Gamescom Congress 2017: Games (endlich) als Kulturgut in der Politik angekommen

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Größer, weiter, schneller – die Gamescom ist ein Garant dafür, wie man jährlich an Zahlen zulegen und neue Rekorde einheimsen kann. 350.000 Besucher auf 200.000 Quadratmeter, eine 1000 Quadratmeter ausgebaute Indie Arena Booth und über 900 Aussteller, immer wichtigere Messeformate wie „Women in Tech Day“ oder die Devcom – dies alles formt die Gamescom zu einem der wichtigsten Events in der Gaming-Branche und katapultiert die Messe mehr und mehr in der Rangliste der größten Messen Deutschlands nach oben. Eine weitere Zahl, die vielfältig bereits vor der Messe in den Medien kursierte, war 150. Genau so viele politische Vertreter sollen ihren Weg auf der Gamescom 2017 gefunden haben, darunter viele Bundestagskandidaten, Landtagsabgeordnete und Spitzenfunktionäre aus allen Partei-Ebenen. Nicht zuletzt durch den Besuch und der Eröffnung von Bundeskanzlerin Angela Merkel ist es auch dem desinteressiertesten Besucher auf der diesjährigen Gamescom 2017 deutlich geworden, dass dieses Jahr eindeutig die Politik im Spiel ist. Ob einige der Volksvertreter sich wirklich in die Fan-Wellen des Messegeländes geworfen haben, um manchmal an einem Stand abzuspringen oder um mehrere Stunden für ein Spiel anzustehen, ist unbekannt. Zweifelsfrei bildet die Showkulisse der Gamescom jedoch eine Abwechslung zum Bundestag. Die Branche feierte sich selbst und das zurecht, wenn man die weitläufigen, tempelartigen Messehallen von EA, Blizzard und anderen Big Playern der Branche in Betracht zieht, in denen die Präsentation der Spiele in kuriosen, farbenfrohen und lauten Bühnen- und Rock-Konzert-Kulissen mit nicht wenigen hübsch anzusehenden Damen die Frage aufwirft, ob „Ausstellen“ noch das richtige Wort ist. Und doch bietet die Gamescom mehr als reine Show, abseits des hektischen Treibens fand im Congress-Centrum Nord der Koelnmesse abermals 2017 der Gamescom congress statt, der sich für alle Teilnehmer als eine Oase der Ruhe erwies – und auch eine Vielzahl an interessanten Vorträgen beinhaltete. Bei der Netzwerkplattform trafen sich Schaffende aus der Games-Branche, Bildung, Industrie, Politik und Kunst zusammen, um unter dem Leitthema „Mehr als Spiele“ über Seins-Zustand und Zukunft der Games in Deutschland und darüber hinaus zu diskutieren.

Heiß her gings in der „Wahlkampfarena“

Das „Mehr-Konzept“ scheint nicht nur für die Gamescom zu passen, auch das Programm der Vortragsreihen selbst folgte dem Schema in gleich fünf Dachthemen, in denen sich die unterschiedlichen Speaker verteilten. Diese Dachthemen steckten die Bereiche Wissen, Business, Gamification, Recht und Leben ab. Obendrein fand in der Open Stage der ein oder andere besondere Sprecher Gehör. Wenige werden die Eröffnungsveranstaltung verpasst haben, die zum Start des Kongresses im Hauptsaal stattfand und nach dem Eröffnungstalk schnell in das Highlightthema „Wahlkampfarena“ mündete. Hier war der Name Programm, denn Generalsekretäre und Bundesgeschäftsführer von CDU, SPD, Die Linke, Bündnis 90/Die Grünen sowie FDP lieferten sich auf der Bühne (leider) keinen virtuellen, dafür einen intensiven, verbalen Schlagabtausch.
Auf der anderen Seite und als Sprachrohr der Gamer standen die erfolgreichen YouTuber LeFloid und PietSmiet sowie Colin Gäbel von den Rocket Beans als Interviewer bereit, welche die Politiker mit Fragen löcherten. Digital-Politik sowie ein verändertes Bildungssystem mit integrierter Medienkompetenz sowie eine Aufwertung der Games-Branche und eSport in Deutschland waren nur einige der Themen, die angerissen wurden. Erfreulicherweise klang durchgängig bei allen Beteiligten die Meinung durch, dass Videospiele zum Kulturgut dazugehören. Nachdem dies Bundeskanzlerin Angela Merkel bereits vor der Gamescom 2017 in einem Video verkündet hat, scheint sich der Trend auch bei den Kollegen und Kolleginnen durchzusetzen. Man wird nicht müde, diese nicht selbstverständliche Einstellung zu Videospielen hervorzuheben, wenn man sich in Erinnerung ruft, das in Deutschland vor knapp zehn Jahren mit der Killerspieldebatte noch ein ganz anderer Wind geweht hat. Trotz der Euphorie, dass Games in der Alltagswahrnehmung mehr und mehr gefestigt sind und Gamer nicht mehr als Sonderlinge angesehen werden, die keine Hobbys haben, fragt sich, wie viel Input die Politik nun wirklich liefern kann, nachdem sich alle einig geworden sind, dass Games doch irgendwie wichtig sind. Bei der Frage nach dem „Wie“ der Förderung und der weiteren Kulturarbeit verblieb es dann leider bei vielen theoretischen Ansätzen, doch sollte die Frage nach der Games-Förderung auch der Tenor bei vielen anderen Vorträgen des Gamescom congress 2017 bilden.

Gamification, Geschichten und Kunst

Nach der „Wahlkampfarena“ verteilten sich die Teilnehmer der Veranstaltung auf die fünf Dachthemen. Prof. Dr. Linda Breitlauch, Professorin für Game Design an der Hochschule Trier leitete beispielsweise mit ihrem Keynote „Spiele – ein Multitool für die Wirtschaft“ das Dachthema „Mehr als Gamification“ ein. Längst ist es kein Geheimnis mehr, dass auch Gebiete abseits der Games-Branche auf den Erfolg der Spieleindustrie aufmerksam geworden sind. Gamification, sprich die Verwendung von artypischen Games-Elementen, außerhalb eines Games selbst, erfreut sich mehr und mehr Zuspruch in Wirtschaft und Industrie. Vor allem im deutschen Raum spielt Industrie 4.0 eine große Rolle. Insofern Systeme und Anwendungen durch Spielmechanismen ergänzt werden, erfährt der Mitarbeiter durch entsprechendes Feedback, wie sie in Spielen vorkommen, einen Motivationsschub, um effizienter und zufriedener zu arbeiten. Dies dient letztlich nicht nur eine positivere Mitarbeiter-Kultur zu schaffen, sondern dem wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmen als Ganzes. Breitlauch stellte viele gelungene Beispiele anhand von Gamification-Anwendungen vor und wie die Integration im wirtschaftlichen Bereich noch verbessert werden kann.

Wie vielfältig das Programm des Gamescom congress 2017 ist, zeigte sich auch auf der Open Stage Bühne. Unter den vielen Vortragenden befand sich beispielsweise der russische Bestseller-Autor Dmitry Glukovsky, den meisten eher bekannt durch die Metro-Buch-Reihe und noch eher durch die Games aus demselbigen Universum, Metro 2033 und Metro: Last Light. Anschaulich und unterhaltsam erzählte Glukovsky in seinem Vortrag „Story-Welten: Vielfältige Dimensionen der Unterhaltung“ von seinem Werdegang als Autor und wie sein erster Erfolg dadurch begründet war, dass er seine Werke online frei für die Leser zu Verfügung stellte und so eine ungeahnte Reichweite erlangte, wodurch Verlage auf ihn aufmerksam wurden. Für Glukovsky stellen das Internet oder Games sowie alle Medien nur Möglichkeiten dar, um Geschichten zu erzählen. Insofern man die Eigenheiten des Mediums erkennt und nutzt, lassen sich ganze Story-Universen kreieren. So gelingt es Glukovsky in seinen Folgeromanen und Games im Metro-Universum verschiedene Storys zu erzählen, die in einer Art Patchwork harmonieren. Im Folgebuch Metro 2034 fokussiert die Geschichte beispielsweise um eine Nebenfigur des ersten Metro-Games Hunter, während das zweite Metro-Game, Metro: Last Light, weiterhin um den Hauptcharakter Artjom kreist. Ebenso hat Glukovsky stets die Federführung bei den Story-Lines der Spiele, so fordert er die Entwickler beispielsweise auf, jedem NPC im Spiel individuelle Dialoge zuzuweisen, welche diese charakterisieren und real erscheinen lassen. Glukovsky beweist mit seinem erfolgreichen Schaffen in Romanen und Games eindeutig, dass die althergebrachte Meinung, Spiele können keine Geschichte transportieren, längst überholt ist.

Paul Galloway vom Museum of Modern Art in Manhattan geht in seinem Vortrag „Art in our time – Video games at MOMA“ noch einen Schritt weiter als Glukovsky, Games als Möglichkeit des Geschichten-Erzählens zu sehen, in dem er Videospiele schlicht als Kunstobjekte anerkennt und dafür wirbt, dass mit diesen auch so umgegangen wird. Das MoMA in New York hat sich dies auf die Fahne geschrieben und in ihrer Dauerausstellung Spieleklassiker aufgenommen, die wie Kunstwerke ausgestellt werden und gleichberechtigt neben Werken wie Pablo Picasso hängen dürfen. Dabei ist Paul Galloways Ansatz ein ganz einfacher: Games-Kunstwerke vor dem Vergessen bewahren und zugleich auf ihre Bedeutung aufmerksam machen. Denn obwohl die Videospiel-Geschichte nun einige Jahrzehnte auf dem Buckel hat, herrscht ungeachtet dessen bei vielen bis heute stets die Meinung vor, dass deren Werke alberner Zeitvertreib und nicht Kulturgut sei. Dieses Falschdenken kann in den folgenden Jahren fatal sein, denn die Künstler der einstigen Pioniergeräte und -spiele befinden sich im fortgeschrittenen Alter und werden alsbald der Nachwelt lediglich auf Bildern und Videos erhalten bleiben. Deswegen offeriert das MoMA diesen Künstlern mit ihren Kunstwerken eine renommierte Bühne, so beispielsweise Allan Alcorn, der Pong entwickelt und einstmals einen jungen Spunt namens Steve Jobs bei Atari angestellt hat. Oder Alexei Paschitnow, dem Erfinder von Tetris sowie Tomohiro Nishikado, der hinter Space Invaders steht. Viele dieser Namen sind selbst langjährigen Gamern unbekannt, was zeigt, wie wenig Wahrnehmung die Gameswelt für ihre eigenen Schöpfer hat.

Diese Auswahl an Vorträgen zeigt auf, wie vielfältig der Gamescom congress 2017 die Gameswelt beleuchtet und dass die Inhalte wirklich „Mehr als Spiele“ sind. Sowohl der Kongress als auch die Gamescom 2017 machen insbesondere durch die starke Präsenz und Zustimmung der Politik Hoffnung, dass die Wahrnehmung und Akzeptanz des Kulturguts Games weiter gefestigt wird und dadurch neue Möglichkeiten für Kreativschaffende in diesem Bereich etabliert werden.

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Passionierter Gamer seit ich mich erinnern kann. Angefangen hat die Videospiel-Reise mit NES und Gameboy, seither der Gameswelt verfallen und bis heute alle Genres auf verschiedensten Plattformen ausprobiert. Affinität zu allen neuen Technologien und Gaming-Innovationen. Beschäftigt sich mit Games auch auf wissenschaftlicher Basis (Game Studies), hält Vorträge, macht Tagungen und arbeitet in einem Mobile Games Unternehmen.

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