Erkundigt man sich im HiFi Bereich mal nach wirklich guten Headsets, dann bekommt man oft die Antwort „Gibt es nicht, kauf dir gute Kopfhörer!“. Auf der anderen Seite stehen wiederum Artikel, die felsenfest behaupten, klanglich wären gute Kopfhörer doch gar nicht auf den Gamingbedarf abgestimmt und natürlich schwört auch der eine oder andere Zocker auf sein Highend Gamingheadset. Aber wo liegt bei alldem eigentlich die Wahrheit? Spoiler Alert, bei beidem. Oder auch bei keinem von beiden. Denn es kommt wie so oft im Leben auf die ganzen Details an.

Viele, viele bunte Headsets

Ja, es gibt ganz schön viel Schrott bei Gaming Headsets. Der reicht übrigens von billig bis teuer. Und früher war der Schrott irgendwie die Regel. Es war einmal vor langer Zeit, in einer weit, weit entfernten Spielegalaxis. Da war das Maß der Dinge für den geneigten PC-Spieler meist sowas wie das Speedlink Medusa 5.1, das pro Ohrmuschel ganze vier, dafür ziemlich gurkigen, Treiber verwendete, um eine halbgare Variante von ‚echtem‘ Kopfhörersurroundsound zu vermitteln. Unter Nichtberücksichtigung des menschlichen Hörapparates. Aber das ist eine andere Geschichte und sie soll in einem anderen Artikel erzählt werden. Kurz gesagt, lange Zeit waren nicht alle, aber sehr viele Headsets wirklich Mist oder bestenfalls mäßig. Klanglich bestenfalls effekthascherisch, nicht gerade selten schnell kaputt und von akustischer Bühne oder räumlicher Darstellung oft meilenweit entfernt.

Es gab aber auch zu der Zeit gute Headsets. Schon alleine von den namhaften Kopfhörerherstellern. Eines davon, das Beyerdynamic MMX 300, hat beispielsweise bis heute einen sehr guten Ruf, und das trotz des nicht gerade niedrigen Preises. Interessanterweise basiert es auf einem Studiokopfhörer. Und damit ist es nicht alleine. So basiert die HyperX Cloud Reihe, und nicht nur die, auf Studio-Kopfhörern eines sehr großen, chinesischen Herstellers. Tatsächlich kann man sogar eng verwandte Kopfhörer kaufen. Oder die weitestgehend baugleichen Qpad Headsets. Dabei sollte man sich direkt im Klaren sein, dass es gar nicht schlimm ist, wenn OEM-Fertiger namhafte Hersteller mit Headsets beliefern. Denn einerseits haben auch Firmen in Fernost, wie Takstar, Superlux und andere, mittlerweile reichlich Know How, mal ganz abgesehen von den Fertigungskapazitäten. Und andererseits gelten für Headsets am Ende eben doch weitestgehend die gleichen Spielregeln wie für Kopfhörer. Allerdings muss man unter anderem je nach Anwendungsfall unterscheiden. Doof aber auch.

Von Zwillingen und Geschwistern

Ach ja, Beyerdynamic. Ich mag die Kopfhörer aus Heilbronn. Und das nicht nur, weil sie in fast jedem Tonstudio der Welt zu finden sein dürften. Mal abgesehen davon, dass die Ersatzteilversorgung vorbildlich ist und die Dinger einfach saubequem für meine Ohren sind, dank Studiogenen haben die meisten Beyer-Hörer auch eine Abstimmung, die feine Details gut zum Tragen bringt. Das ist natürlich auch im Gaming praktisch. Weniger praktisch ist, gerade bei Betrieb am Controller oder der Switch, dass mein DT 880 Black Special Edition mit seinen 250 Ohm gerne einen potenten Kopfhörerverstärker sehen will. Kein Wunder also, dass das MMX 300 Headset zwar auf dem DT 770 basiert, aber auf der nicht so beliebten 32 Ohm Variante. Wesentlich leichter anzutreiben aber sozusagen nicht so präzise. Der Custom Game ist im Prinzip sogar nix anderes als ein Custom One Pro mit ‚richtigem‘ Mikro.

Das HyperX Cloud und baugleiche Geschwister basieren wiederum auf dem Takstar Pro 80. Während der mittlerweile nicht mehr ohne weiteres zu bekommen ist, bekommt man die Headsets nach wie vor problemlos. Es gibt allerdings noch unbekannte Geschwister. Beispielsweise den Omnitronic SHP-600 Kopfhörer. Der ist aber offen und klingt nicht nur deswegen ganz anders als das HyperX Cloud. Aber warum?

Offen bis zur geschlossenen Gesellschaft

Generell unterscheidet man bei Kopfhörern zwischen geschlossenen, halboffenen und offenen Modellen. Die haben ihre Vor- und Nachteile und deswegen auch unterschiedliche Anwendungszwecke. Die Geschlossene Bauweise bietet deutlich mehr Geräuschabschirmung in beide Richtungen und meist auch den druckvolleren Bass, ist aber generell weniger räumlich, wird prinzipbedingt wärmer an den Ohren und in den meisten Fällen auch als klanglich weniger ‚echt‘ empfunden. Im Tonstudio nutzen Musiker deswegen eher geschlossene Hörer, weil sie Umgebungsgeräusche, aber auch Crosstalk, ausklammern wollen. Der Toningenieur dagegen setzt meist auf offene Hörer.

Außerdem hat das Ohrpolster in vielen Bereichen Einfluss auf den Klang. Persönliche Erfahrung ist z.B., dass Softskin Polster oft (aber nicht immer) für zahmeren Hochton sorgen. Wie war das jetzt zum Beispiel mit dem SHP-600 und dem Cloud?

Letzteres schirmt Umgebungsgeräusche dank der geschlossenen Bauweise ziemlich gut ab, der offene Omnitronic macht das fast gar nicht. Außerdem hat er weniger Bass und mit den anderen Ohrpolstern tatsächlich mehr Hochton. Mir übrigens zu viel. Zumindest ohne Modding. Aber das nur am Rande. Denn dem Thema widmen wir uns ein anderes Mal.

Ganz wichtig, man sollte hier nicht zwischen besser und schlechter unterscheiden, sondern je nach Anwendungsfall gehen. Ich selbst nutze gerne offene und geschlossene Headsets und -phones. In einer lauten Umgebung, egal ob das nun ein Wettkampf ist, unterwegs oder weil halt noch andere Leute im gleichen Zimmer sind, ist der geschlossene Hörer fast schon Pflicht. In anderen Fällen kann das offene System nicht nur angenehmer sein, sondern z.B. wegen der besseren Räumlichkeit auch echte Vorteile haben. Leider sind die meisten Headsets einfach geschlossen. Die Auswahl an offenen Modellen und erst recht an guten ist ziemlich spärlich. Gute, offene Kopfhörer kriegt man dagegen teilweise schon zum Budgetpreis. Für den Geheimtipp Superlux HD 681 fangen die Preise zum Beispiel schon bei 20,-€ an. Nach oben ist die Skala dann offen. Der sehr gute Beyerdynamic DT 880 liegt um die 160,-€ und für den Preis des Focal Utopia kann man sich gleich mehrere OLED-Fernseher kaufen.

Mike and Amping

Chatten gehört für Spieler oft dazu. Dazu braucht es ein Mikrofon. Am besten ein gutes. Leider enttäuscht das eine oder andere Headset hier, während manche Modelle auch richtig gute Mikros bieten. Tatsächlich können unter anderem alle drei im Artikel genannten Headsets beim Mikrofon punkten. Und das ganze auch noch ohne Kabelsalat. Bei Kopfhörern wird das Thema da schon deutlich komplizierter. Man kann zwar auf ein Ansteckmikrofon für ein paar Euro setzen, auf das teure aber sehr gute ModMic von Antlion oder auf verschiedene Lösungen, die preislich dazwischen liegen, Kabelsalat ist hier aber vorprogrammiert und Mikros ohne Richtwirkung nehmen auch alle möglichen Umgebungsgeräusche mit. Das mag vielleicht super sein, wenn man andere Spieler nerven will, bei teambasierten Titeln ist es aber ganz schnell Käse.

Ja, man kann einen Kopfhörer auch als Headset nutzen. Mit passendem Mikrofon auch richtig gut. Aber abgesehen davon, dass das schnell ins Geld gehen kann ist es schlicht weniger praktisch, und darüber sollte man sich vorher im Klaren sein.

Ebenso wichtig ist die Frage, woran ihr eure Hörer nutzt. Gerade die Switch ist ziemlich geizig mit Verstärkerleistung. Von allen ‚direkt an der Konsole‘ Varianten ist die Ausgabe bei der Xbox vielleicht noch die lauteste. Das reicht beim DT 880 in der 250 Ohm Variante aber bestenfalls für gemäßigte Pegel. In der 600 Ohm Variante wird es noch schlimmer. Und das Problem gibt es bei vielen hochwertigen Kopfhörern. Die wollen ordentliche Signalverstärkung, an Kopfhörerverstärker oder direkt dem Kopfhörerausgang eures AV-Receivers oder HiFi Amps kommt ihr da oft nicht vorbei.

Genügsamer sind beispielsweise der oben genannte Superlux oder auch die niederohmigen Beyerdynamic. Im Zweifelsfall hilft aber nur ausprobieren. Bei Headsets ist die Sache meist einfacher. Dort sind die Treiber normalerweise auch für weniger starke Verstärker ausgelegt, wie es sie in Xbox und PlayStation Controllern oder der Switch gibt.

Der Klang, die Auflösung und der ganze Rest

Kann mein HyperX Cloud mit meinem Beyerdynamic Black Special mithalten? Oder mit einem Sennheiser HD 600? Die kurze und knappe Anwort wäre vielleicht nein. Zumindest wenn es um Klangtreue, Abbildung und ja, die Auflösung geht. Wobei sich die beiden Kopfhörer schon deutlich unterscheiden. Auch beim Spieleton haben die HiFi Kopfhörer gewisse Vorteile. Allerdings haben meine Headsets auch so ihre Vorteile. Und ja, mittlerweile tragen so einige Headsets auf dem Markt sowieso die gleichen Gene in sich wie gute Kopfhörer. Schwierig wird es vor allem noch, wenn man offene Headsets sucht. Auch so kleine Details wie Kabellänge (gerne mal drei Meter bei HiFi Kopfhörern) sollte man nicht völlig ignorieren. Persönlich nutze ich gerne beides. Und meine Lieblings-Headsets hatten bisher alle ihren Ursprung bei Kopfhörern. Die gern gegebenen Schwarz-Weiß Empfehlungen von auf jeden Fall Headset oder auch alle Headsets sind Mist, die sind in der Praxis jedenfalls beide Quatsch.