Die Zwerge im Test – Ein Nerd in der Rolle seines Lebens

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Bei Vraccas! Was habe ich auf dieses Spiel gewartet. Seit Jahren schon bin ich ein großer Freund der Buchreihe „Die Zwerge“ von Markus Heitz. Die spannenden Geschichten rund um Tungdill Goldhand sollten jedem Fantasyfreund beim Lesen ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Nun, 2016, gibt es das passende Spiel zum ersten Teil der Bücher, nachdem die Finanzierung über Kickstarter erfolgreich angelaufen war. KING Art Games und THQ Nordic bringen zusammen mit dem Autor Markus Heitz die bärtigen Axtschwinger mit „Die Zwerge“ endlich auf den großen Schirm im heimischen Wohnzimmer. Mit einer recht wilden Mixtur aus Strategie, RPG und sogar Pen and Paper-Elementen feiern die haarigen Helden ihren Einstand auf PlayStation 4 und Xbox One.

Die Kinder des Schmieds

screenshot-die-zwerge-07In der Fantasy-Welt des Autoren Markus Heitz sind die Zwerge das härteste Volk unter dem Himmel des geborgenen Landes. Wobei die Zwerge ja eher in den Stollen ihrer Berge zu finden sind. Vraccas, ihr Gott und Schöpfer, schuf die Kinder des Schmieds einst zur Verteidigung des geborgenen Landes. So bewachen die Zwerge die Ländereien in jeder Himmelsrichtung mit ihren monumentalen Festungen, die noch nie ein finsteres Ungetüm von Außerhalb überwunden hat. Jetzt wäre Buch, wie Spiel, natürlich tendenziell eher langweilig, sollte sich dieser Umstand auf ewig bewahrheiten. Und so müsst ihr nach dem Tutorial mit ansehen, wie es die grässlichen Kreaturen Tions, dem Gott des Bösen, in Form von Orks, Ogern und Albae (Dunkelelfen) schließlich doch eines Tages fertig bringen durch eines der Portale auf die andere Seite zu gelangen.

Bärtige Abenteuer-Reise

screenshot-die-zwerge-08Gute 1000 Zyklen später schlüpft ihr in die zwergische Haut eines gewissen Tungdil Bolofar, einem ausgesetzten Findelzwerg, der unter der Obhut des Magus Lot-Ionan aufgewachsen ist. Seit 63 Jahren nun lebt Tungdil im Stollen des Zauberkundigen, wälzte dessen Bücher und brachte sich somit unter anderem ganz stilecht selber das Schmieden bei. Eines Tages jedoch unterbricht Tungdills Ziehvater dessen ruhiges Leben unter der Erde und entsendet ihn auf einen eigentlich simplen Botengang. Als sich herausstellt, dass die erste Reise unseres Helden gleich das Schicksal des gesamten Landes entscheiden sollte, seid ihr auch schon mittendrin. Die Zwerge ist fast keinem gängigen Genre zuzuordnen, beinhaltet der Titel doch Bestandteile aus vielen verschiedenen Spielen. Die Kämpfe laufen eher auf einer Basis eines Strategiespiels mit Helden-Fokus, während ihr auf der Karte der Oberwelt eher das Gefühl habt ein klassisches Pen and Paper-Abentuer zu erleben. Dieser Eindruck wird vor allem durch die Erzählstruktur des Titels verstärkt. Ähnlich einem Hörbuch erzählt euch ein Sprecher was ihr und eure Begleiter alles auf eurer Reise erlebt. Der größte Teil aller Texte ist übrigens original aus dem Buch entnommen und Markus Heitz selber war recht stark in die Entwicklung involviert, was sich besonders an der authentischen Atmosphäre bemerkbar macht.

Viele Charaktere – weniger Fertigkeiten

screenshot-die-zwerge-06Die restlichen Elemente kennt man aus normalen Rollenspielen. Für absolvierte Schlachten, erfüllte Quests und besiegte Feinde erhaltet ihr Erfahrungspunkte. Mit diesen erhöht ihr nach und nach die Stufe eurer Helden und verbessert neben der Anzahl der Lebenspunkte auch eure Skills. Jeder der Recken im Spiel verfügt über eine bestimmte Anzahl an Fertigkeiten, die er gegen die Ungetüme Tions einsetzen kann. Leider ist die Anzahl im Spiel relativ gering und viele Fertigkeiten kommen doppelt und dreifach vor. So verfügen mehrere Zwerge über einen seitlichen Schwinger, der mehrere Gegner gleichzeitig erfasst und zu Boden wirft. Dazu kommt, dass viele der Skills sich sehr ähneln. Tungdil schlägt mit seinem Schmiede-Schlag besonders hart auf einen Gegner ein, während die selbe Fähigkeit bei Boindal oder Bavragor einfach einen anderen Namen trägt. Ein exotischerer Charakter wäre die flinke Narmora, welche ihre Ausbildung bei Assassinen gemacht haben könnte. Neben Teleportation meuchelt sie Feinde am liebsten von hinten nieder.

Automatische Taktik statt Haudrauf-Action

screenshot-die-zwerge-05Das Kampfsystem selber mag einige zuerst einmal überraschen. Wirkliche Kontrolle über eure Gruppe von maximal vier Helden habt ihr nur bedingt. Standard-Angriffe führen sämtliche Charaktere automatisiert aus sobald sie in Reichweite zu einem Feind stehen. Primär gilt es also, eure Figur günstig zum Rest der Truppe und den Gegner zu positionieren, damit sie nicht flankiert werden kann und somit größeren Schaden einsteckt. Eure Mitstreiter agieren im Kampf zudem nicht besonders clever. So halten sie sich permanent aus den Kämpfen raus und schließen auch nie von alleine zu euch auf. Erst per Tastendruck versammeln sie sich um euch und unterstützen euch. Dabei verwenden sie jedoch keinerlei Spezialangriffe. Dieser Aspekt wird eine bewusste Entscheidung der Entwickler sein, weil der Clou später im Spiel sein wird, mit allen vier Charakteren in einem ständigen Kreislauf zu spielen und somit selber über die wertvollen Aktionspunkte entscheiden zu können. Mit der Zeit generieren eure bärtigen Freunde (auch die ohne Bart) besagte Aktionspunkte, mit denen ihr eure Skills benutzen könnt. Dies ist jedoch relativ selten der Fall und verdammt euch, grade am Anfang des Spiels, unangenehm lange zum Zuschauen. Denn habt ihr einmal eine gute Position für euch und euer Team gefunden läuft der Kampf fast wie von selbst. Nach einigen Spielstunden kommt jedoch etwas mehr Bewegung und ‚Action‘ ins Spiel. Eure Helden lernen mehr Skills, was wiederrum bedeutet, dass ihr öfter verschiedene Einzelaktionen ausführen könnt. Taktisch anspruchsvoll ist zudem, dass ihr jederzeit per Klick auf die oberen Schultertasten zwischen euren selbst gesteuerten Helden wechseln könnt. Habt ihr also mit beispielsweise mit Narmora eure Punkte verbraucht, wechselt ihr wieder zu Boindil und könnt die in der Zwischenzeit von ihm angehäuften Aktionspunkte gegen eure stinkenden Widersacher einsetzen. Auf diese Weise kommt zumindest ein wenig Dynamik in das sonst eher träge Kampfgeschehen, kann bei schwierigeren Missionen aber auch sehr schnell für Chaos sorgen. Neben dem, selbst für Strategiespielverhältnisse, etwas seichtem Kampfsystem sorgt vor allem die Kamera immer wieder für Frust. Fummeliges Nachjustieren endet nicht selten in Clippingfehlern, da ihr das imaginäre Aufnahmegerät immer wieder ungewollt in Levelbegrenzungen wie Mauern, Berge oder Wälder hinein dreht und somit die Übersicht verliert. Zudem sind manche Missionen um einiges schwerer als andere. Hier stimmt das Balancing teilweise einfach nicht, was zusätzlich für Frust sorgt.

Sieben Zwerge sollt ihr sein

screenshot-die-zwerge-10Auf der Weltkarte spielt sich der Titel ungewohnt altmodisch. Wer wie ich damals mit Bleistift und Charakterbogen ‚bewaffnet‘ auf einem Blatt Papier zusammen mit seinen Freunden Abenteuer in seinem eigenen Kopf erlebt hat, der wird schnell wissen was ich meine. Die Karte der Oberwelt ist in Dutzende Wegpunkte unterteilt auf denen ihr euch wie bei einem Brettspiel bewegen könnt. Jeder Zug steht für eine Tagesreise im Spiel. Während oder nach jeden Zug erzählt euch eine Stimme aus dem Off was euch während dieser Reise alles passiert ist. Mal trefft ihr auf andere Reisegruppen oder Händler mit denen ihr euch austauschen könnt, mal gelangt ihr in einen Orküberfall und es gilt eine kleine Schlacht zu schlagen. Besonders die Dialoge sind hierbei jedoch hervorzuheben und nehmen verblüffenden Einfluss auf den Fortgang der weiteren Geschichte. So löst ihr manche Quests lediglich mit längeren Gesprächen, in denen ihr euch teilweise genau überlegen solltet, wie ihr antwortet. Selten gelangt ihr auch in Gebiete, die es nur zu erkunden gilt. Diese sind jedoch recht überschaubar und eure einzige Aufgabe besteht darin, gewisse Hotspots zu finden und per Tastendruck im Point’n Click-Stil zu bestätigen.

Vraccas steh uns bei!

screenshot-die-zwerge-03Neben euren jeweiligen Hauptaufgaben steht es euch also quasi frei, das geborgene Land zu erkunden und einigen Sidequests auf den Grund zu gehen. Besonders viel Sinn für Humor zeigt das Studio mit der Implementierung einer Quest, in welcher ihr das legendäre Fest „Wackenstein“ starten sollt, wobei der Questgeber nach seiner Helga sucht. So gar nicht zur viel gerühmten zwergischen Handwerkskunst passt leider die technische Handwerkskunst der Entwickler. Wir haben das Spiel auf der Xbox One getestet und mussten mit teilweise gravierenden Mängeln kämpfen. Das Spiel ruckelte in manchen Kämpfen so extrem, dass man es fast als unspielbar bezeichnen könnte. Ein Austausch mit Spielern der PC-Version lässt erahnen, dass die Portierungen auf Xbox One und PlayStation 4 wohl nicht sonderlich gut funktioniert haben kann und das eigentliche Problem darstellt. Auch ein zwischenzeitlich veröffentlichter Day One-Patch mit einer Größe von 3,2 GB (Auf der PS4 6 GB) brachte keine wirkliche Besserung. Dabei laufen einige Schlachten weitesgehend normal, während andere eben kaum auszuhalten sind. Dieser Umstand ist sehr schade, da hierdurch der Spieleindruck und der Spaß doch erheblich getrübt werden. Hier sollte also dringend nachgebessert werden, da selbst Die Zwerge Fans wie mir dadurch gehörig die Laune verdorben werden kann. Dafür kann der Titel noch mit tollen Zwischensequenzen punkten, die jedoch leider nicht allzu häufig vorkommen. Über kleinere Abweichungen der Geschichte können Fans wohl hinwegsehen.

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Die Zwerge
Präsentation (Grafik, Sound) 56%
Story/Atmosphäre 82%
Gameplay 71%
Spielspaß 70%
69%
Readers Rating 0%
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Die Zwerge ist ein abenteuerlicher und ungewohnter Mix, der im Ansatz ein tolles Spiel darstellt. Leider drückt die technische Umsetzung der Konsolenversion den Gesamteindruck zwingend nach unten. Der Titel ist zudem durch seine Vermischung und den recht starken Fokus auf die Pen and Paper-Elemente eher ein Exot im heutigen Spieleregal. Wer hier also ein Action-Rollenspiel im Stile eines Diablo erwartet, der wird sehr bitter enttäuscht werden. Kenner der Bücher drücken wohl eher ein Auge zu, sei es wegen des Genres oder auch den technischen Defiziten. Ärgerlich sind vor allem Letztere, da die Ruckler in einem Maß auftreten, dass im Grunde einfach nicht zu entschuldigen ist. Glücklicherweise passieren diese technischen Katastrophen nicht ständig, sondern 'nur' in ca. fünf oder sechs Missionen bzw Kämpfen. Sollte Vraccas diese Mängel bei einer eventuellen Fortsetzung mit seinem Hammer zerschlagen haben, steht auch einer höheren Wertung kein Ungetüm im Wege.

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About The Author

Einen großen Teil meines Lebens verbringe ich nun an den Pads von allerlei Konsolen. Angefangen hat damals alles mit dem NES und zieht sich bis heute zur Xbox One. Gespielt habe ich in der Zeit auf allen gängigen Nintendo, Sony und Microsoft Konsolen. Am liebsten spiele ich Shooter, Rennspiele, Action-Adventures und Rollenspiele. Einmal im Monat werden aber auch die alten Kisten ausgepackt und es ist Retro-Abend in geselliger Runde.

2 Kommentare on "Die Zwerge im Test – Ein Nerd in der Rolle seines Lebens"

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