nach bereits erfolgter Installation, Patch und droelf (unbestimmte Kölschezahl!) aktivierten Codes auf der Festplatte der Konsole. Nochmal zwanzig Minuten auf den fertigen Download warten. Zwanzig Minuten in denen ich im Kopf diesen Artikel schreibe, mir im Kopfkino Zurück in die Zukunft 3 ansehe und mich frage, ob ich mit dem Zug von Doc Brown Bethesda daran hinter könnte, die stinkende Pferdedecke und damit den Virus auf die Menschheit loszulassen. Parallel starrt mich vom Couchtisch eine Dose Energydrink an mit exklusivem Kram per Code für das neue Call of Duty. Die leere Dose daneben will mir irgendwas für Destiny 2 mit einem Code schenken.

Was ist hier bloß los? Vor lauter Vorbestellerboni und sonstigem Addon-DLC-Code-Kram wird nicht nur der Spielstart verzögert, sondern ich habe eigentlich zu keinem Zeitpunkt mehr das Gefühl, auch heute, nach der Platin-Trophäe, alles gesehen zu haben und alles im Spiel getan zu haben. Habe ich wirklich das vollständige Spiel gehabt? Nicht falsch verstehen, dass wir heute in Spielen schneller und mehr qualitativ hochwertigen Nachschub bekommen, statt ewig auf große Addons zu warten, begrüße ich. Aber nur dann, wenn es sinnvoll ist und zum fairen Preis. Auch dann, wenn ein DLC etwas ganz anders macht als das Hauptspiel. Inhaltlich ist das Far Cry 5 geglückt, qualitativ leider nicht. Far Cry Blood Dragon wird mir im Gegensatz dazu immer mit einem Grinsen im Gedächtnis bleiben. Genau mein Geschmack.

Wunsch-as-a-Service

Games-as-a-Service ist der neue Trend und eigentlich möchte ich ihn mögen, wenn ich über längere Zeit mit tollen, neuen, zusätzlichen Inhalten zu Titeln zurückkehren kann, ohne das Gefühl zu haben, dass mir an anderer Stelle etwas vorenthalten oder vielleicht aus dem eigentlich fertigen Spiel rausgeschnitten worden ist. Dieses Ganze hier beschriebene Problem und das Gefühl, der Virus, immer fehlt irgendwas, können nur Entwickler und Publisher heilen. Wenn sie denn wollen. Und das betrifft explizit nicht nur Ubisoft und Bethesda, sondern alle da draußen. Gebt mir bitte das Gefühl, dass mich ein vollständiger Zug beim Start eines Spiels abholt und nehmt mir den gefühlten Druck, mir mein vollständiges Spiel über zig Anlaufstellen zusammenpuzzlen zu müssen. Und bei der nächsten Konsolengeneration bitte alles auf UHD-Blu-Ray, in der Hoffnung, dass ich dann keine Sprachdateien mehr runterladen muss. Ich zahle gerne den vollen Preis und bin Vorbesteller oder Release-Tag-Käufer. Liefert mir dafür im Gegenzug doch gerne das komplette Spiel. Teaser und andere Hinweise auf kommende Inhalte bitte erst eine gewisse Zeit nach der Veröffentlichung eines Spiels. Ein dezenter Hinweis im Sinne von „da kommt was“ ist OK. Aber bitte nichts darüber hinaus. Überzeugt mich mit eurem Produkt, erzeugt damit in mir den Wunsch nach mehr und dann, dann freue ich mich gerne über den Ausblick auf eben dieses Mehr!