Es ist schon ein bisschen erstaunlich. In unserer immer digitaleren Welt verzaubert seit einiger Zeit ausgerechnet ein Analogmedium immer mehr Musikfans. Und dann auch noch so ein unpraktisches. Immerhin braucht man zwei Polyvinylchlorid-Frisbees von 30cm Durchmesser, um annähernd das an Musik unterzubringen, was früher mal auf eine CD passte. Und dabei sind CD’s heutzutage doch schon so furchtbar umständlich. Warum sollte man sich das eigentlich antun? Kann das überhaupt was? Oder ist Vinyl doch eher was für Spinner? Ich behaupte mal nein, LP’s sind nicht für jeden, aber auch nicht nur für Spinner. Für Musikfans und Sammler sind Vinyl-Schallplatten das Non plus ultra.

Immer dieser Tech-Nick

Ganz viele Vinylfans behaupten, die schwarzen Scheiben wären das Beste wo gibt, um Musik zu hören. An der Stelle mal ganz ehrlich, technisch ist das Quatsch. Und trotzdem haben Platten einfach das gewisse Etwas wenn es um den Sound geht. Außerdem, und gerade wegen der Technik, und weil Schallplatten nicht im Mainstream sind, schlagen sie sich mit vielen Problemen gar nicht rum. Dafür gibt’s halt andere Eigenheiten.

Ein ganz dicker Vorteil von Platten ist, dass sie sich nicht für grenzwertig laute Abmischungen eignen. Bei CD’s oder Streams sieht das anders aus. Musikanbieter nutzen das oft gerne bis zur Schmerzgrenze aus. Schon seit den 90ern gibt es etwas, das Spezis als Loudness War bezeichnen. In der Praxis sind das Abmischungen, die so laut sind, dass sie permanent übersteuern (clippen) und deswegen eher mies klingen. Das Promiopfer schlechthin ist hier Californiacation von den Red Hot Chili Peppers. Eigentlich ein wirklich tolles Album, das auf CD aber auf gut Deutsch „Kacke“ klingt.

Bei der LP geht sowas nicht. Wohl mit ein Grund, warum die olle Vinyl nie so richtig sterben wollte. Selbst laut abgemischte LP’s die zu Clipping neigen, machen das auf ganz andere, weichere Art als CD’s. Dazu kommen aber eine ganze Reihe anderer Punkte, die Vinyl einfach angenehm klingen lassen. Größeres Übersprechen zwischen den Stereokanälen macht das Klangbild kompakter, durch natürliche Kompression klingt die Platte gerne mal wärmer und druckvoller. Und der oft sogar weniger lineare Frequenzgang als bei CD’s und High Res Audio sorgt für mehr Wärme im Sound.

Erlebnis LP

Mehr ist halt nicht immer besser. Die kleinen Macken der Schallplatte wie Knacksen und Grundrauschen haben ihren ganz eigenen Reiz, auch wenn man sie eigentlich nicht haben will. Vinyl ist halt auch eigenwilliger und irgendwie lebendiger. Klingt komisch, is aber so. Viele Vinylfans kennen und lieben die kleinen Fehler ihrer Schätzlein auch geradezu.

Der Sound ist aber nur die halbe Miete beim Musikerlebnis. Das fängt schon beim gar nicht so kleinen Karton an und beim Gewicht. Eine 12″ (12 Inch, stolze 30cm) Schallplatte wiegt 130 bis 180 Gramm, manchmal sogar mehr. Das hat schon was. Viele Label geben sich außerdem auch richtig Mühe, wenn es um die Außenverpackung geht. Die Schallplatten stecken meist in wirklich sehr schönen, stabilen, oftmals aufklappbaren Kartonhüllen. Die Platte selbst steckt in einer Papierschutzhülle. Am besten sind diese Hüllen antistatisch. Es schadet nicht, sich solche Antistatikhüllen zuzulegen, wollt ihr länger etwas von euren Platten haben. Zwar kein Muss, aber manche nehmen Platten mit einem Recordbuttler aus der Hülle, denn die guten Stücke sind äußerst empfindlich was Fingerabdrücke angeht. Wirklich wichtig ist, die Scheiben vom Staub zu befreien, natürlich mit einer speziellen Bürste. Die besonderen Prozeduren der ganz bekloppten Vinylfans sind mal mehr, mal weniger ausgeprägt. Das ist also schon etwas anderes, als sich schnell seinen bevorzugten Track aus der Playlist zu angeln oder, wenn es hochkommt, die CD aus dem Regal zu nehmen.

Fakt ist, dass alleine schon Hülle und Gewicht für ein bewussteres Hören sorgen. Das gilt erst recht, wenn man plötzlich nicht mehr einfach so skippen oder vorspulen kann. Klar, wer sich mit seinen Platten auskennt, der kann den Tonarm vielleicht punktgenau bei dem Lied absetzen, das er gerade hören wollte. Das geht aber nicht mal so nebenbei auf Knopfdruck. Für viele ist das auch eine Art musikalische Umerziehung. Eine LP eignet sich für viel mehr als Hintergrundgedudel nebenbei. Allein durch das Auflegen der Platte hört man die Musik viel bewusster und entspannt dabei ganz anders. Dazu gehört halt auch die ganze Haptik und natürlich auch der Plattenspieler. Ganz anachronistisch ist der einfach so völlig anders als alle heutigen Player, die irgendwie doch immer gleich funktionieren auch visuell.

Was es nicht alles so gibt

Hörspiele zum Beispiel, anfang der 80er hatten Spiele meistens keinen richtigen Soundtrack und Hörspiele auf Schallplatte waren noch ganz normal. Ich hatte sogar selber mal welche allerdings nur zu Enid Blyton Geschichten, und nicht zu Asteroids, Yars Revenge oder Missile Command. Die Schwerpunkte hier liegen klar auf einer Story, die teilweise ziemlich weit von den Spielen weg geht.

Wesentlich ergiebiger wird es in der zweiten Hälfte der 80er. Gerade von japanischen Entwicklern findet man so einige Compilations. Namco Video Game Graffiti, Konami Game Music, oder eben auch Falcom und Data East Game Music. Im Prinzip findet sich von fast jedem wichtigen Publisher mindestens eine Scheibe mit Best Of Anstrich. Viele dieser Platten sind mittlerweile aber auch extrem selten und generell gelten japanische LP’s als ziemlich hochwertig. Sollte man entsprechende Vinyls also überhaupt mal auftun, sind diese meist ziemlich teuer.

Ab Ende der 80er werden Spielesoundtracks auch sortenrein, auf Vinyl aber nicht unbedingt häufiger. Es bleibt auch meistens bei japanischen Platten. So findet man alte LP’s etwa zu Yuzo Koshiro, der unter anderem für die Soundtracks zu Shinobi, Streets of Rage oder Actraiser zeichnet. Als eher schlecht gilt dagegen eine englische LP zu Street Fighter 2. Zur Boomzeit der CD waren Schallplatten in europäischen Gefilden leider oft zweitklassig. Bei WipEout und WipEout 2097 gab es zwar ordentliche Kost vom Major Label, die aber gerade bei Teil 1 stark vom Soundtrack abwich.

Seit den 2000ern wird die Situation allerdings immer besser. Gerade japanische Titel finden sich mittlerweile oft auf LP, in den meisten Fällen arbeitet der Publisher hier direkt mit einem Musiklabel zusammen. Und man findet wirklich alles Mögliche: Streets of Rage oder Castlevania ebenso wie eine umfangreiche Final Fantasy Vinyl Compilation. Die Durchschnittspreise, die Nippon-LP’s im Westen erzielen, sind allerdings oft hoch. In manchen Fällen bekommt man für das Geld einen sehr ordentlichen Plattendreher. Mit Labels wie Data Discs, die größtenteils Sega Soundtracks rausgebracht haben, ist auch das Vereinigte Königreich vertreten.

Richtig spannend ist das Angebot von iam8bit.com. Aus Kalifornien stammend hat iam8bit auch einen UK-Onlinestore und reichlich Vinyl-Soundtracks für Liebhaber. Neben einem limitierten Skyrim Soundtrack, finden sich auch Indie-Games wie Cuphead, Klassiker wie Sunset Riders, Sonytitel wie Last Guardian und Uncharted 4 oder Microsoftspiele wie Ori und Quantum Break. Ein kleiner Schatz, den der Autor sein Eigen nennt, ist z. B. Hero of Time, Musik aus Ocarina of Time neu arrangiert und orchestral eingespielt. Optisch macht die Platte einiges her, die Schutzhüllen sind aber leider etwas empfindlich und teilweise sollen bei der ersten Pressung fehlerhafte Vinyls mit Tonproblemen dabei gewesen sein. Die Musik jedenfalls ist hier über alle Zweifel erhaben, für Zeldafans eine absolut lohnenswerte Scheibe. Optisch machen die Scheiben mit Marble Effekt auch einiges her.

Aber irgendwas fehlt noch. Wie steht es denn um hiesige Anbieter? Da war doch was? Richtig, wir hatten schon einen Artikel über Black Screen Records, und natürlich ein Gewinnspiel. Einige der Vinyls von Black Screen Records sind mittlerweile schon vergriffen, denn jeder einzelne Release ist limitiert. Toll für Sammler auf der Suche nach rarem, schade für alle anderen. Denn die Scheiben von Black Screen Records können sich nicht nur sehen lassen, sie machen auch auf dem Plattenteller eine gute Figur. Bei den Abmischungen für Vinyl, die wirklich anders sein müssen als für digitale Musik, wurde wirklich saubere Arbeit geleistet. Auch wenn etwa der Downwell Soundtrack definitiv etwas spezieller ist, die Mischung an Stilrichtungen ergibt ein richtig rundes Angebot. Earthworm Jim kommt als 16-Bit Klassiker z. B. auch mit gelungenen Remixes daher. Jessica Currys choraler So Let Us Melt Soundtrack lädt dann einfach zum Augen schließen und träumen ein. Mit farblich passenden Antistatikhüllen, hochwertigen Kartons und sauberen Pressungen können die Vinyls aus deutscher Produktion jedenfalls voll und ganz überzeugen. Codes für Digital Copies liegen nicht immer aber oft bei.

Auch der Mafia 3 Soundtrack ist durchaus hörenswert. Wenn auch qualitativ leider ein Griff ins Klo, die Musik versetzt einen durchaus ein paar Jahre zurück. Leider auch nicht fehlerfrei, der Halo 5 Soundtrack. Die Abmischung ist wirklich gelungen, aber bereits dünner Karton und einfache Papierhüllen können nicht so richtig überzeugen. Obendrein ist vor allem die B-Seite der ersten Platte oft wellig, was im Extremfall für leiernden Klang sorgt. Obendrein ist der beiligende Code für eine runterladbare Digitalkopie mittlerweile abgelaufen.

Für Sammler ist die steigende Masse an Game Soundtracks definitiv eine schöne Sache. Von Call Of Duty über Shadow of the Colossus bis Castlevania ist alles dabei. Bereits dieses Jahr erschienen ist beispielsweise auch der Soundtrack zu Thimbleweed Park. Und diese dürfte gerade für Sammler ein besonderes Stück sein. So zählt sie zu den sogenannten Colored Vinyls. Die meisten Schallplatten sind einfach und schlicht nur schwarz mit Papplabel. Gerade für Liebhaber sind die farbigen Scheiben also noch mal etwas ganz besonderes.

Plattenbau

Es muss nicht immer Vinyl sein. Ein orchestraler Soundtrack wie bei Skyrim ist digital jedenfalls detaillierter, klarer und oft auch räumlicher, wenn er gut gemacht ist. Außerdem muss man auch nicht alle zwanzig Minuten aufstehen und die Platte drehen oder wechseln. So ist das halt mit dem besser oder schlechter, es hängt oft vom eigenen Standpunkt und Vorliebe ab. Es lohnt sich aber definitiv, auch in analogen Gefilden auf die Jagd zu gehen. So einiges klingt auf Schallplatte mindestens genauso gut wenn nicht besser. Mal ganz davon abgesehen, dass LP’s im Regal oder in der Hand wesentlich mehr hermachen als CD’s, von Musikdateien oder reinem Streaming mal ganz zu schweigen.

Was die Hardware angeht, sind die Preise nach oben offen, es geht aber auch relativ günstig. Klassische HiFi Anbieter wie TEAC haben mittlerweile so ziemlich alle wieder Plattenspieler im Angebot. Hier sollten zumindest 300 bis 400 Euro eingeplant werden. Günstiger geht es mit Geräten wie dem Dual DTJ 301, die um 150 bis 250 Euro liegen. Einen Plattenspieler für viele tausend Euro zu finden, ist aber auch überhaupt kein Problem. Die Grenzen sind nach oben offen. Sparfüchse machen sich wiederum etwas schlau und wildern dann im Gebrauchtmarkt. Mein eigener Dreher ist z. B. ein stolzer 40 Jahre alter Panasonic, dank solider Mechanik und vernünftigem Tonabnehmer muss der sich vor neueren Geräten aber nicht verstecken.

Die meisten der neuen Plattenspieler bringen von Haus aus bereits einen verbauten Vorverstärker mit und brauchen auch keinen Phono Eingang. Je nachdem ob euer Verstärker einen Phono-Ausgang und euer Plattenspieler bereits einen Vorverstärker hat, müsst ihr eventuell nochmal mindestens 40,-€ in einen Vorverstärker investieren. Neuere Plattenspieler lassen sich ganz einfach per USB mit dem PC verbinden oder besitzen sogar einen Bluetooth-Anschluss. Das hat durchaus einige Vorteile, immerhin fällt so der lästige Kabelsalat weg.

Worin man wirklich investieren sollte, sind die bereits erwähnten Pflegeartikel. Antistatiktuch oder Bürste sind hier das absolute Minimum, was man seinen Platten gönnen sollte. Man findet aber so ziemlich alles Sinnige und Unsinnige, was man für Geld und gute Worte kaufen kann. Es gibt sogar spezielle Waschmaschinen für Schallplatten: Stichwort Fettfinger.

Aber keine Panik, der Start in die Vinylwelt muss gar nicht teuer sein. Ein guter Gebrauchter oder ein günstiger Einsteigerdreher können schon locker ausreichen.. Das Wichtigste ist am Ende eh die Musik.