Dragon Quest VII: Fragmente der Vergangenheit – Ein defragmentierter Test

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Ach ja, die gute alte Zeit. Damals hieß es noch Nintendo gegen Sega, PlayStation gegen Saturn, SquareSoft gegen Enix und Final Fantasy gegen Dragon Quest. Gerade die letzten beiden hatten eine große Gemeinsamkeit, denn mit dem siebten Teil erfolgte der Wechsel auf Sonys Megaseller PlayStation. Es gab allerdings auch einen gravierenden Unterschied. Während amerikanische Spieler sich 2001 zwar über einen reichlich späten Release freuen durften, zeigte Enix kein Interesse sich mit der Glückszahl Sieben endlich auch auf den europäischen Markt zu wagen. Mittlerweile ist Dragon Quest wieder bei Nintendo heimisch und gerade die hauseigenen Handhelds bekamen in den vergangenen Jahren neben neuen Serienteilen auch Remakes der alten. So dürfen Japaner bereits seit letztem Jahr den vormals PlayStation 2 exklusiven achten Teil auf dem 3DS spielen. Die mittlerweile zu Square Enix fusionierten JRPG Giganten zeigen allerdings auch weiterhin wenig Interesse Dragon Quest in den Westen zu bringen. Den gegenüber Japan um drei Jahre verspäteten Release haben wir letztlich Nintendo zu verdanken. Bleibt die Frage: Hat sich die Wartezeit eigentlich gelohnt?

Eine Insel mit zwei…

screenshot-dragon-quest-7-06angehenden Möchtegernhelden stellt den Startpunkt unseres Abenteuers, die allerdings prompt unter Beobachtung stehen. Unser serientypisch frei benennbarer Held und sein Kumpel Prinz Gismar schrauben nämlich heimlich an einem Boot herum. Weil die blöden Jungs sie nie mitspielen lassen, versucht die Bürgermeisterstochter Maribel wiederum permanent, den Jungs auf die Schliche zu kommen. Einig sind die drei sich nur in einem Punkt, es muss mehr auf der Welt geben als dieses eine Eiland namens Estard, auch wenn die Erwachsenen hartnäckig behaupten, dass diese eine Insel das einzige Fleckchen Erde weit und breit wäre.

Immerhin ist der Vater unseres Protagonisten Kapitän des großen Fischerbootes von Buttsbüttel, das sich wie jedes Jahr wieder auf große „Fangtour“ begeben soll. Der bringt von der diesjährigen Fahrt auch prompt ein seltsames Fragment mit. Und diese Fragmente spielen bald eine wichtige Rolle.

Denn Prinz Gismar arbeitet neben dem Boot hartnäckig daran, endlich einen Eingang in einen alten Tempel zu finden. Mit Hilfe unseres Helden und eines weisen alten Mannes gelingt das auch und nachdem wir, mit passenden Hinweisen vom Tempelgeist, ein paar Gegenstände geholt haben, dürfen wir auch Tor Nummer Zwei öffnen. Dahinter wartet kein Zonk, sondern ein Raum mit merkwürdigen Säulen auf denen einzelne Fragmente liegen. Genau so ein Fragment war es auch, das unser „Fischervater“ mitgebracht hat.

Es kommt wie es kommen muss: Nachdem die Fragmente passend platziert sind, öffnet sich ein Portal und Maribel, die uns natürlich gefolgt war, flutscht natürlich ebenfalls durch besagtes Portal und das eigentliche Abenteuer beginnt. Abhängig davon, ob ihr viele oder wenige Dialoge gelesen habt, sind bis zu dieser Stelle locker zwei bis drei Stunden vergangen und ihr habt noch keinen einzigen Kampf erlebt. Das ändert sich jetzt aber ziemlich schnell.

screenshot-dragon-quest-7-07In der Vergangenheit auf einer anderen Insel gelandet und erstmals völlig planlos, trifft das Trio nach dem ersten Kampf auf die ominöse Helga, die auf dieser Insel noch eine wichtige Rolle spielen wird. Die junge wehrhafte Dame geleitet uns zwar bis zum ersten Dorf, aber nicht hinein. Im Dorf stellen wir fest, dass alle anderen Frauen verschwunden sind. Schlimmer noch: Sie wurden von den Monstern verschleppt und sollen erst wieder freigelassen werden, wenn die Männer ihr komplettes Dorf verwüstet haben. Natürlich kann unser Trupp das alles nicht so stehen lassen und nimmt sich der Situation an. Nachdem die Probleme der Insel in der Vergangenheit beseitigt sind, können wir in unsere Gegenwart zurückkehren und stellen dort überrascht fest, dass die besagte Insel aus dem Meer aufgetaucht ist. Fix unser Boot flott gemacht und die Insel besucht, stellt sich schnell heraus, dass auch hier eine lange Zeitspanne vergangen ist und sich niemand dort mehr an unsere Helden und ihre Abenteuer erinnert.

Dafür entdecken wir weitere Fragmente, übrigens nicht nur in der Gegenwart. Nach und nach lassen wir immer mehr Inseln aus der Versenkung auftauchen, auf denen immer seltsamere Dinge zu geschehen scheinen, allerdings immer in der Vergangenheit. Allmählich zeichnet sich dann auch ab, dass all diese Inselschicksale in irgendeiner Form zusammenhängen. Wie genau, das verrät die Handlung allerdings erst später.

Zeit spielt hier (k)eine Rolle

So elementar die Rolle der Zeit auf der Handlungsseite ist, so viel davon sollte man auch für Fragmente der Vergangenheit mitbringen. Der stark vereinfachte Tempel der Mysterien beschleunigt den Start ins eigentliche Abenteuer zwar sichtlich, aber wie bereits erwähnt, vergehen alleine hier schon schnell drei Stunden, richtig los geht es aber erst nach zirka zwanzig. Dann solltet ihr das Jobsystem freigespielt haben und das grundsätzlich einfache Kampfsystem legt deutlich zu. Denn charakterspezifische Eigenschaften hat man ab Stufe 15 alle erlernt. Bis dahin muss man sich mit klassischen Charaktereigenschaften begnügen. So ist die ziemlich flinke Maribel eine klassische Magienutzerin mit screenshot-dragon-quest-7-02wenigen Lebenspunkten. Gismar wiederum kann ordentlich austeilen und einstecken, hat dafür aber die magische Begabung eines Kiefernzapfens. Unser Held schließlich stellt das Universaltalent der Anfangstruppe dar.

Neben weiteren, natürlich auch erst nach einigen Stunden dazustoßenden Partymitgliedern bietet schließlich besagtes Jobsystem weitere Abwechslung und großen Einfluss auf das Kampfsystem. Der Clou dabei ist, dass bestimmte Klassen auf anderen aufbauen. Ist eine Klasse erstmal gemeistert, darf fleißig weitergelernt werden. Das macht sich mit dem Remake auch optisch bemerkbar.

Leider frisst auch eine der Schattenseiten reichlich Zeit, nämlich die Laufwege. Zwar wurde das Remake auch hier entschlackt, dennoch läuft man viele Routen immer und immer wieder mal ab. Alleine der Weg von Buttsbüttel zum königlichen Schloss kann euch schlimmstenfalls nach einigen Spielstunden schon nerven. Manch anderes altes JRPG bietet hier bereits mehr szenische Abwechslung und Tempo, während neuere Titel viel schneller durchstarten. Bei all dem bösen Backtracking wird es nicht wirklich langweilig, was auch bezeichnend für die Qualität von Dragon Quest VII ist. Einen besonderen Reiz stellen andererseits die neuen, alten Inseln dar. Denn vom ersten Besuch unserer Helden in der Vergangenheit bis zur Gegenwart ändert sich meist nicht gerade wenig. Tempel verschwinden, Dörfer werden aufgebaut, Minen ausgeräumt und mehr.

Audiovisuell macht Dragon Quest VII eine gute Figur. Gerade hier kann tatsächlich ein Nostalgie-Flash vorkommen, ohne das Spiel je gespielt zu haben. Das liegt einerseits an den gelungen umgesetzten Charakterdesigns von ‚Mister Dragonball‘ Akira Toriyama. Anders als in der PlayStation Fassung strahlen diese auf dem 3DS in ihrer vollen Pracht und wecken wohlige Erinnerungen an die Neunziger. Die Hintergründe können hier nicht immer ganz mithalten, insgesamt gesehen aber dennoch überzeugen. Auch werden sie von einem Problem nicht geplagt an dem die Figuren leiden. Von jenen gibt es nämlich abseits der Helden überraschend wenige Varianten. Da wäre etwa das Modell „Alter Mann mit Glatze und Bart“ (Erinnert an Muten Roshi aus Dragonball, ist nicht so notgeil, lauert aber dafür an jeder Ecke) oder das Modell Priester, das zu jeder Zeit und in jeder Kirche gleich aussieht. Und weil nun mal in der Kirche gespeichert wird…

screenshot-dragon-quest-7-08Das alles wäre sicher weniger unverständlich, gäbe es für die Protagonisten nicht gefühlt unendlich viele Jobkostüme. Da wäre aber auch der gelungene Soundtrack. Der macht auch nach Stunden immer noch Laune. Dabei gilt hier ebenfalls, dass Spiele-Soundtracks heutzutage abwechslungsreicher, allerdings einzelne Kompositionen nicht zwingend besser sind.

Schließlich und endlich wäre da noch die Übersetzung. Die nun wirklich absolut an ‚damals‘ erinnert. Und zwar nicht an die berühmt-berüchtigte Final Fantasy VII Lokalisierung, sondern den Maßstab bilden hier all die guten Arbeiten, wie sie gerade bei Nintendo zu finden waren. Allerdings samt manch seltsamer Namenswahlen und Figuren, die mit Dialekt spielen. Humor und Wortspiele kommen bei Dragon Quest generell vor. Die Reihe nimmt sich nie so bierernst wie ein Final Fantasy, auch wenn die Grundthematik durchaus seriös sein kann. Entsprechend hat Buttsbüttel in jeder Sprache mit Fisch zu tun. Etwas anders sieht es mit den Namen von Persönlichkeiten aus, beispielsweise heißt Gismar in den USA Kiefer und in Japan Kiefa. Im Rahmen der Übersetzung passen die Namenswahlen zwar, oft hätte man, wie bei Maribel, aber näher am Original bleiben können.

Dennoch bietet Dragon Quest VII: Fragmente der Vergangenheit hier nicht nur Erinnerungen an vergangene Zeiten, sondern reichlich viel Charme. Es wäre mit mehr Charaktermodellen, etwas mehr Namenstreue und dergleichen aber eher noch besser geworden.

Old School

Bei allen Anpassungen: Old School ist Dragon Quest VII nach wie vor. Der Spielablauf wurde zwar im Anfangsbereich begradigt, einiges vereinfacht, Monster sind auf der Oberwelt sichtbar und es gibt sogar eine (etwas umständliche) Schnellspeicherfunktion, aber letztlich merkt man dem Spiel auch immer wieder das Alter an. So richtig speichern kann man nur in der Kirche, dafür aber auch wenn gerade kein Priester zur Hand ist. Und auch das Inventar ist etwas kompliziert, so gibt es neben dem Gruppeninventar ein Charakterinventar. Dessen Plätze sind begrenzt. Gegenstände darin können nur vom jeweiligen Charakter benutzt werden und soll ein anderer sie bekommen, müssen sie verschoben werden. Auch Verbrauchsgüter für den Kampf müssen genau dorthinein. Wiederbelebt wird serientypisch in der Kirche. Möglicherweise hätten es noch ein paar Änderungen mehr sein dürfen. In jedem Fall hat Dragon Quest VII: Fragmente der Vergangenheit seine Ecken und Kanten. Nicht immer ist alles ganz rund. Wer damit leben kann, bekommt ein wirklich gutes JRPG im typischen Stil, das einem auch eine ordentliche Dosis Nostalgie verpassen kann.

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Dragon Quest VII: Fragmente der Vergangenheit
Präsentation (Grafik, Sound) 84%
Gameplay 87%
Atmosphäre/Story 86%
Spielspaß 87%
86%
Readers Rating 94%
1 votes

So war das früher. Und nein, früher war ganz sicher nicht alles besser, aber so einiges war gut. Manches war sehr gut. Zugegeben, wenig war herausragend, dann aber so richtig. Dragon Quest VII: Fragmente der Vergangenheit ist immer noch sehr gut. Für Dragon Quest Fans dürfte es ohnehin Pflicht sein, wer nix gegen JRPG's dafür aber reichlich Zeit hat, macht hiermit nichts verkehrt. Dragon Quest VII bietet nicht nur reichlich Umfang, sondern immer noch viel Spaß.

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About The Author

1986, ein strahlender Sommer, ein Freund mit VCS, Schwarzweißfernseher, Space Invaders und Pacman. Seitdem lässt mich das Thema Telespiele nicht mehr los, egal ob Game Boy, Amiga, PlayStation, Xbox oder Wii U. Nicht mal vor dem PC hab ich halt gemacht. Einzig von Sportspielen lass ich generell die Finger.

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