Watch Dogs 2 im Test – Hipster proben den Aufstand

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Als damals der erste Teil von Watch Dogs angekündigt wurde, war ich geflashed und ich erinnere mich noch gut daran, dass das Spiel Thema in der nächsten Mittagspause war. Es sah verdammt gut aus und eigentlich war klar, dass das fertige Spiel nicht so aussehen wird. Trotzdem hatte Watch Dogs mit dem Hype und den astronomisch hohen Erwartungen zu kämpfen. Auch wenn das Spiel etwas hinter den Erwartungen zurückblieb, war es von Anfang an als Mehrteiler geplant und so ist nun der zweite Teil der Reihe auf den Markt gekommen.

DedSec zieht es nach San Francisco

screenshot-watch-dogs-2-04Watch Dogs 2 ist anders als sein Vorgänger. Während man Aiden Pearce, den Protagonisten aus Teil eins, noch in einem eher düsteres Rache-Szenario durch Chicago gejagt hat, wechselt der Schauplatz nun um ins sonnige San Francisco. Aufgrund der Vorkommnisse um das ctOS hatte man eigentlich geglaubt, dass die Idee der Smart City Geschichte ist, doch dabei hat man sich anscheinend getäuscht. Mit der Version 2.0 gehen ctOS und die Smart City nun in San Francisco in die zweite Runde, was die Hacker-Gruppierung DedSec verhindern möchte. Das Szenario, welches dort gezeichnet wird, dass selbst Spielzeuge und Haushaltsgeräte miteinander vernetzt sind und die gesammelten Daten ohne die Einwilligung der Nutzer verwendet und analysiert werden, ist nicht wirklich weit hergeholt. Die Befürchtungen gibt es ja auch in der realen Welt und ausufernde Datensammelwut wird nicht selten von diversen Experten und Datenschützern kritisiert. Von sozialen Netzwerken und dem Internet wollen wir gar nicht erst anfangen.

Aufgrund der Thematik konnte man gar keinen besseren Ort als San Francisco für Watch Dogs 2 wählen. Immerhin sind dort oder im Umland wie dem Silicon Valley zahlreiche der weltgrößten Tech-Firmen angesiedelt. Etwa Google, Facebook oder Apple, die allesamt auch irgendwie im Spiel vorkommen. Zwar wird zu Anfang des Spiels routinemäßig darauf hingewiesen, dass Parallelen zu echten Personen oder Ereignisse reiner Zufall sind, so ganz glauben mag man das aber nicht. Das fängt schon damit an, dass man zur Navigation NudleMaps nutzt, der Daumen hoch beim sozialen Netzwerk Invite kommt einem auch irgendwie bekannt vor und die Firma Blume, welche für das ctOS 2.0 verantwortlich ist, erinnert mich immer wieder an Apple.

Marcus statt Aiden

Mit Marcus Holloway alias Retr0 übernimmt man nicht nur einen neuen Charakter, man merkt auch schnell, auch sonst hat sich sehr viel bei Watch Dogs 2 geändert. Alles ist hipper, alles ist bunter und heller, keine Rachegelüste mehr im verregneten Chicago. Fühlt sich fast ein wenig an wie Los Santos aus GTA 5, ist es aber nicht. Das Spiel beginnt damit, dass man eine Aufnahmeprüfung bestehen muss, um Mitglied bei DedSec zu werden. Ins ctOS eindringen und das eigene Profil löschen. Ein Vorhaben welches noch nie jemand geschafft hat, also gerade gut genug, wenn man bei DedSec dabei sein möchte.

screenshot-watch-dogs-2-02Wie man sich denken kann, ist es für uns als Retr0 ein Klacks und das Profil schnell gelöscht. Von nun haben wir direkten Zugang zum DedSec Hauptquartier, welches sich versteckt im Keller eines Brettspiele-Ladens befindet und von wo die Aktionen der Hackergruppe gesteuert werden. Wer jetzt aber einen riesigen Apparat und eine hochprofessionelle Umgebung erwartet, wird enttäuscht sein. Eher fühlt sich das neue DedSec wie eine Gruppierung von ein paar jungen Erwachsenen an, die etwas aufmucken und Aufmerksamkeit wollen, wenn man sich nicht gerade mit den ganz großen aus dem Sillicon Valley, der chinesischen Mafia und sogar dem FBI anlegen würde. Was sich vielleicht etwas abwertend liest, fühlt sich im Spiel ganz und gar nicht so an. Durch die aktuellen Themen und die doch eher hippe Darstellung der Hauptdarsteller, ist Watch Dogs 2 zugänglicher als der erste Teil und man kann sich besser mit der Thematik identifizieren. Auch die immer wieder auftretenden popkulturellen Einflüsse wie Musik oder Gespräche zwischen den Protagonisten, ob denn jetzt Alien oder Predator das stärkere Monster ist, tragen dazu bei. Zwar geht durch den Humor und die fehlende Ernsthaftigkeit ein wenig die Tragweite der Aktionen verloren, aber ich finde es dennoch authentisch und ich kann mir schon vorstellen, dass es tatsächlich so oder zumindest ähnlich in solchen Hackergruppierungen abgeht.

Ach übrigens, für diejenigen, die den ersten Teil entweder nicht zuende oder gar nicht gespielt haben sei gesagt, das ist gar nicht schlimm. Zwar wird hier und da mal auf den ersten Teil Bezug genommen und mit „Ray“ nimmt auch eine Figur aus dem ersten Teil eine nicht ganz unwichtige Position in der Kampagne ein, aber das ist nicht weiter wild. Man muss den ersten Teil nicht kennen, um in Watch Dogs 2 klarzukommen.

Die Kampagne ist dabei auf 15 Hauptmissionen aufgeteilt, die jeweils noch einmal in verschiedene Teile unterteilt sind, so dass man nicht gezwungen ist diese an einem Stück zu spielen. Wenn man möchte kann man zwischendurch auch eine von 20 Nebenmissionen einschieben oder die Stadt erkunden und verschiedene Sammelgegenstände wie Sehenswürdigkeiten zu besuchen. Passend zum Gesamteindruck des Spiels, muss man diese nicht einfach besuchen, sondern ein Selfie mit sich und eben der jeweiligen Sehenswürdigkeit im Hintergrund schießen. So wie es ein echter Hipster halt auch tun würde. Für nahezu alles was man macht, bekommt man Follower und App-Downloads, was bei Watch Dogs 2 im Prinzip die Erfahrungspunkte ersetzt. Ziel ist es, durch aufsehenerregende Aktionen möglichst viele Leute auf DedSec aufmerksam zu machen und dazu zu screenshot-watch-dogs-2-12bewegen, die DedSec-App runterzuladen. Ähnlich wie bei Seti kann die Gruppierung so ein wenig Rechenpower der Geräte abzapfen, auf denen die App installiert ist, um Blume anzugreifen.

Da es sich um ein Hacker-Spiel handelt, bestehen genau wie im ersten Teil die Missionen größtenteils aus dieser Tätigkeit. Ab und zu müssen auch mal Personen ausgeschaltet oder wichtige Zielpersonen befreit werden, aber am häufigsten geht es eben ums Hacken. Obwohl das Prinzip nahezu identisch wie beim Vorgänger vonstattengeht, man muss verschiedene Weichen umstellen um den Datenstrom entsprechend zu lecken, macht es im zweiten Teil deutlich mehr Spaß und ist abwechslungsreicher. Ein Grund dafür ist, dass diese Rätsel in die dritte Dimension übertragen wurden und dadurch kniffliger sind. So muss man teilweise durch Räume laufen oder mit einer Drohne um Häuser fliegen, um alle Punkte bzw. Weichen einsehen zu können. Da wären wir auch direkt beim nächsten Grund, warum Watch Dogs 2 abwechslungsreicher ist als noch Teil eins. Es gibt Drohnen. Je nach Spielfortschritt stehen euch bis zu zwei Drohnen zur Verfügung. Beide können aus sicherer Entfernung ferngesteuert und in einen sogenannten Sperrbereich manövriert werden. Die eine Drohne fährt dabei über den Boden, kann zum Beispiel durch Lüftungsschächte kommen und für euch verschlossene Räumen erreichen, die andere fliegt durch die Luft und ist besonders hilfreich, um Wege auszukundschaften, die ihr mit Retr0 und seinen Parcour-Fähigkeiten erreichen könnt.

Nicht nur durch die Drohnen ergeben sich in den Missionen verschiedene Möglichkeiten, um diese erfolgreich zu beenden. Möchte man unentdeckt bleiben oder sich doch lieber den Weg freischießen? Bei der zweiten Option müsst ihr natürlich mit mehr Gegenwind rechnen, da die verbleibenden Einheiten Verstärkung rufen. Wie bereits aus dem ersten Teil bekannt, kann man auch hier wieder zahlreiche Gegenstände hacken, um wie im Falle von Überwachungskameras das Areal auszukundschaften, Dinge wie Gabelstapler fernzusteuern oder mit beispielsweise Stromkästen gegnerische Waffen auszuschalten oder kurzzeitig außer Gefecht zu setzen. Mit den Drohnen ist es aber bei manchen Missionen auch möglich diese abzuschließen, ohne den Sperrbereich überhaupt selbst zu betreten. Denn Daten können zumindest auch mit der Boden-Drohne heruntergeladen und an Retr0 übertragen werden.

„Deine Lippen bewegen sich, aber es kommt nur Scheisse raus.“

screenshot-watch-dogs-2-01Diese oder ähnliche Dialoge hört ihr gerne mal, wenn ihr euch einfach zu Fuß durch das virtuelle San Francisco bewegt. Ubisoft hat es geschafft ein sehr belebtes und authentisches Erlebnis zu erschaffen, welches der realen kalifornischen Metropole wirklich nahekommt. Die Gespräche, welchen ihr beim Umherlaufen lauschen könnt, sind unheimlich vielfältig und klar, zwar wiederholen sie sich irgendwann, aber das erst sehr spät oder sehr, sehr selten er Fall. Auch hatte ich den Eindruck, dass sich die Gesprächsthemen je nach Stadtteil bzw. Stadt in der man sich gerade befindet unterschieden haben. In San Francisco wird sich über andere Dinge unterhalten, als im Silicon Valley oder Oakland. Auch die ausgeprägte schwul-lesbische Szene, die aus San Francisco nicht wegzudenken ist, hat auf eine unaufdringliche und authentische Weise ihren Platz im Spiel gefunden.

Bekannte Fixpunkte und Sehenswürdigkeiten findet man im Spiel genauso wieder, wie die berühmten Cable-Cars, welche sogar genutzt werden können. Kleiner Tipp, macht es einfach mal, es gibt dafür einen Erfolg. Insgesamt kann man sagen, dass der Umfang des virtuellen San Francisco in etwa dem New York aus The Division entspricht.

Und wo wir gerade schon beim Umfang der Watch Dogs 2-Welt sind. Sie ist groß und, haltet euch fest, sie steht euch von Beginn an in vollen Umfang zur Verfügung. Wenn ihr wollt, dann könnt ihr direkt einen Abstecher nach Palo Alto machen, auf die Golden Gate Bridge passieren und dann wieder zurück nach San Francisco cruisen und auf dem Weg ein paar Sammelgegenstände sammeln. Die mittlerweile gefürchtete Ubi-Formel wird hier nicht angewendet, es müssen keine Aussichtspunkte erklommen werden, um weitere Teile der Karte zugänglich und sichtbar zu machen, auch wenn Retr0 das mit seinen Parcour-Skills sicherlich locker geschafft hätte.

In der Vergangenheit fand man diese Technik in nahezu in jedem Ubisoft-Spiel wieder. Assassins Creed, The Division mit den Safehouses oder sogar The Crew bedienten sich dieses Features, um neue Missionen auf der Karte sichtbar zu machen. Das hat bei Watch Dogs 2, endlich ein Ende gefunden, Danke!

Sommer, Sonne und Strand mit kleinen Schönheitsfehlern

screenshot-watch-dogs-2-08Ich hatte es anfangs schon mal erwähnt, grafisch erinnert Watch Dogs 2 fast ein wenig an GTA 5, was aber natürlich am Setting und der Ähnlichkeit von San Francisco mit Los Santos hat. Auch wenn das eigentliche Vorbild von Los Santos ja nicht San Francisco, sondern Los Angeles ist. Wie auch immer, die Anmutung ist ähnlich und ich würde auch sagen, dass es der Detailgrad ist. Das meine ich absolut positiv.

In meine Forza Horizon 3 Review habe ich kritisiert, dass die Stadt Surfer City etwas tot und leblos wirkt, die Vegetation dagegen nicht. Bei Watch Dogs 2 ist das ein wenig andersrum. Die Stadt beziehungsweise die bewohnten Gebiete sehen richtig gut aus und wechseln sich angenehm oft ab. Ich hatte nie das Gefühl, dass sich Gebäudetypen ständig wiederholen. Das ist wie gesagt außerhalb der Stadt etwas anders. Hier hätte ich mir ein wenig mehr Lebhaftigkeit und Abwechslung gewünscht.

Insgesamt ist die grafische und soundtechnische Umsetzung wirklich gut, ohne einen richtigen WOW-Effekt zu erzeugen. Einfach aus dem Grund, weil man schon mehrere Open-World Spiele auf diesem Level gesehen hat. Das bedeutet nicht, es wäre schlecht, aber es sticht eben auch nicht heraus. Dazu kommt auch noch, dass ich auf dem Testsystem, der Xbox One S, vereinzelt Framerate Einbrüche und Tearing-Effekte beobachten konnte. Wirklich gestört hat es nicht, aber aufgefallen ist es mir schon.

Übergangsloser Multiplayer, er funktioniert

Ein Feature auf welches Ubisoft im Vorfeld gerne hingewiesen hat, ist der übergangslose Multiplayer. Das bedeutet, dass man nahtlos vom Single- in den Multiplayer wechseln kann, ganz ohne Ladebildschirm oder einen Cut. Leider hatte das anfangs gar nicht funktioniert, so dass Ubisoft sich gezwungen sah dieses Feature in den ersten Tagen nach Release komplett zu deaktivieren. Immerhin nur vier Tage hat es gedauert, bis der Fehler für die Probleme gefunden und beseitigt werden konnte.

Ab da funktionierte der Multiplayer auch wirklich zuverlässig. Man kann übergangslos über Deadsec die App auf dem virtuellen Handy wo man sowohl Online- als auch Singleplayer-Missionen findet, eine Multiplayer-Mission auswählen und diese laden. Im Hintergrund wird dann ein Partner gesucht, mit dem man die gewählte Mission absolviert. Meistens sind auch diese Missionen mit Hacken oder befreien von Zielpersonen verbunden. Wenn man die Möglichkeit hat sich mit dem Gegenüber abzusprechen, erhöht das natürlich die Chance erfolgreich zu sein, zumindest wenn ihr nicht entdeckt werden wollt. Wählt man den brachialen Weg mit viel Feuerwaffeneinsatz, sollte man auch hier schnell sein und möglichst viele Gegner umlegen. Allerdings ist dieses Vorgehen Online deutlich einfacher als in einer Singleplayer-Mission. Gemeinsam kann man sich erheblich leichter schützen und gegenseitig unterstützen.

Möchte man nicht mit-, sondern gegeneinander spielen, dann geht das natürlich auch. Hierbei gibt es die beiden Modi Hacker-Invasion und Kopfgeldjagd, bei der man seinen Gegner entweder hacken und Daten runterladen oder eben neutralisieren muss.

Der Multiplayer bietet einem in Watch Dogs 2 definitiv ein wenig Abwechslung, aber mehr als ein nettes Gimmick ist es für mich nicht. Schon allein weil es kein Level-System oder sonstige Anreize gibt, ist der Mehrwert eher gering. Übrigens, ebenso schnell wie im Multiplayer, ist man auch wieder zurück im Singleplayer.

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Watch Dogs 2
Präsentation (Grafik, Sound) 85%
Gameplay 86%
Atmosphäre/Story 93%
Multiplayer 75%
Spielspaß 85%
84%
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Watch Dogs 2 hat mich irgendwie überrascht. Auch mich konnte der erste Teil nicht richtig überzeugen und habe den Controller irgendwann beiseite gelegt. Davon war ich beim zweiten Teil die gesamte Zeit über weit entfernt. Ich finde die Story und Protagonisten deutlich zugänglicher und man kann sich viel besser mit letzteren identifizieren, als mit dem racheerfüllten Aiden Pierce. Grafisch reißt es zwar keine Bäume aus, bewegt sich aber trotzdem auf einem sehr hohen Niveau. Auch wenn man den ersten Teil nicht mochte, sollte man Retr0 und DedSec unbedingt noch einmal eine Chance geben.

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About The Author

Videospiele-Fan seit vielen Jahren. Alles hat damals mit dem guten alten Game Boy angefangen. Seitdem begleitet mich das Thema, was in einer in meinen Augen ansehnlichen Nintendo Retro-Sammlung endete. Neben dem alten Nintendo-Kram bin ich aber auch seit der ersten Generation der Xbox treu.

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