Kolumne: NES Mini oder die Entdeckung der Sinnlosigkeit des Erwachsenseins

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Nintendo Classic Mini, so heißt er und das ist er. Wahrscheinlich die erste Spielkonsole, bei deren Unboxing sich erwachsene Männer anhören wie Mädchen, die ein Hundebaby adoptieren. „Ist der photo-nintendo-nes-mini-01kleeeeeiiiiiiin! Wie süüüüüüüß!“ Spoiler: Das Gamepad hat zum Glück eine normale Größe und passt einigermaßen in die meisten Hände. Ist aber auch classic, womit sich sofort nostalgische Spielgefühle einstellen. Man hat einfach nur diese beiden Knöpfe und das Steuerkreuz und die Kanten bohren sich in die Ergonomischeres gewöhnten Handballen. Das mit den zwei Knöpfen wird später noch wichtig, weil es schon ahnen lässt, mit wie wenig Manöverfreiheit man auskommen wird: Rennen, hüpfen, zuschlagen. So einfach war die Welt mal.

Die praktischen Fragen zum Aufbau lösen sich quasi nebenbei, weil man so dringend losspielen will, und das Anschließen hier wirklich keine Raketentechnik ist: Strom kommt über die Playstation (USB sei Dank) und stehen muss das niedliche kleine Ding mitten im Wohnzimmer, weil man trotz minimaler Kabellängen so weit wie möglich vom Bildschirm entfernt sein will. In Vorab-Reviews wurde das gerne mit „not-bug-but-feature“-Mentalität verklärt: Warmes Erinnern ans zu-nah-vor-dem-Fernseher-auf-dem-Boden-sitzen stelle sich ein, das sei so schön nostalgisch. Ich habe als Kind nie vor dem Fernseher auf dem Boden gesessen, auch nicht beim Nintendo-spielen, kann das also nicht beurteilen. Aber Spoiler 2: Nach kurzer Zeit tut einem der Po weh. Auch mit Kissen.

Im Vorab-Menü kann man sich noch aussuchen, wie nostalgisch man es haben möchte: Pixelig, perfect pixelig, oder retro. Dann grübelt man noch kurz darüber nach, ob die Spiele damals englisch mit einem geredet haben („It’s dangerous to go alone! Take this.“).

Und dann sind sie einfach da, dreissig „Klassiker“, von denen jedes preislich ein Weihnachtsgeschenk dargestellt hätte, als ich elf Jahre alt war, und von denen ich deswegen höchstens ein Drittel mal gespielt habe. Inklusive samstags beim Hertie in der Spieleabteilung. Die dazugehörigen Booklets gibt’s zum Runterladen aufs Handy. Aber wer braucht schon Booklets. Hat man ja früher auch nicht gelesen. Also geht’s gleich los, nochmal Zelda spielen, nochmal die Castlevania-Musik hören, endlich mal Dr.Mario sehen, das man damals nie hatte, weil es vom Spielprinzip her zu nahe an Tetris dran war.

photo-nintendo-nes-mini-02Nach zwei Stunden, in denen wir fast jedes einzelne dieser dreißig Spiele angefangen und frustriert angeschrien haben, frage ich mich hauptsächlich, ob es sich bei dieser Kontraption um eine Metapher für die Entdeckung der Sinnlosigkeit der indefinitiven Möglichkeiten des Erwachsenseins handelt. Ich meine, mal ernsthaft: Dreißig Spiele! Auf einmal! Das ist ja wie im Süßigkeitenladen. Wie soll man sich da länger auf eins konzentrieren wollen? Einfach aufgeben nach zehn Minuten, das hätte es damals nicht gegeben. Die Dinger waren schließlich teuer gewesen. Und es gab ja nur das eine. Da musste man durch. Heute muss man gar nichts. Grafik langweilig, wie beim Radrennspiel? Nächstes. Steuerung unbequem (Kid Ikarus)? Weg damit. Hintergrundbildgestaltung macht epileptisch (Mega Man)? Weiter. Kultureller Hintergrund unverständlich (Football)? Muss nicht.

Ach und eins noch: Ich glaube, in diesem Haus ist noch nie soviel über neue Spiele geflucht worden. Viele von denen sind nämlich immer noch sauschwer. Man kann ja echt viele Dinge besser, wenn man erwachsen ist: Hand-Auge-Koordination gehört zumindest bei mir nicht dazu. Und hier zeigt sich ein weiteres Problem des Erwachsenseins: Die Frustrationstoleranz ist einfach nicht mehr so hoch. Nintendo hat das wohl vorausgesehen und clever eingebaut, dass man einen Zwischenstand „speichern“ kann. Dafür bin ich ihnen dankbar.

Lottes Fazit:

In nur einem Abend Spätachtziger-Jahre-Videospiel-Reenactment habe ich einiges über meine Kindheit gelernt. Wir waren mit weniger zufrieden. Wir hatten mehr Durchhaltevermögen. Und eine größere Frustrationstoleranz. Ich hatte das alles beinahe schon vergessen. Aber dann kam dieses niedliche kleine Gerät und hat mich daran erinnert. Dafür erhält es einen Ehrenplatz im Entertainmentmöbel (soviel Platz ist immer). Und jetzt, am nächsten Morgen, beschleicht mich ein Gefühl wie am ersten Weihnachtstag. Wie wohl der nächste Gegner bei PunchOut aussieht? Und ich wollte schon immer mal Metroid durchspielen. Zum Glück ist Samstag. Vielleicht könnte man noch so einen Sitzsack kaufen. Dann hat man es bequemer auf dem Fußboden.

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About The Author

Sebastian ist der Überzeugung, dass Erwachsensein in dem Moment beginnt, in dem man seinen Spielkonsum selbst finanzieren kann. Damit Lotte die PlayStation anbekommt, wenn er mal nicht da ist, hat er ihr ein Piktogramm an die Unterhaltungselektronik getackert. Wenn er da ist, benutzt er sie selber, während Lotte auf ihrem Handy Neko Atsume spielt. Sie sind seit 2008 befreundet und haben keinen Hamster.

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